Treffen der Finanzminister Schäuble in Brüsseler Krankenhaus eingeliefert

Wolfgang Schäuble muss seine Teilnahme am Krisengipfel der EU kurzfristig absagen, der Bundesfinanzminister ist in Brüssel ins Krankenhaus gebracht worden. Möglicherweise hat er ein Medikament nicht vertragen. Nun verzögert sich die Verabschiedung des Notfallpakets gegen den Euro-Absturz.

Finanzminister Wolfgang Schäuble: Neues Medikament nicht vertragen?
ddp

Finanzminister Wolfgang Schäuble: Neues Medikament nicht vertragen?


Brüssel - Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble ist in Brüssel in ein Klinikum eingeliefert worden. Das teilte sein Sprecher Michael Offer am Sonntag mit. Schäuble könne nicht an der Sitzung der EU-Finanzminister teilnehmen, sagte Offer weiter.

Es bestehe der Verdacht, dass er auf ein Medikament, welches er am Samstag zum ersten Mal eingenommen habe, unverträglich reagierte. Schäuble gehe es aber "den Umständen entsprechend gut". Der Minister sei bei Bewusstsein und ansprechbar. Er werde aber mindestens bis Montag im Krankenhaus unter Beobachtung bleiben.

Innenminister Thomas de Maizière soll nun kurzfristig nach Brüssel reisen und die Leitung der deutschen Delegation übernehmen. Bis dahin wird Schäuble von seinem Staatssekretär Jörg Asmussen vertreten.

Schäuble ist seit einem Attentat im Jahr 1990 querschnittsgelähmt. Über seinen Gesundheitszustand gab es zuletzt Spekulationen. Eine Wunde, die nach einer Operation schlecht verheilt war, hatte dem Minister Probleme bereitet. Schäuble erledigte seine Amtsgeschäfte vom Krankenbett aus. In der Union wurde bereits über Nachfolger spekuliert. Schäuble wies Berichte über einen Amtsverzicht jedoch zurück.

Am 12. Oktober 1990 wurde Schäuble von einem geistig verwirrten Mann niedergeschossen. Die Schüsse verletzten sein Rückenmark, seitdem ist er vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

Finanzminister beraten über Hilfsmechanismus für Euro-Staaten

Die EU-Finanzminister trafen sich am Sonntagnachmittag in Brüssel, um über das weitere Vorgehen in der Euro-Krise zu beraten. Die EU-Kommission sollte dafür ein Konzept zur Stärkung des europäischen Finanzsystems präsentieren. Dabei geht es vor allem um einen neuen Hilfsmechanismus, der aus drei Teilen bestehen könnte:

  • Ausweitung des Rettungsmechanismus der EU-Kommission auf Euro-Länder
  • Ein Europäischer Währungsfonds, der bilaterale Kreditgarantien umfasst
  • Die Europäische Zentralbank soll Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern kaufen dürfen.

Währungskommissar Olli Rehn sollte der Ministerrunde am Nachmittag entsprechende Vorschläge machen. Es wäre eine historische Neuerung in der Euro-Zone, in der es bislang keinen Rettungsmechanismus für bankrottgefährdete Partnerländer wie Griechenland gibt.

Aus Kreisen der EU-Finanzminister hieß es am Sonntag, wegen der Erkrankung von Schäuble verzögere sich die Verabschiedung der Maßnahmen. Ohne ihn - oder de Maizière - könne keine Entscheidung fallen. Dabei steht die Ministerrunde unter Zeitdruck: Eigentlich sollte der neue Mechanismus stehen, bevor die Märkte in Japan öffnen. De Maizière wird gegen 20 Uhr in Brüssel erwartet.

Krisentreffen im Kanzleramt

Die Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten hatten am Samstag die Hilfskredite für Griechenland in Höhe von bis zu 110 Milliarden Euro gebilligt. Zudem einigten sie sich auf schärfere Sanktionen gegen Haushaltssünder und eine Beteiligung der Banken an den Krisenkosten.

Führende deutsche Wirtschaftsexperten warnten am Sonntag vor einem weiteren Absturz des Euro. Die Gemeinschaftswährung liegt momentan bei 1,27 Dollar. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hält einen Wertverlust bis auf eine Parität mit dem Dollar für möglich. Er sagte der "Bild am Sonntag": "Solange die Unsicherheit über Griechenland und andere Länder am Rand der Währungsunion andauert, bleibt der Euro unter Druck."

Kanzlerin Angela Merkel hat laut Nachrichtenagentur dpa für Sonntagabend eine Krisenrunde der Koalition ins Kanzleramt zusammengerufen. Demnach wurden mehrere Minister zu einer "sehr wichtigen Sitzung" eingeladen.

cte/dpa/ddp/AFP

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