Trauerfeier in Erfurt "Das Entsetzen hat uns nicht verlassen!"

Mehr als 100.000 Menschen beteiligten sich am Freitag an der Trauerfeier für die Opfer des Massakers am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. "Wenn unsere Gesellschaft zusammenhalten soll, dann müssen wir uns um einander kümmern!", mahnte Bundespräsident Rau.


 Erfurt am Freitagmittag
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Erfurt am Freitagmittag

Erfurt - "Erfurt trauert, Thüringen trauert, Deutschland trauert, die Welt ist erschüttert", eröffnete Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel am Freitagvormittag die zentrale Trauerfeier für die Toten des Amoklaufs eines 19-jährigen Schülers vor einer Woche.

Mehr als 100.000 Menschen hatten sich schon Stunden zuvor auf dem Platz versammelt und stauten sich in den Zugangstraßen. Erfurt dürfe nicht zum Synonym für die schreckliche Bluttat werden, appellierte Vogel. Denn die Stadt habe seitdem vorbildlich bewiesen, dass "es mehr Gemeinsinn in unserem Volk gibt, als wir noch vor einer Woche für möglich gehalten haben".

"Wir trauern seit einer Woche, und das Entsetzen hat uns nicht verlassen", begann Bundespräsident Johannes Rau seine Trauerrede, bevor er die Namen der Opfer aufzählte. Ihr Tod habe eine "furchtbare Spur hinterlassen". "Wir werden diese Tat letzten Endes nie verstehen können", zeigte sich Rau selber ratlos, "warum ein junger Mensch jeden menschlichen Maßstab verloren hat". Voreilige Antworten und Rezepte seien fehl am Platz.

"Niemanden abdrängen in das Gefühl, er sei nichts wert"

Bundeskanzler Schröder und Bundespräsident Rau bei der Trauerfeier vor dem Erfurter Dom
AP

Bundeskanzler Schröder und Bundespräsident Rau bei der Trauerfeier vor dem Erfurter Dom

Rau klagte als Lehre der Untat von Erfurt mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft ein. "Wenn unsere Gesellschaft zusammenhalten soll, dann müssen wir uns um einander kümmern! Wir müssen einander achten und aufeinander achten!", forderte der Bundespräsident. Niemand dürfe "abgedrängt werden in das Gefühl, sein Leben sei nichts wert". Die Menschen müssten auch aufeinander achten, "dass niemand in Scheinwelten abgleitet", denn verführbar seien "wir alle". Eine lebendige Phantasie sei wichtig, aber "keine künstlichen Welten, aus denen Kinder nicht mehr herauskommen".

Einige Fragen gingen "diese ganze Gesellschaft an". "Wie rücksichtslos ist unser Umgang miteinander, wie viel Herabsetzung und Ausgrenzung gibt es, und wie viel Gewalt steckt oft schon in unserer Sprache?", mahnte Rau. Nicht nur in Filmen oder Computerspielen, sondern auch schon in mancher Talkshow stecke Gewalt. In Filmen werde oft nur für die Einschaltquoten Gewalt inszeniert, in der Täter "möglichst unbeirrbar und eiskalt auftreten". Doch nicht nur die Selbstkontrolle der Medien sei gefragt, "auch unsere eigene Selbstkontrolle ist wichtig - Dieser Kampf muss jeder bei sich selbst beginnen" forderte Rau in seiner sehr einfühlsamen Rede.

"Netzwerke der Mitmenschlichkeit"

 Erfurter Schüler bei der Trauerfeier
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Erfurter Schüler bei der Trauerfeier

Schüler bräuchten Netzwerke aus Mitmenschlichkeit, forderte der Bundespräsident. Nur ans weltweite Internet-Netz angeschlossen zu sein, reiche nicht aus. Einen Appell richtete Rau an verantwortliche Schulpolitiker: Schulen dürften nicht zu Orten der Angst werden, sondern wo gelernt wird, Achtung vor dem anderen zu haben. Immer müsse klar sein, dass "die Beurteilung einer Leistung nicht die Beurteilung einer Person ist". Das Zusammenleben dürfe kein "nicht zu erbarmungslosen Konkurrenzkampf werden" . Wichtiger sei, Zeit für einander zu finden "Das gehört zum kostbarsten, was wir uns schenken können".

Nach Rau appellierte eine Schülerin des Gutenberg-Gymnasiusm, an diesen Geist der Vertrautheit und des Miteinanders in ihrer Schule wieder anzuknüpfen. Noch sei aber "in unseren Herzen eine Leere eingetreten". Manchmal laufe sie durch die Straße und glaube Lehrer wieder zu erkennen, die nicht mehr am Leben sind. Sie dankte allen, die am vergangenen Freitag Schülern aus der Schule geholfen hätten, und sich seitdem um sie gekümmert hätten, insbesondere den Psychologen und ihrer Schulleiterin. "Ich bewundere Sie, mit welcher Kraft sie das gemacht hat. Diese Kraft möchte ich allen wünschen".

Die Schüler deckten im Anschluss die lange Treppe zum Erfurter Dom mit Rosen zu - inmitten eines Meeres von Menschen und Stille.

Holger Kulick



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