Todesfälle in Mainzer Klinik Rösler will Regeln zur Krankenhaus-Hygiene verschärfen

Der Bundesgesundheitsminister schaltet sich in die Debatte um neue Regeln zur Krankenhaushygiene ein: Philipp Rösler, selbst Arzt, will nach dem Tod dreier Säuglinge in einer Mainzer Klinik strengere Vorschriften diskutieren lassen. Bisher sind dafür die Länder verantwortlich, nun will der Bund eingreifen.

Bundesgesundheitsminister Rösler: Neue Regeln für die Krankenhaushygiene
ddp

Bundesgesundheitsminister Rösler: Neue Regeln für die Krankenhaushygiene


Hamburg - Gesundheitsminister Philipp Rösler will den Skandal um die toten Säuglinge in der Mainzer Klinik nicht auf sich beruhen lassen. Er fordert strengere Regeln für die Krankenhaushygiene. "Die Vorfälle in Mainz werden vom Bundesgesundheitsministerium sehr ernst genommen", sagte dessen Sprecher SPIEGEL ONLINE. Der Minister sei tief betroffen, dass ausgerechnet Präparate, die eigentlich dazu da seien, Menschen zu helfen, Leiden zu lindern und sie gesund zu machen, wahrscheinlich zu den tragischen Todesfällen geführt hätten. "Als Familienvater gilt sein volles Mitgefühl den betroffenen Angehörigen", so Röslers Sprecher.

Da die Maßnahmen und Kontrollen der Krankenhaushygiene Sache der Bundesländer seien, möchte das Bundesgesundheitsministerium die Initiative ergreifen und bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz gemeinsam mit den Länderministerien zusätzliche Regelungen für eine bessere Hygiene erörtern, sagte der Sprecher. "Das ist das zuständige Gremium, um dieses Thema zu diskutieren". Wichtig sei aber, im Vorfeld Klarheit über die eigentliche Ursache der aktuellen Fälle zu gewinnen, so der Sprecher weiter.

Weitere Politiker der Regierungskoalition haben ähnliche Forderungen erhoben. Es gebe im Bereich der Krankenhaushygiene ein großes Problem, auf das der Gesetzgeber dringend reagieren müsse, sagte FDP-Fraktionsvize Ulrike Flach der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Bis zu 600.000 Menschen würden sich in deutschen Kliniken jährlich mit Krankheitserregern infizieren, bis zu 40.000 Patienten würden jedes Jahr an diesen Infektionen sterben. Diese Zahlen seien erschreckend. Flach hatte bereits angekündigt, dass auch die FDP-Fraktion die Initiative für eine bundesweite Regelung ergreifen will. Die eigentlich zuständigen Länder hätten bislang bis auf wenige Ausnahmen keine Hygieneverordnungen für Krankenhäuser erlassen, kritisierte Flach.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn, äußerte sich ähnlich: Er sieht die Schuld für die Versäumnisse bei den zuständigen Ländern und den Kliniken selbst. Die Union wolle daher gemeinsam mit der FDP eine bundeseinheitliche Lösung für Kliniken auf den Weg bringen. Er sei zuversichtlich, dass sich dies trotz der Länderkompetenz für diesen Bereich durch eine Erweiterung des Infektionsschutzgesetzes des Bundes verfassungskonform umsetzen lasse, sagte der CDU-Politiker.

Mainzer Klinik hat Todesursache noch nicht abschließend geklärt

Die Leitung der betroffenen Klinik in Mainz wies jedoch am Dienstag ausdrücklich darauf hin, dass die drei Todesfälle nicht im Zusammenhang mit der Debatte über Klinikhygiene stünden. "Wir haben es hier nicht mit diesem Sujet zu tun", sagte der Direktor des Mainzer Uniklinikums, Norbert Pfeiffer.

Am Vormittag hatte er die Nachricht vom Tode eines dritten Säuglings in seiner Klinik mitgeteilt. "Ich trete mit dem Gefühl großer Betroffenheit und Trauer vor Sie", sagte er mit gedämpfter Stimme. Um 19.58 Uhr am Montagabend war das nur wenige Tage alte Kind auf der Intensivstation gestorben. Das Frühchen hatte ebenfalls eine mit Bakterien verseuchte Infusion erhalten.

Bereits am Samstag waren zwei Babys in der Klinik gestorben. Sie waren zwei und acht Monate alt. Noch ist allerdings unklar, ob die verunreinigte Infusion zum Tod der drei Kinder führte. "Auch zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, wie die Todesursache genau lautet", sagte Pfeiffer. Auch eine weitere entscheidende Frage ist offen: Wie konnten die Keime in die Nährlösung gelangen?

Das dritte Kind habe ein sehr niedriges Geburtsgewicht gehabt, sagte Pfeiffer. Es sei in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen. Das Baby sei körperlich noch nicht ausgereift und daher extrem gefährdet gewesen. Deswegen musste das Kind intensivmedizinisch betreut werden.

"Frühgeburtlichkeit ist keine Krankheit, sondern ein Risiko"

Die Leiche des Säuglings soll im Lauf des Tages in der Rechtsmedizin in Frankfurt obduziert werden, um Aufschluss über die Todesursache zu erhalten. Der zunächst kritische Zustand von vier weiteren Frühgeborenen hat sich laut Pfeiffer in der Nacht zum Dienstag gebessert, so dass keine weiteren Todesfälle zu befürchten seien.

Laut Pfeiffer wurden in der verunreinigten Infusion bislang zwei verschiedene Fäkalkeime identifiziert. Normalerweise stellen sie keine Gefahr für den Menschen dar - für die ohnehin stark geschwächten Frühchen könnten sie aber tödlich gewesen sein. Der Direktor der Kinder- und Jugendmedizin der Mainzer Klinik, Fred Zepp, wies darauf hin, dass bei Frühgeborenen das Immunsystem noch nicht voll ausgebildet ist, minimale Keimmengen könnten zu tödlichen Infektionen führen. "Frühgeburtlichkeit ist keine Krankheit, sondern ein Risiko", sagte Zepp.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Die Ermittler stellten in der Klinikapotheke die von externen Herstellern gelieferten Grundstoffe für die Nährlösung in Originalverpackungen sicher, sagte Mieth. Außerdem werden auch die Lösung selbst sowie das Schlauchsystem an der Mischautomatik genau untersucht. Möglicherweise gerieten die Bakterien an die Schläuche, als diese per Hand an die Maschine angeschlossen wurden. Die Klinik habe den speziellen Reinraum geschlossen, in dem die mit Darmbakterien verschmutzten Lösungen für Säuglinge hergestellt wurden, sagte Mieth. Die Klinik hält es selbst für möglich, dass es in der hauseigenen Apotheke zur Verschmutzung gekommen ist.

ler/sev/dpa/AP/AFP/Reuters

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