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23. Juli 2008, 18:44 Uhr

Treffen im Adlon

Wowereit trägt Obama das Gästebuch hinterher

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Erst Nana an der Akropolis, dann Obama im Adlon: Klaus Wowereit düst nach dem Abschiedskonzert der griechischen Sängerin Nana Mouskouri aus Athen in die Heimat, um den Präsidentschaftskandidaten zu treffen. Für schöne Bilder mit dem Bürgermeister hat der US-Polit-Star allerdings keine Zeit.

Berlin - "In einem fernen Land, wo keiner auf dich wartet": Eine Zeile, die Sängerin Nana Mouskouri am Mittwochabend noch ein letztes Mal singen wird, wenn sie am Fuße der Akropolis in der antiken Kulisse des Athener Herodes-Attikus-Theater ihren ebenso antiken Nummer-Eins-Hit "Weiße Rosen aus Athen" anstimmen wird. Die 64-Jährige gibt dort ihr Abschiedskonzert, und auch Klaus Wowereit erweist ihr auf Einladung seines Athener Amtskollegen Nikitas Kaklamanis die Ehre.

Klaus Wowereit: "Langer Abstimmungsprozess"
DDP

Klaus Wowereit: "Langer Abstimmungsprozess"

Ein bisschen könnte Berlins Regierender Bürgermeister in der lauen griechischen Sommernacht bei den Worten des Schlagerstars an den darauffolgenden Donnerstag denken. Dann kommt Barack Obama in die deutsche Hauptstadt, für gute 24 Stunden. Er wird die Kanzlerin kennenlernen, den Außenminister, er will Tausenden Menschen an der Siegessäule seine Botschaft überbringen.

Und wo bleibt Wowi? Stets war auch von einem Treffen mit ihm die Rede, wie selbstverständlich schien die Begegnung mit dem Stadtoberhaupt. Längst hatte Wowereit angekündigt, dafür extra seinen Mittelmeerurlaub zu unterbrechen, was er nicht einmal für das erste Bundeswehr-Gelöbnis vor dem Reichstag in Erwägung gezogen hatte. Nur wann, wo, und in welchem Rahmen - darüber konnte die Senatskanzlei in den vergangenen Tagen nie Auskunft geben. Am Dienstagabend machte plötzlich das Gerücht die Runde, der SPD-Politiker habe es satt, sich vom Team des US-Polit-Stars hinhalten zu lassen. Der Entschluss stehe fest: Die große Obama-Show finde ohne den ersten Bürger Berlins statt.

Am Mittwochvormittag wollte die Senatskanzlei davon aber nichts mehr wissen. Stattdessen wartete Wowereits Vizesprecher Günter Kolodziej fast schon erleichtert mit der Nachricht auf: Wowereit fliegt ein - und er trifft den Senator aus Illinois.

Von einem publikumswirksamen Auftritt, wie ihn sich Wowereit wohl gewünscht hätte, kann allerdings keine Rede sein. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass hier jemand einen Termin irgendwo dazwischen geschoben hat, um niemanden zu verprellen: Das Stadtoberhaupt muss Obama im Hotel Adlon besuchen, wo dieser sich mit seinem Tross eingebucht hat.

Dort werde es am Nachmittag gegen 16 Uhr ein "relativ kurzes Gespräch" zum Kennenlernen geben, anschließend trägt sich Obama ins Gästebuch der Stadt ein, das der Bürgermeister mitbringt. Wenn Obama nicht zum Gästebuch ins Rote Rathaus kommt, dann kommt das Gästebuch eben zu ihm. Die Szenerie können vor allem US-amerikanische Journalisten beobachten, nur ein einzelner Kameramann des RBB ist als deutscher Medienvertreter zugelassen.

Auf einen von Wowereit begleiteten, telegenen Gang durchs Brandenburger Tor, nur einen Steinwurf vom Adlon entfernt, verzichtet das Obama-Team. Offenbar steht überhaupt keine Sightseeingtour zu den geschichtsträchtigen Orten der Stadt mehr auf dem Programm, wie sie in den vergangenen Tagen kolportiert wurde, so zumindest ist aus dem Berliner Presseamt zu hören. Dass der Bürgermeister wegen des Gerangels um die letztendlich kurze Begegnung angefressen sei, wird hier zurückgewiesen. Diplomatisch ist von einem "langen Abstimmungsprozess" die Rede.

Den Flug von Athen nach Berlin am Donnerstagmorgen bezahlt Wowereit entgegen erster Ankündigungen übrigens selbst. Das soll der Bürgermeister schon vor Beginn seines dreiwöchigen Urlaubs am vergangenen Freitag entschieden haben, nur die Senatskanzlei wusste davon offenbar nichts. Die hatte zunächst verkündet, die Kosten für die Ferienunterbrechung trage das Land, weil es sich um eine Dienstreise handle.

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