Toter Diktator Wie ich (fast) um Kim Jong Il trauerte

Das Regime in Nordkorea zelebriert den Tod Kim Jong Ils. Auch die Botschaft in Berlin weint um den "geliebten Führer". SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Peter Seybold war dabei - nur in das Kondolenzbuch für den Diktator wollte er sich dann doch nicht eintragen.

Nordkoreas Botschaft in Berlin: Trauer um den "geliebten Führer"
DPA

Nordkoreas Botschaft in Berlin: Trauer um den "geliebten Führer"


Berlin - Auch in Berlin wird der Kult um Kim Jong Il zelebriert. Es sind Bilder der nordkoreanischen Propaganda, die im Schaukasten vor der Botschaft Nordkoreas, in der Nähe der U-Bahn Station Mohrenstraße, hängen. Sie zeigen den verstorbenen Führer bei den Besuchen des "Hühnerzuchtbetriebs 927" und der "Textilfabrik Pjöngjang" oder auch ein Foto von der "Abteilung für Damenstrümpfe der Pjöngjang Strumpffabrik". Es sind Aufnahmen, die das glückliche Leben in der "Koreanischen Demokratischen Volksrepublik", wie Nordkorea offiziell heißt, demonstrieren sollen.

Doch das angeblich glückliche Leben in Nordkorea hat einen Sprung bekommen, seitdem Kim Jong Il am Wochenende gestorben ist. Das Regime inszeniert den Tod des "geliebten Führers" groß. Elf Tage Staatstrauer sind für ganz Nordkorea angeordnet, die Geschäfte bleiben geschlossen. Der Leichnam des Diktators ist in einem gläsernen Sarg aufgebahrt. Fernsehbilder zeigen Hunderte weinende Menschen, die vor Porträts Kim Jong Ils auf dem Boden knien.

Aber ist die Trauer echt - oder nicht viel eher inszeniert? Trauern Nordkoreaner auch in anderen Ländern um den Diktator? Werden etwa in den Botschaften des Landes Trauerveranstaltungen für den Tyrannen abgehalten?

Fotos? Oh, nein, besser nicht.

Ich frage bei der Nordkoreanischen Botschaft in Berlin an: Ob ich kurz vorbeikommen und mir ein Bild über die Trauer machen könnte?

Die Mitarbeiter der Botschaft verstehen mich am Telefon nicht gleich. Ob ich dann etwa auch Fotos machen wolle? Vielleicht schon? Oh, nein, nein, besser nicht. "Botschafter ist in 15 Minuten wieder da. Wir fragen, ob Sie kommen können."

Schließlich kommt die Erlaubnis. Ich darf in das sonst verschlossene Botschaftsgelände.

Vor der Botschaft an der Glinkastraße angekommen, betrachte ich noch einmal die Propaganda-Bilder. Ob meine Idee so gut war? Ich drücke auf die Klingel.

Ein Mann kommt zum Zaun. "Ah, guten Tag", begrüßt er mich. Er spricht gebrochen Deutsch. Gemeinsam gehen wir in das Botschaftsgebäude. Eine Art Empfang oder Sekretariat ist im ersten Zimmer untergebracht. "Wollen Sie sich ablegen?", fragt er und zeigt auf einen Ledersessel. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie hin.

Wie begrüßt man sich eigentlich in Nordkorea?

"Bitte", sagt er und zeigt auf den Nebenraum. Ich trete ein. Als Erstes fallen mir mehrere koreanische Männer in dunklen Anzügen auf. Sie stehen nebeneinander in einer geraden Reihe wie bei einem Staatsbesuch an der einen Seite des Raumes mit ernster Miene und mustern mich neugierig. "Das ist der Botschafter, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Ratssekretär." Ich gehe zu jedem hin und reiche ihm die Hand - oder wie begrüßt man sich eigentlich in Nordkorea? "Guten Tag." "Guten Tag." "Guten Tag." "Guten Tag." Mit ernster Miene schüttelt mir jeder wie einem hochrangigen Staatsgast die Hand und schaut mich weiter interessiert an. Sonst ist niemand im Raum. Die Herren sind meine Empfangsdelegation, sagen aber sonst kaum etwas.

Ich schaue auf meine Jeans und das weiße Hemd hinunter, das ich trage. Plötzlich komme ich mir für den Anlass underdressed vor.

An einer Seite des Raums sind mehrere Blumengestecke befestigt, dazu ein Bild von Kim Jong Il. Mein Begleiter stellt sich vor die Gestecke, verbeugt sich leicht vor dem Porträt, verharrt ruhig.

Soll ich das jetzt auch so machen? Ich schaue mich kurz im Raum um. Die Männer im Anzug beobachten mich immer noch mit kritischer Miene. Verunsichert deute ich so etwas wie eine Verbeugung an. Ich will ja nicht unangenehm auffallen.

Inzwischen wurde die Kamera angemacht, die neben den Gestecken steht und auf mich gerichtet ist.

"Bitte, bitte, haben Sie Verständnis."

Im Geiste stelle ich mir vor, wie die Aufnahme im nordkoreanischen Propagandafernsehen läuft. Die Stimme des Sprechers sagt zu meinem Bild: "So wird auf der ganzen Welt um unseren großen Kim Jong Il getrauert."

Tja. Und jetzt? Blumen zum Ablegen habe ich keine dabei. Was macht man eigentlich noch so bei einer Trauerfeier für einen Diktator? Unsicher schaue ich mich um. Der Botschafter, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Ratssekretär beobachten mich nach wie vor. Es ist Stille im Raum.

Ob ich jetzt ein Foto machen darf von den Blumen? Mein Begleiter fragt den Botschafter in einer mir fremden Sprache, vermutlich koreanisch. Ich darf nicht. "Bitte, bitte, haben Sie Verständnis."

Ich frage meinen Begleiter, wo das Kondolenz-Buch für Kim Jong Il liegt. Er zeigt zum ersten Raum.

Im Kondolenzbuch sind alle unteren Blätter leer

Wir gehen wieder hinüber. Ein Sofa steht hier neben einem kleinen Tisch, auf dem ein Stapel großer Blätter liegt. "Ach, Sie wollen sich eintragen?", fragt mein Begleiter und legt mir einen Stift hin. Erwartungsvoll schaut er mich an. Ich nehme den Stift, blättere die Seiten durch. Alle sind leer.

Ich gucke noch mal auf meinen Stift. Soll ich mich jetzt wirklich in das Kondolenz-Buch für einen Diktator eintragen? Was schreibt man eigentlich in so ein Buch?

"Mit tiefer Betroffenheit habe ich vom Tod meines geliebten Führers erfahren. Ich werde seinen großen Anteil an dem Weltfrieden immer in besonderer Erinnerung halten. Meines tiefes Beileid, insbesondere an die Angehörigen. Ihr Peter Seybold"?

Nein, keine gute Idee. Aber was soll ich dann machen?

Ich fange an zu schwitzen

Inzwischen ist auch hier eine Kamera auf mich gerichtet. Der Botschafter, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Ratssekretär stehen immer noch in ihrer geraden Reihe im Nebenraum.

Ich fange leicht an zu schwitzen. Was soll ich denn jetzt machen? Ich zögere. Das ist doch ein diplomatischer Affront, mich einfach demonstrativ nicht einzutragen - oder?

Ich wende mich an meinen Begleiter. "Ähm, ich wollte mich gar nicht eintragen, nur schauen."

Er schaut mich verblüfft an: "Sie wollen nicht". "Nein." Es herrscht irritierte Stille.

Ich stehe auf. Langsam kommen mir Zweifel. "Wie viele waren heute eigentlich schon hier, um zu trauern?" "Ach.. Ähh.. Viele." Ah ja. Ich grüble. Statt einem Buch nur ein Blätterstapel, keine vorherigen Einträge zu sehen - sind die Trauerfeierlichkeiten etwa nur inszeniert? Ich wage nicht zu fragen.

Ich gehe wieder zurück in den Nebenraum und verabschiede mich vom Botschafter, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Rat, Botschafter-Ratssekretär, die immer noch still in ihrer graden Reihe stehen. "Auf Wiedersehen." "Tschüs".

Ich nehme meine Jacke, gehe aus dem Gebäude heraus. "Sagen Sie viele Grüße an ihre Redaktionskollegen", sagt mein Begleiter noch zu mir. Dann laufe ich zum Zaun, gehe aus dem Gelände heraus und stehe wieder vor dem Bild der Damenstrumpf-Abteilung der Pjöngjanger Strumpffabrik.

Genug getrauert für heute.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
partey 20.12.2011
1. Ich bin so traurig
Zitat von sysopDas Regime in Nordkorea zelebriert den Tod Kim Jong Ils. Auch die Botschaft in Berlin weint um den "geliebten Führer". SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Peter Seybold war dabei - nur in das Kondolenzbuch für den Diktator wollte er sich dann doch nicht eintragen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804973,00.html
Also eigentlich sind sie nur mal kurz vorbei, haben sich hingesetzt ein wenig gelächelt und haben die Botschaft wieder verlassen ? Und ein Foto durften Sie auch nicht schießen ? :) Dass würde ich auch gern mal machen. Danke für die interessante Geschichte. Ick steh uff Nordkorea (weil ich nicht dort leben muss !) viele Grüße
Luckyman 20.12.2011
2. Was...
... Herr Seybold mit seinem "Besuch" in der Botschaft eigentlich wollte entzieht sich nach dem Lesen des Artikels meiner Kenntnis. Wollte er die Nordkoreaner verhöhnen oder provozieren? Hat er gedacht, daß die Menschen in Berlin Schlange stehen und sich in das Kondolenzbuch des verstorbenen Betonkommunisten eintragen würden? Sein Auftritt in der von ihm gewählten geschmacklosen Aufmachung und seinem provokanten Gehabe wird die Botschafterdelegation sicher nur zu einem irritierten Kopfschütteln veranlasst haben. Besser wäre es, er wäre gar nicht erst dort aufgetaucht. Das Desinteresse in Berlin hätte vielleicht eher einen Denkprozeß bei den Nordkoreanern ausgelöst. Sorry, schlechter Stil finde ich.
archnase 20.12.2011
3. Ach...
Zitat von Luckyman... Herr Seybold mit seinem "Besuch" in der Botschaft eigentlich wollte entzieht sich nach dem Lesen des Artikels meiner Kenntnis. Wollte er die Nordkoreaner verhöhnen oder provozieren? Hat er gedacht, daß die Menschen in Berlin Schlange stehen und sich in das Kondolenzbuch des verstorbenen Betonkommunisten eintragen würden? Sein Auftritt in der von ihm gewählten geschmacklosen Aufmachung und seinem provokanten Gehabe wird die Botschafterdelegation sicher nur zu einem irritierten Kopfschütteln veranlasst haben. Besser wäre es, er wäre gar nicht erst dort aufgetaucht. Das Desinteresse in Berlin hätte vielleicht eher einen Denkprozeß bei den Nordkoreanern ausgelöst. Sorry, schlechter Stil finde ich.
Ach, meinen Sie nicht, die Botschafterdelegation hat ein wenig mehr Respekt vor dem verstorbenen lieben Führer?
autocrator 20.12.2011
4. lieber
Zitat von sysopDas Regime in Nordkorea zelebriert den Tod Kim Jong Ils. Auch die Botschaft in Berlin weint um den "geliebten Führer". SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Peter Seybold war dabei - nur in das Kondolenzbuch für den Diktator wollte er sich dann doch nicht eintragen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804973,00.html
Lieber Peter Seybold, haben Sie sich vor Ihrem Botschaftsbesuch auch nur eine Frage außer der, ob Sie fotografieren dürfen, ausgedacht? Hat Ihnen nicht vorher schon gedämmtert, dass man in Jeans und Hemd schlicht underdressed ist, wenn man zu Botschafters geht? Haben Sie auch nur ansatzweise im Vorfeld recherchiert, was so die Gepflogenheiten anlässlich des Todes eines Führers einer Volksrepublik so sind? Ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass, wenn Sie so etwas schon nicht selber wissen, man vielleicht einen Koreanisten, wenigstens irgendwie einen Ostasienwissenschaftler, und sei's nur ein Student, fragen könnte? "Mal gucken" ist wirklich Ihr einziges journalistisches Interesse? Nicht mal Visitenkarten austauschen, ein Lieblingshobby aller Ostasiaten, war drin? Als Bürger eines wiedervereinigten Deutschland fiel Ihnen nicht ein, einen hochrangigen Repräsentanten der DVK zu fragen, wie die sich eine Wiedervereinigung ihres Heimatlandes vorstellen? Haben Sie wenigstens vor, imAuswärtigen Amt nachzufragen, warum kein Abgesandter des Amtes die obligatorischen Beileidsbekundungen der BRD überbracht (schliesslich tauscht man Botschafter aus!) bzw. einen Eintrag im Kondolenzbuch hinterlassen hat? Wie sieht aus mit den Linken, deren kommunistischen Plattform, der KPD oder deren Jugendverband? Und wenn die schon nicht dort waren - warum nicht? Heute gibt es bei SpOn den Artikel "Blackbox Pjönjang" ... Ihr 'Begleiter' lässt auch noch freundliche Grüße ausrichten ... ist also offensichtlich an einem Kontakt interessiert – und Sie laufen einfach davon? Es tut mir Leid: Nordkorea ist keine Blackbox. Mit auch nur etwas Sensibilität und Respekt für kulturelle und ideologische Unterschiede kann man selbst aus einem oberflächlichen Kontakt (den ich seinerzeit zu nordkoreanischen Studenten beim Tod von Kin Il-sung hatte) ungemein interessante Informationen gewinnen. Man muss nur fragen!
ivi007 20.12.2011
5. Herrlich gelacht!
Toller Artikel! Musste immer wieder lachen... der Tag ist gerettet! :-D
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