Miese Umfragen Absturz der grünen Überflieger

Neue Volkspartei - war's das schon? Seit Wochen befinden sich die Grünen im Umfrage-Sinkflug. Ihnen dürfte das Programm zur Steuererhöhung und die Pädophilen-Debatte schaden. Damit werden sie zum Problem für die SPD.
Grünen-Spitzenkandidaten Trittin, Göring-Eckardt: "In aller Gelassenheit abwarten"

Grünen-Spitzenkandidaten Trittin, Göring-Eckardt: "In aller Gelassenheit abwarten"

Foto: Marc Tirl/ dpa

Berlin - Die Grünen, ein Wählerschreck? Winfried Kretschmann schaut verdutzt. "Man kann nicht Politik machen, ohne dass man auch manchmal Leute verschreckt. Wie soll denn so was gehen?", sagt der baden-württembergische Ministerpräsident. Peer Steinbrück, der ein paar Plätze weiter rechts sitzt, bricht in Gelächter aus. "Das mag ich", sagt er.

Berlin, ein Gebäude im Regierungsviertel, zweieinhalb Wochen vor der Wahl. Die Spitzen von SPD und Grünen sind gekommen, um die Aufholjagd zu beschwören. Alles noch drin, TV-Duell war super, die Kanzlerin muss zittern - das soll die Botschaft sein. Aber dummerweise ist an diesem Tag etwas dazwischengekommen. Eine Umfrage. Mal wieder.

Den Grünen rennen die Wähler weg. Sie liegen, so die neusten Zahlen des ZDF, jetzt nur noch bei zehn Prozent. Eine Momentaufnahme, klar. Das kann nächste Woche schon wieder anders sein. Aber die Umfrage steht für einen Trend: Die Grünen, vor zwei Jahren mit 25 Prozent und mehr die Superstars der deutschen Politik, befinden sich seit einigen Wochen bei allen Meinungsforschern im Sinkflug.

Für die rot-grünen Regierungsaussichten ist das ein Problem. Weil die SPD immer noch keinen echten Aufschwung erlebt, ist der Machtwechsel weit entfernt. Den Grünen droht plötzlich ein Horrorszenario: die Große Koalition. Sie würde vier weitere Jahre Opposition bedeuten. Wer hätte das noch vor einiger Zeit gedacht.

Steuer- und Pädophiliedebatte verschreckt Bürgerliche

Also Bettdecke über den Kopf? Kommt nicht in Frage. "Ich würde in aller Gelassenheit abwarten, was am 22. September rauskommt", sagt Spitzenkandidat Jürgen Trittin zur grünen Umfrageschwäche und lächelt sein undurchschaubares Trittin-Lächeln. Er verspüre eine gute Stimmung. "Der Wahlkampf mit den Rezepten, wie man Kohlrouladen herstellt, ist zu Ende."

So kann man es natürlich angehen. Doch auch der Spitzenkandidat dürfte von den Zahlen beunruhigt sein. Schon vor Monaten warnte er, man dürfe sich auf den guten Umfragezahlen nicht ausruhen. Aber dass es plötzlich so rasant bergab geht, damit hatte wohl auch er nicht gerechnet.

Es schien lange so, als hätten die Grünen alles richtig gemacht im Wahlkampf: Sie ließen ihre Mitglieder über die Spitzenkandidaten abstimmen, was zum Duo Jürgen Trittin/Katrin Göring-Eckardt und einer breiten Mobilisierung der Basis führte. Man diskutierte lang und breit das in der Öffentlichkeit umstrittene Steuerkonzept. Und genau wie bei ebenfalls kontroversen Themen wie der Forderung nach einem Veggie-Day war man sich einig darin, dass einer 15-Prozent-Partei klare Aussagen im Wahlkampf helfen.

Und jetzt? Gilt man plötzlich als Spaßbremse? "Politik macht keinen Spaß, Politik macht Sinn", sagt Kretschmann dazu in Berlin. "Na ja, ein bisschen Spaß darf schon sein, Herr Kretschmann", witzelt Steinbrück. Gelächter.

Ratlosigkeit macht sich bei den Grünen breit. Irgendwas scheint schief gegangen zu sein. Eine mögliche Erklärung: Die Partei hat es am Ende doch übertrieben mit ihren Steuerforderungen - und zwar gerade für die eher konservativen Schichten, in die man vor allem in Baden-Württemberg eingedrungen ist. Dort dürfte die Skepsis besonders groß sein gegenüber einer Partei, die in manchen Fragen bevormundend wirkt.

Ein Hauch von Kurt Beck weht durch den Raum

Oder liegt es daran, dass die Grünen ihr Kernthema in der öffentlichen Wahrnehmung vernachlässigen - die Ökologie? Kann sein, muss aber nicht. Sicher ist, dass die Grünen seit Wochen schon mit Negativschlagzeilen aufwarten. Nicht zuletzt wegen der unseligen Pädophilie-Debatte. Obwohl die Partei das sensible Thema inzwischen aufarbeiten lässt, könnte die Diskussion Stimmen kosten. Und zwar - ähnlich wie bei den Steuern - vor allem in jener Wählerschicht, die sich in den vergangenen Jahren stärker für die Grünen geöffnet zu haben schien: bei den Bürgerlichen.

Der Zug für Rot-Grün scheint abgefahren. Setzt man jetzt heimlich doch auf Rot-Rot-Grün? "Das haben wir im Wahlprogramm klipp und klar ausgeschlossen", sagt NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft für die SPD.

Aber wie lange gilt diese Absage eigentlich? Für den Wahlabend - oder auch die gesamte nächste Legislaturperiode? "Das ist davon abhängig, ob die Linkspartei eines Tages koalitionsfähig wird", sagt Steinbrück. Eine Koalition für alle Zeiten auszuschließen, komme nicht in Frage: "Demokratische Parteien müssen untereinander ganz prinzipiell koalitionsfähig sein."

Ein Hauch von Kurt Beck durchweht den Raum. Beck, damals SPD-Chef, hatte im Jahr 2008 aus heiterem Himmel eine Linksöffnung angedeutet.

Doch Steinbrück kriegt gerade noch die Kurve: Unter Betrachtung der konkreten Lage "kommt für die SPD eine solche Koalition mit Blick auf die nächste Legislaturperiode oder mit Blick auf die jetzt anstehenden Wahlen und die anschließende Regierungsbildung nicht in Frage".

Eine klare Botschaft hört sich anders an.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.