Trauer um Paul Spiegel "Er mahnte, wo viele stumm blieben"

Mit tiefer Bestürzung haben Politiker und Vertreter der Juden in Deutschland den Tod von Paul Spiegel aufgenommen. Der 68-Jährige war nach langer Krankheit am Morgen in Düsseldorf gestorben. Kanzlerin Merkel würdigte den Verstorbenen als Anwalt für Toleranz, Respekt und Zivilcourage.


Frankfurt am Main - Der Präsident des Zentralrats der Juden erlag am frühen Morgen einer Krebserkrankung in einem Düsseldorfer Krankenhaus, wie Präsidiums-Mitglied Nathan Kalmanowicz heute in München bestätigte. Der 68-Jährige habe seit Monaten auf der Intensivstation gelegen, er litt den Angaben zufolge an Leukämie. Die Beisetzung solle nach jüdischem Brauch so schnell wie möglich stattfinden, ein genauer Termin ist aber noch nicht bekannt. Spiegel hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Töchter.

Nach Mitteilung des Zentralrats wird die Beerdigung in kleinem Kreis stattfinden. Eine offizielle Trauerfeier werde später nachgeholt. Kalmanowicz sagte, dass Spiegel in jedem Fall im Raum Düsseldorf beerdigt werde. Die Todesnachricht sei für den Zentralrat zwar nicht überraschend gekommen, trotzdem sei man schockiert.

Spiegel befand sich schon seit einiger Zeit in einem kritischen Zustand. "Er hatte keine Chance", sagte der Kultusdezernent. Zum Schluss seien bereits Hirnfunktionen ausgefallen. Spiegels Frau sei jeden Tag bei ihm gewesen. Der 68-Jährige erlitt am 3. Februar einen Herzinfarkt. Als Komplikation kam eine Lungenentzündung dazu.

"Der verstorbene Präsident des Zentralrats der Juden war eine beeindruckende Persönlichkeit", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute in Berlin. Spiegel habe sich "mit großer Leidenschaft und all seiner Kraft für eine gute Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eingesetzt". Er habe sich konsequent zu den Grundfesten der Demokratie bekannt. "Er mahnte, wo viele stumm blieben", so die Kanzlerin. "Sein Einsatz für Zivilcourage, für Toleranz und gegenseitigen Respekt und gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus hat Maßstäbe gesetzt."

Auch der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) äußerte sich betroffen. Der Tod von Paul Spiegel sei ein "schmerzlicher Verlust". "Spiegel war stets auf Ausgleich und Kooperation bedacht, aber zugleich immer wachsam gegenüber Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit", sagte Schily in Berlin. Spiegel habe einen herausragenden Beitrag für die deutsche Demokratie, die Integration der neu entstandenen jüdischen Gemeinschaften in die deutsche Gesellschaft und für den interreligiösen und interkulturellen Dialog geleistet.

Die Vizepräsidenten des Zentralrats sind Salomon Korn und Charlotte Knobloch. "Es wäre keine Überraschung, wenn die beiden die Amtsgeschäfte weiterführen", sagte Kalmanowicz. Über die Nachfolge im Zentralrat soll dann bei turnusmäßigen Wahlen im November entschieden werden. Zunächst stehe auch ein Monat der Trauer an.

Spiegel wurde am 31. Dezember 1937 im münsterländischen Warendorf geboren. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Journalist und engagierte sich früh in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und sowie im Zentralrat der Juden, der höchsten politischen und religiösen Vertretung der in Deutschland lebenden Juden, an deren Spitze er mehr als sechs Jahre stand. Als sein vorrangiges Anliegen bezeichnete Spiegel die Integration der Neu-Einwanderer aus Osteuropa.

Spiegel war seit 1993 zunächst einer der zwei stellvertretenden Präsidenten. Nach dem Tod von Ignatz Bubis 1999 wurde er im Folgejahr zum Präsidenten gewählt. Der Zentralrats-Präsident hatte zudem seit 1986 eine internationale Künstler-Agentur in Düsseldorf und vermarktete einige der erfolgreichsten Stars des Fernsehens und der Bühne.

ffr/AFP/AP/dpa



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