Tränenpalast Kohls Rede in Auszügen


Berlin - Alt-Kanzler Helmut Kohl hat bei dem Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung "Europa und die deutsche Einheit" die Haltung von Sozialdemokraten und Grünen Ende der 80er Jahre zur Wiedervereinigung scharf kritisiert. dpa dokumentiert einige Auszüge:

"Den wichtigsten Spruch, den man sagen kann, ist, dass wir jetzt wiedervereint sind. Deutschland einig Vaterland, Frieden und Freiheit, und dass es ein großes Glück ist, es gibt kein besseres Wort dafür, es ist ein großes Glück... Und unser Dank gilt all denjenigen, die die Einheit Deutschlands möglich gemacht haben. Ich nenne an erster Stelle unsere Landsleute in der damaligen DDR ...

Die SPD hatte das Verfassungsziel der deutschen Einheit aufgegeben. Kanzlerkandidat war Johannes Rau - man muss ja gelegentlich einmal wieder die Geschichte in den Grunddaten erwähnen ... Und Gerhard Schröder sagte dann am 12. Juli '89, fünf Monate bevor die Mauer fiel - und das Gebälk im europäischen Haus hat schon deutlich zu dröhnen begonnen zu jener Zeit -, nach 40 Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation in Deutschland nicht 'über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht'...

Der Bundesaußenminister Joschka Fischer forderte ... 1989... : 'Vergessen wir die Wiedervereinigung. Halten wir die letzten 20 Jahre die Schnauze darüber'. Das letzte ist ein guter Satz ... Hätte sich dieser Teil der politischen Linke und vor allem auch ihrer Helfershelfer im intellektuellen Bereich damals durchgesetzt, wäre es nie zur Öffnung der ungarischen Grenze im Burgenland gekommen, die Botschaftsflüchtlinge hätten wieder nach Hause zurückkehren müssen und weil das so ist, spreche ich es aus, weil ich nicht bereit bin, wie mit mir zusammen viele viele in unserem Land, dass die Geschichte jetzt so verfälscht wird...

Ich erinnere hier an die Erfassungsstelle in Salzgitter ... Das war jene Stelle, die eingerichtet wurde von allen demokratisch gesonnenen Verantwortlichen der deutschen Politik, damit im Westen in der Bundesrepublik beweiskräftige Unterlagen über Menschenrechtsverletzungen und Straftaten des Unrechtsregimes in den Zuchthäusern und Gefängnissen in der DDR gesammelt werden kann ... Um so schändlicher war es, dass die Ministerpräsidenten der SPD- geführten Länder in den Jahren 88 und 89 beschlossen, die paar Millionen Mark nicht mehr zu zahlen, die für den Erhalt dieser Stelle einfach notwendig waren.

Für mich war das damals wie heute empörend, dass führende Sozialdemokraten die menschliche Solidarität mit den Gefangenen eines Unrechtregimes vermissen ließen. Deswegen bin ich relativ zurückhaltend in meiner Äußerung, wenn heute regelmäßig Hinweise auf die Verfassungstreue ausgesprochen werden...

Konrad Adenauer hat gegen alle Widerstände früh erkannt, dass der Weg der Deutschen aus der Barbarei der Nazis heraus nur ein Weg sein kann in die Wertegemeinschaft der freien Welt. Und deswegen haben wir aus diesem Geist heraus versucht zu handeln. Das waren in Wahrheit nur wenige Monate, in den Jahren '89 und '90, in denen das, wie ich sagen möchte, das Tor der Geschichte einen solchen Spalt aufwies. ... In diesem Augenblick war auch in der personellen Zusammensetzung der internationalen Politik die Chance gegeben, das Tor etwas zu öffnen. Und dann sind wir durch das Tor gegangen und haben mit Gottes Hilfe und vielen Freunden die Wiedervereinigung erreicht. Und mehr kann man eigentlich überhaupt nicht sagen über diese Epoche. Und dafür sind wir dankbar, und ich bin glücklich, dass ich dabei sein konnte.. .

Wir sind gesprungen, so muss man es sagen. Und wir haben das Ziel erreicht und haben Fehler gemacht. Und auch dazu stehen wir. Und ich nenne die große Leistung beim Einigungsvertrag, die Wolfgang Schäuble und Günter Krause eingebracht hat ...

Wer hatte je so viel Grund zu einem realistischen Optimismus, wenn nicht wir, die Deutschen von heute ... Lassen Sie uns das nicht nur proklamieren, sondern einfach leben. ... Wenn das die Botschaft aus dem Tränenpalast in Berlin ist, dann war das nicht nur eine gelungene Tagung, sondern eine wichtige Wegmarkierung auf unserem Leben - im persönlichen, im Leben unserer Partei und im Leben unseres Volkes.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.