Flucht vor Haftstrafe Salafisten-Anführer setzt sich ins Ausland ab

Er gilt als einer der größten Hetzer in der salafistischen Szene und sollte für mehr als zwei Jahre in Haft. Doch statt seine Strafe anzutreten, hat Hasan K. Deutschland wohl verlassen. Jetzt läuft die Fahndung.

Salafist K. (Mitte) in Solingen: "Eher Lautsprecher als Kämpfer"
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Salafist K. (Mitte) in Solingen: "Eher Lautsprecher als Kämpfer"

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Im Internet gibt Hasan K. gerne den Gelehrten. "Der Islam fixiert sich nicht auf das Diesseits, sondern auf das Jenseits", erläutert er in einem Propagandavideo einem jungen Mann und resümiert: "Die eigentliche Bleibe von uns ist das Jenseits."

In der Realität scheint der Aufenthaltsort des Hasan K. im Diesseits doch eine gewichtigere Rolle zu spielen, als er es selbst gerne einräumen möchte. Jedenfalls wollte der 31-Jährige, der sich Abu Ibrahim nennt, die nächsten zwei Jahre und sieben Monate lieber nicht hinter Gittern verbringen - und setzte sich wohl aus Angst vor dem Gefängnis ins Ausland ab. K. sei auf der Flucht und werde gesucht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Wuppertal.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE soll sich Hasan K. derzeit in der Türkei aufhalten, wo die deutschen Behörden seiner nicht habhaft werden können. Er reiste allerdings schon im Sommer mit seiner Frau aus. Kurz zuvor war seine Revision gegen das Urteil zurückgewiesen worden. Doch erst als er jetzt seine Haftstrafe nicht antrat, erließ die Justiz einen europäischen Haftbefehl gegen ihn.

Staatsschützer halten es indes für unwahrscheinlich, dass K. von der Türkei aus weiter nach Syrien ziehen wird. "Er war immer eher ein Lautsprecher als ein Kämpfer", sagt ein Beamter. Sein Rechtsanwalt äußerte sich auf Anfrage nicht zu der Flucht seines Mandanten.

"Klares Signal an die militant-dschihadistische Szene"

Im März hatten Polizisten noch K.s Wohnung im sauerländischen Iserlohn durchsucht. Damals leitete er nach Auffassung des Bundesinnenministeriums die salafistische Gruppierung "Tauhid Germany", der etwa 20 Männer zugerechnet wurden. Die Behörden betrachteten die Truppe als Nachfolgeorganisation der im Juni 2012 verbotenen islamistischen Kameradschaft "Millatu Ibrahim" und schlossen sie ebenfalls.

Das sei "ein klares Signal an die militant-dschihadistische Szene. Wir gehen entschlossen und nachhaltig gegen Bestrebungen vor, die sich gegen unsere verfassungsgemäße Ordnung richten", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) seinerzeit. "Vereinigungen wie 'Tauhid Germany' gefährden unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt: Sie wenden sich gezielt an Jugendliche und fördern deren Radikalisierung bis hin zur Rekrutierung für Kämpfe in Syrien oder im Irak", so de Maizière.

Die früheren "Millatu"-Anführer Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud halten sich inzwischen in Syrien auf, wo sie sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" angeschlossen haben. Im deutschsprachigen Raum gelten der ehemalige Gangsterrapper Cuspert und der Österreicher Mahmoud als führende Propagandisten der islamistischen Szene. Hasan K. war nach Auffassung von Staatsschützern für einige Zeit so etwas wie ihr Statthalter in Nordrhein-Westfalen.

Krawalle im Mai 2012

Das Landgericht Wuppertal hatte K. vor knapp einem Jahr wegen Landfriedensbruchs, Körperverletzung und Bedrohung zu der Haftstrafe verurteilt. Die Kammer sah in dem Extremisten einen der Rädelsführer der schweren Salafisten-Krawalle in Solingen im Mai 2012.

Damals war es bei einer Kundgebung der rechtsextremen Partei "Pro NRW" zu schweren Ausschreitungen gekommen: Salafisten warfen Steine, Polizisten gerieten zwischen die Fronten. Mehrere Beamte und ein Passant wurden verletzt. Als aus dem Kreis der Rechten islamfeindliche Karikaturen gezeigt wurden, stürmten die Salafisten mit Steinen und Stöcken auf die Polizei los.

Staatsschützer erwarten nicht unbedingt, dass Hasan K. nach Deutschland zurückkehren wird. "Er hat hier doch nichts", sagt ein Beamter. Der Imbiss, den K. zwischenzeitlich eröffnet hätte, sei kein Erfolg gewesen. Hinzu komme die tiefe Abneigung des Salafisten gegen den Westen, die er immer wieder habe erkennen lassen.

In einer seiner zahlreichen Videobotschaften sagt Hasan K.: "Diese Gesellschaft wird sich selbst ins Verderben stürzen." Als Beleg für die steile These dienen ihm unter anderem Beobachtungen aus seinem Alltag und modische Erwägungen. Über das äußere Erscheinungsbild der sogenannten Ungläubigen urteilt er nämlich ziemlich scharf: "Wie die Lutscher rennen die rum!"

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