Zur Ausgabe
Artikel 4 / 75
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hausmitteilung Titel, Sternekoch, Paraguay

aus DER SPIEGEL 22/2022

Titel

Sie sind die bisher größte Enthüllung zum Unterdrückungssystem, das der chinesische Sicherheits­apparat aufgebaut hat, um vor allem Uiguren massenhaft und will­kürlich zu internieren: die Xinjiang Police Files, Tausende Dokumente, noch nie gesehene Fotos, vertrauliche Behördenanweisungen. Sie alle widerlegen die Behauptung der chinesischen Führung, es handele sich bei den Hunderten Internierungslagern, die im Laufe der Jahre in der Region Xinjiang gebaut wurden, um Berufsbildungszentren, deren Insassen sich dort freiwillig aufhielten. Stattdessen sind Wärter mit Knüppeln zu sehen, verletzte Insassen, ein Mann auf einem Folterstuhl. Zugespielt wurde das Material dem deutschen Anthropologen Adrian Zenz, der von Whistleblowern schon früher interne Informationen aus dem chinesischen Sicherheitsapparat erhalten hat. Bedingungen stellte der Hacker nicht, es ist auch kein Geld geflossen. Chinakorrespondent Christoph Giesen kennt Zenz seit Langem, der SPIEGEL wertete die Xinjiang Police Files unter anderem mit der BBC, »El País«, »Le Monde«, dem International Consortium of Investigative Journalists, aus. In Deutschland war der Bayerische Rundfunk mit dabei. Geprüft wurde die Authentizität: Fotos wurden mit Satellitenbildern abgeglichen, Metadaten wurden ausgelesen und ausgewertet.

Außerdem haben Wissenschaftler vom Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie sowie der Bildanalytiker Hany Farid von der Universität in Berkeley unabhängig voneinander die Echtheit der Fotos bestätigt. Sie machen überdeutlich, dass Deutschland wirtschaftlich mit einer weiteren brutalen Diktatur kollaboriert. Wie es dazu gekommen ist, wie die Familien der Opfer auf die Enthüllungen reagieren, welche politischen Konsequenzen anstehen, beschreiben die Autoren Giesen, Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Bernhard Zand im Titel, der ergänzt wird durch ein Porträt des Anthropologen Zenz und einen Text, der der Frage nachgeht, warum VW Autos in einer Fabrik ausgerechnet neben chinesischen Inter­nierungslagern baut.

Sascha Weiss (r.) war ein deutscher Spitzenkoch mit eigenem Sternerestaurant in Freiburg, bis er 2020 zusammenbrach und einen Herzstillstand erlitt. Zurück unter den Lebenden, er­innerte er sich an nichts, was vor dem Unfall geschehen ist. Er war ein neuer Mensch, er musste die Welt, sich selbst und seine Frau neu kennenlernen. Und auch das Kochen, das ihn immer noch begeistert. Weiss’Ziel lautet: Er will wieder der werden, der er war. Reporter Max Polonyi begleitete Weiss bei der erneuten Entdeckung der Welt. Er sprach auch mit der Frau des Kochs, die nun mit einem Menschen zusammenlebt, der ihr Mann ist und auch nicht. Sascha Weiss nahm Polonyi mit zu Sprechtraining und Ergotherapie, vor allem aber in die Küche seines Feinkostladens, in der Weiss sich das Kochen neu beibringt. »Seine Therapeutinnen sagen, Weiss werde nie mehr der sein, der er war«, sagt Polonyi. »Aber er ist ehrgeizig, er will unbedingt sein altes Leben zurück.«

Seit sechs Monaten sucht Anne Maja Reiniger, Projektleiterin aus Essen, verzweifelt nach ihrer Tochter. Das Mädchen heißt Clara, ist zehn Jahre alt und wurde von seinem Vater ohne das Wissen der Mutter nach Paraguay gebracht. Der Vater ist Querdenker, er flüchtete aus Deutschland, um dem angeblichen Überwachungsstaat zu entkommen. Tobias Großekemper und Guido Mingels haben Reinigers Versuch, ihre Tochter zu finden, nach­gezeichnet. Großekemper hat auch in Paraguay recherchiert, unter Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern: »Sie leben dort in einer Parallelgesellschaft und schotten sich ab – wie ein Telegram-Kanal, der Realität geworden ist.«

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 75
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.