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Markus Feldenkirchen

Tönnies, Wirecard und Kapitalismus Wir Mittäter

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Hinter der Gier der Ganoven an der Spitze von Wirecard und bei Tönnies steckt immer auch die Gier von uns allen.
aus DER SPIEGEL 27/2020
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Bernd Thissen/ dpa

Wer bislang an die Überlegenheit des Kapitalismus glaubte, muss in diesen Tagen ganz tapfer sein. Unser Wirtschaftssystem stand ja immer unter dem Verdacht, von jeglicher Moral befreit zu sein. Zur Beruhigung wurde gern auf die unsichtbare Hand des Marktes verwiesen, die alles zum Guten wende. Was aber, wenn die unsichtbare Hand vor allem damit beschäftigt ist, sich selbst zu bedienen, zum Schaden des Gemeinwesens, zum Schaden vieler Unbeteiligter? In seinem "Lied vom Ende des Kapitalismus" sang PeterLicht jedenfalls schon vor Jahren: "Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, is uns lang genug auf der Tasche gelegen."

Und damit zurück zur deutschen Gegenwart. Der Gier des Fleischfabrikanten Clemens Tönnies sind gerade die Gesundheit Tausender Werkvertragsarbeiter und die Freiheit Zehntausender Bürger zum Opfer gefallen. Der Kreis Gütersloh steht wieder unter Corona-Lockdown, Schulen wurden geschlossen, Urlauber aus der Region werden zurückgewiesen. Und die Gier des langjährigen Vorstandsvorsitzenden von Wirecard, Markus Braun, hat soeben einen ganzen Dax-Konzern mit Tausenden Mitarbeitern vernichtet.

Clemens Tönnies ist die (halbwegs) moderne Variante eines Sklavenhalters. Wobei man fairerweise sagen muss, dass viele Sklavenhalter diejenigen, die sie ausbeuteten, immerhin persönlich kannten. In Zeiten des Sub-Sub-Unternehmertums kann davon keine Rede mehr sein. Tönnies' Arbeiter müssen zwar nicht in Ketten in die Fabrik, menschenwürdig sind ihre Arbeitsbedingungen trotzdem nicht. Und ob sie sich mit Corona anstecken, schien dem Fabrikanten völlig wurscht zu sein. Drohungen, den Job zu verlieren, wenn man krankheitsbedingt nicht zur Arbeit erscheint, wären in Zeiten einer Pandemie noch zynischer als sonst. Betroffene berichten, sich mit Symptomen zur Schlachtbank geschleppt zu haben, auch aus Existenzangst.

Wirecard-Manager Markus Braun schuf derweil die Illusion einer Erfolgsstory seines Unternehmens. Es wurde offenbar gefälscht und manipuliert, um Anlegern einen boomenden Internetriesen vorzugaukeln. Nun ist der Scheinriese insolvent, Braun wurde vorübergehend in U-Haft genommen. In dieser Hinsicht ist er Tönnies schon mal einen Schritt voraus.

Hier könnte diese Kolumne wunderbar enden, im wohligen Gefühl von Empörung und Selbstgerechtigkeit. Das Problem ist nur: Hinter der Gier der Ganoven an der Spitze steckt immer auch die Gier des Publikums, von uns allen also. Da ist zum Beispiel unsere Gier nach Fleisch und Schnäppchen. Jeder Cent, den wir beim Kauf billiger Fleischprodukte sparen, geht auf Kosten des Tierwohls – und der sie zerlegenden Menschen. Und da ist die Gier nach dem schnellen Euro an der Börse, von der sich Millionen Aktionäre leiten lassen, Großinvestoren wie Kleinanleger. Selbst der solideste Rentenfonds kamen zuletzt ja kaum ohne ein paar Wirecard-Anleihen im Portfolio aus. "Vorbei, vorbei, jetzt isser endlich vorbei", sang PeterLicht über den Kapitalismus. Wenn wir Kapitalisten so moralfrei weitermachen, wird es tatsächlich noch so kommen.

Hinter der Gier der Ganoven an der Spitze steckt immer auch die Gier von uns allen.

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