Traumatisierte Soldaten "Dann hat die Seele 'Stopp' gesagt"

Alpträume, ständige Unruhe, Schmerzen: Thomas Schulze ist einer von vielen Bundeswehrsoldaten, die traumatisiert von ihrem Einsatz in Afghanistan zurückkehren. Mit einer Therapie will er den Weg zurück ins Leben finden. SPIEGEL ONLINE erzählte er die Geschichte seines Leidens.

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In Afghanistan konnte Thomas Schulze (Name geändert) den Krieg ertragen. Doch der Krieg blieb nicht in Afghanistan. Er kam mit dem Soldaten nach Deutschland, schlich sich in seine Familie, holte ihn in den Nächten ein. Zu Hause träumt Schulze Szenen aus den Einsätzen nach. "Am Tag konnte ich nicht stillsitzen. In mir war eine ständige Unruhe und Anspannung", erzählt der 38-Jährige. "Ich hatte das Gefühl, da ist was mitgekommen aus den Einsätzen." Schulze hatte den Krieg mit nach Hause gebracht, nach Brandenburg.

Seit 15 Jahren ist Schulze beim Bund, fünf Auslandseinsätze hat er hinter sich. Bosnien, Kosovo und dreimal Afghanistan, jeweils im Abstand von einem Jahr. "Solange ich unter Strom stand im Einsatz, war alles ok", sagt der Soldat. "Bei mir war es wie ein Rucksack, der von Einsatz zu Einsatz immer ein Stück mehr mitgenommen hat. Und dann hat die Seele irgendwann gesagt: Stopp. Jetzt ist zu viel im Rucksack. Das mache ich nicht mehr mit."

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Traumatisierte Bundeswehrsoldaten: Den Krieg im Kopf
Dass Schulze seine Seele mit einem Rucksack vergleicht, und dass er offen darüber reden kann, ist Ergebnis seiner Traumatherapie. Schulze wäre an den Folgen des Kriegs zugrunde gegangen. Wenn er sich nicht selbst ins Berliner Traumazentrum der Bundeswehr eingewiesen hätte.

Es ist ein heißer Junitag in der Hauptstadt. Für Schulze ist Afghanistan jetzt weit weg. Seine Stimme ist ruhig, die Haare hat er kurzgeschoren. Durchtrainiert, im karierten Hemd und mit legerer Cargohose sitzt er im Bundeswehrkrankenhaus. Hier ist der Hauptfeldwebel endlich wieder in seinem Leben angekommen - elf Monate nachdem er Afghanistan verlassen hat. Schulze leidet an PTBS, posttraumatischen Belastungsstörungen.

Die akuten Fälle kommen aus Kunduz

Allein von Januar bis März registrierte die Bundeswehr 147 PTBS-Kranke. Im vergangenen Jahr bekamen 466 Soldaten diese Diagnose, fast doppelt so viele wie 2008 und dreimal mehr als 2007. Die Bundeswehr hat sich von der Friedenstruppe zur Kriegstruppe gewandelt, mit allen psychischen Folgen.

Die Symptome der PTBS-Kranken: Alpträume, ständige Unruhe, Depressionen, Erinnerungen aus dem Einsatz drängen sich in Rückblenden auf. Die akuten Fälle kommen aus Afghanistan, sagt Oberstarzt Peter Zimmermann, der Leiter des Traumazentrums am Berliner Bundeswehrkrankenhaus. Besonders oft seien Soldaten betroffen, die in Kunduz stationiert waren: "Da wird gekämpft, da wird das Lager beschossen."

Es sind solche Szenen, die sich auch in Schulzes Gedächtnis eingebrannt haben. Er versucht, davon zu erzählen, stockt, atmet tief ein, schweigt. Ein Seufzer, dann die Bitte: "Können wir das später machen?"

Der Hauptfeldwebel war an allen deutschen Stützpunkten in Afghanistan. "Ich war viel draußen", sagt er. "Im Lager war nur mein Bett." Er ist ein erfahrener Soldat. Die Bundeswehr kann es sich nicht leisten, Leute wie ihn der Krankheit PTBS zu überlassen. Sie darf es sich nicht leisten. "Die Bundeswehr hat eine Fürsorgepflicht", sagt Schulze.

Die Bundeswehr müsse die "Verwundung der Seele" ernst nehmen und sie "aus dem Schattendasein der Öffentlichkeit" holen, forderte kürzlich Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bei einem Besuch des Berliner Traumazentrums.

Seit einigen Monaten hat die Politik das Thema entdeckt, binnen weniger Monate wurde das Traumazentrum in Berlin errichtet. Hier sollen Behandlung und Erforschung von PTBS zusammenlaufen.

"Stillsitzen war nicht möglich"

Die Krankheit traf Schulze nicht unvorbereitet. Der Hauptfeldwebel hatte sich darüber informiert, "damit meine Jungs darauf vorbereitet sind". Doch dann bemerkte er bei sich selbst die Anzeichen.

Nach dem ersten Einsatz in Afghanistan 2005 habe er die Unruhe und Anspannung selbst wieder in den Griff bekommen, sagt er. "Ab 2009 war es nicht mehr möglich." Im Juli kehrte er von seinem dritten Einsatz am Hindukusch zurück. "Es war schon ein bisschen eigenartig. Normalerweise konnte ich mich nach Einsätzen relativ schnell in meine Familie integrieren." Doch diesmal ist es anders. "Ab Januar ging es richtig los. Stillsitzen war nicht möglich." Dazu kommen Rückenschmerzen. "Als ob ich einen 100-Kilo-Rucksack trage", sagt Schulze.

Im Job ist er unkonzentriert, hat keine Lust, mit den Kameraden zu reden. Auch seine Frau bekommt die Veränderung zu spüren. "Ich war launisch und unruhig." Fragen lässt er unbeantwortet: "Ich konnte mich nicht mit meiner Frau unterhalten. Da war eine Sperre, die gesagt hat: Nein. Es war einfach kein Antrieb da. Leere und Antriebslosigkeit."

Er macht sich Vorwürfe. "Ich muss doch da sein, ich muss doch hart sein, ich muss doch kämpfen können."

Er hadert mit sich: "Andere gehen sechsmal und haben nichts. Warum bin ich nach fünfmal weichgekocht?"

Schulzes Familie lässt nicht locker, seine Frau bohrt nach. Im Frühjahr endlich rafft er sich auf und geht zu ersten Gesprächen in der Ambulanz des Traumazentrums. Vier Wochen später bekommt er einen Platz für die stationäre Therapie.

insgesamt 3722 Beiträge
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Seite 1
Willie, 27.04.2010
1. -
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
So tragisch es auch ist, die Opferzahlen sind fuer Konflikte dieser Groessenordnung laecherlich gering. Im Vergleich zu andern Opferzahlen unseres taeglichen Lebens, wie Mord und Totschlag, Verkehrsunfaelle, Alkoholismus, Rauchertod, Aids und andere Krankheiten sind sie verschwindend gering, um etwas anderes als eine reiner emotionaler oder politisch-ideologischer Faktor zu sein. Soviel zu dem "was ist". Die naechse Frage ist die nach: Was wird geschehen wenn Deutschland sich aus Afghanistan verabschiedet? Konsequenzen. Kurzfristige und langfristige. Und da geht es dann los mit dem spekulieren ueber zukuenftiges -je nach Praeferenzen. Vom Umfang der Fakten kennen die meisten relativ wenig, viele werden bewusst ignoriert, wenn sie nicht ins Argument passen. Oder manipuliert damit sie ins eigene Argument passen. Nuechtern denken und logisch schluessig folgern tun die wenigsten. Dafuer haben die meisten emotionale und ideologische Praferenzen. Und fuer die ist nun "Muehle auf". Ergo "Ring frei" fuer die gesamte Palette von Prophezeiungen ueber "was geschehen wird".;-)
onemanshow 27.04.2010
2. "Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg"
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Abzug aller fremden Truppen aus Afghanistan ! Je eher, desto besser. Jakob Augstein, tatsächlich nicht der Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, scheint sich dennoch Kraft seines Amtes als Verleger des "Freitag" seines Vaters würdig zu erweisen - anders als Augsteins "Erben" beim ehemaligen Nachrichtenmagazin: "Wenn man alle Argumente bis an ihr Ende verfolgt, wenn man alle Lügen und Vorwände durchdrungen hat und wenn man auch alle falschen Hoffnungen auf eine Besserung für die Menschen in diesem Land verworfen hat, die es ja vielleicht zu Recht einmal gegeben haben mag, dann bleibt nur ein Argument, das den Verbleib Deutschlands am Hindukusch rechtfertigen kann. Und das ist die Bündnistreue. Wir führen Krieg aus Bündnistreue. Das ist die Politik von Angela Merkel. Dafür wird man sich ihrer erinnern: Als Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg." Jakob Augstein http://www.freitag.de/wochenthema/1016-die-wahl-der-waffen
heinrichp 27.04.2010
3. Bundeswehr in Afghanistan
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Margot Käßmann: "Bomben werden nicht helfen" Es kann nicht um einen gerechten Krieg gehen, sondern nur um einen gerechten Frieden. http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/article-bundeswehr-in-afghanistan-42590936.html
kdshp 27.04.2010
4.
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Hallo, ich bin für sofortigen abzug der deutschen sodlaten. Gleichzeitig sollten/müssen wir aber afgahnistan unterstützen damit es nicht wider so wie vorher wird also unter den taliban. Hat bis jetzt doch auch immer ganz gut geklappt!
Hans58 27.04.2010
5.
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Wie oft sollen wir noch über diese Frage hier diskutierten?
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