Treffen im Kanzleramt Schröder setzt "Signal" für religiöse Toleranz

Bundeskanzler Schröder lud erstmals Vertreter der Religionen ins Kanzleramt ein, vor allem um Ängste in den islamischen Gemeinden der Bundesrepublik zu besänftigen. Unterdessen wird gefordert, Koranunterricht nicht mehr abgeschotteten Koranschulen zu überlassen.


Das Religionstreffen im Kanzleramt: (v.l.:) Paul Spiegel (Zentralrat der Juden), Bischof Heinrich Kock (Ratsvorsitzender der EKD), Bundeskanzler Gerhard Schröder, Nadeem Elyas (Zentralrat der Muslime in Deutschland) und Bischof Heinrich Mussinghoff (Deutsche Bischofkonferenz).
DPA

Das Religionstreffen im Kanzleramt: (v.l.:) Paul Spiegel (Zentralrat der Juden), Bischof Heinrich Kock (Ratsvorsitzender der EKD), Bundeskanzler Gerhard Schröder, Nadeem Elyas (Zentralrat der Muslime in Deutschland) und Bischof Heinrich Mussinghoff (Deutsche Bischofkonferenz).

Berlin - Die Bundesregierung sucht nach den Terroranschlägen in den USA und den bevorstehenden Gegenschlägen das Gespräch mit den Religionsgemeinschaften - insbesondere mit dem Islam. Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte ein Treffen mit Vertretern der beiden großen christlichen Kirchen, des Zentralrats der Muslime und des Zentralrats der Juden in Deutschland am Freitag in Berlin ein "Signal" an die Bevölkerung.

Der Dialog solle gerade jetzt nach den Anschlägen "das Klima in Deutschland verbessern", sagte Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye nach dem Gespräch. Es müsse auf jeden Fall der Eindruck verhindert werden, der Islam solle bekämpft werden. Jede Religionsgemeinschaft sei in Deutschland frei und geschützt.

Bei "Flächenbrand" Übergriffe auf Muslime befürchtet

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Nadeem Elyas, bezeichnete das Gespräch mit dem Kanzler als "von beiden Seiten offen". Er bekräftigte, dass die islamische Welt gegen jede "kriegerische Auseinandersetzung" sei, da hier immer die Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen werde.

Bei einem "Flächenbrand" in dem Konflikt befürchtet Elyas auch in Deutschland Übergriffe gegen die islamische Bevölkerung. Die Muslime in Deutschland seien auf jeden Fall daran interessiert, dass die innere Stabilität nicht gefährdet werde. Jeder Moslem werde auch seiner "bürgerlichen Pflicht" nachkommen, Straftaten zu melden.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, zeigte sich sehr skeptisch, dass eine "kriegerische Auseinandersetzung geeignet ist, den Terrorismus zu bekämpfen". Er räumte ein, dass es für die betroffenen Regierungen sehr schwierig sei, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um den Terrorismus an seiner Wurzel auszureißen.

Katholische Kirche: "Zweites Vietnam verhindern"

Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heinrich Mussinghoff, machte für die katholische Kirche deutlich, dass der Terrorismus notfalls mit militärischen Mitteln bekämpft werden müsse. Allerdings gelte es, "ein zweites Vietnam zu vermeiden". Man müsse genau abwägen, wie ein Krieg gegen den Islam insgesamt verhindert werden könne.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sagte nach dem Treffen, US-Präsident George W. Bush habe in seiner Rede gezeigt, dass es ihm hier nicht um einen Krieg gehe, sondern um die Zerschlagung des Terrorismus. Elyas rechnet dagegen mit einem "Krieg ohne definierte Fronten. Das ist das Gefährliche", sagte er. Er befürchte auch, dass die Gelegenheit genutzt werde, "alte, offene Rechnungen zu begleichen".

Sucht neuen Dialog mit Religionen: Gerhard Schröder
AP

Sucht neuen Dialog mit Religionen: Gerhard Schröder

Gerhard Schröder hatte die Vertreter der Religionen erstmals im Kanzleramt an einen Tisch gebeten, um den Dialog zwischen Moslems, christlichen Kirchen und Juden zu suchen. Der Hintergrund: Das Bundeskabinett hatte am Mittwoch beschlossen, extremistische Islam- Organisationen künftig wie "normale Vereine" zu behandeln, damit sie im Zweifelsfall einfacher verboten werden können.

"Koranunterricht muss aus der Dunkelzone"

In der Debatte um die Koranschulen in Deutschland wurden derweil verstärkte Forderungen nach Islam-Unterricht an deutschen Schulen laut. "Wir müssen dafür sorgen, dass der Islam-Unterricht aus der Dunkelzone der Koranschulen herauskommt", sagte die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung, Ulrike Flach (FDP). Der Unterricht müsse an staatlichen Schulen in Deutsch gegeben werden, da an den Koranschulen oft religiöse Fundamentalisten lehrten.

Auch das Essener Zentrum für Türkeistudien kritisierte, an den deutschen Koranschulen werde das Zusammenleben zwischen Deutschen und Moslems nicht gefördert, sondern oft gehemmt. "Keiner weiß genau, welche Inhalte an diesen Schulen gelehrt werden", sagte Leiter Faruk Sen der Deutschen Presseagentur. Dies bedeute jedoch noch nicht, dass den Koranschulen extremistische Terroristen entspringen würden. Zu Gewalttaten aufgerufen werde nur an wenigen Schulen, zum Beispiel in den Einrichtungen des Kölner "Kaplan-Verbandes".

Zweifelhafte Entwarnung in Berlin

400 militante Extremisten in Berlin? Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD)
DPA

400 militante Extremisten in Berlin? Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD)

Widersprüchlich hat unterdessen Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) über die Ergebnisse von Ermittlungen des Berliner Verfassungsschutzes berichtet. Danach gehe derzeit "keine terroristische Gefahr" von islamistischen Gruppen in Berlin aus. "Dennoch ist ein nicht zu kalkulierendes Gefährdungspotenzial denkbar", erklärte Körting vor dem zuständigen Ausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses.

Deutschland habe den Attentätern scheinbar als Ruheraum gedient. "Es ist daher nicht auszuschließen, dass es noch mögliche andere Täter geben könnte", sagte Körting. Von den über 200.000 Muslimen in der Stadt werden nach Angaben des Innensenators "einige tausend" als Islamisten, davon etwa 400 Personen als militant eingestuft. Diese hätten jedoch deutlich zurückhaltend auf die Ereignisse reagiert. Sie würden sich weder mit den Terroristen identifizieren, noch dazu bereit sein, ein Umfeld für derlei Aktionen zu bieten.

Als zusätzliches Sicherheitsrisiko bezeichnete Körting Rechtsextremisten, die die Terroranschläge als Argument für ihre ausländerfeindliche Hetze nutzen könnten. Durch sie bestehe die akute Gefahr von Übergriffen auf Muslime oder afghanische Flüchtlinge.

Hundert Anhänger Bin Ladens in Deutschland

Nordrhein-Westfalens Innenminister Fritz Behrens (SPD) bezeichnete es indessen als vordringlich, so genannte Schläfer des islamischen Terrorismus gezielt aufzuspüren, die "auf Knopfdruck" zum Attentäter werden. Die Islamisten versuchten in seinem Bundesland, mit Videos insbesondere junge Studenten als Kämpfer anzuwerben und Spenden zu sammeln, sagte Behrens am Donnerstag in Düsseldorf.

Bundesweit gebe es nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden etwa hundert Anhänger Bin Ladens. "Einige von denen meinen wir zu kennen", sagte Behrens. Die Behörden bereiteten sich derzeit strategisch auf neue Bedrohungen vor. "Wir müssen davon ausgehen, dass ein Gegenschlag der USA weltweit die Gefahr gewalttätiger Reaktionen hervorruft." Unter den 1,1 Millionen Moslems in Nordrhein-Westfalen seien etwa 500 gewaltbereit. Die Staatsschützer beobachteten in dem Land knapp 10 000 aktive Anhänger islamistischer Organisationen, die die Religion als politisches Instrument benutzen.

Holger Kulick (mit dpa)



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.