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10. November 2012, 11:58 Uhr

Urwahl der Grünen

Triumph einer Ungeliebten

Ein Kommentar von

Das Überraschungsduo Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt soll die Grünen in die Bundestagswahl führen. Die Kür der Außenseiterin zeigt den Wunsch der Basis nach Erneuerung. Ein bitterer Tag ist dies für Renate Künast und Claudia Roth.

Da hat die Basis wohl ein Machtwort gesprochen. Die Mitglieder haben der Außenseiterin Katrin Göring-Eckardt nicht nur die Führungsposition neben Platzhirsch Jürgen Trittin gegeben. Sie deklassierten zugleich die etablierten Kandidatinnen Renate Künast und Claudia Roth.

Damit verschiebt sich das Gefüge innerhalb der Partei gewaltig, die Folgen für die Aufstellung in der näheren Zukunft sind unabsehbar. Ein Stück Machtwechsel bahnt sich an in einer Partei, die in den vergangenen Jahren langsam personell zu verkalken drohte.

Zuerst zu den Siegern.

Trittin zementiert seinen Ruf als starker Mann der Grünen. Mit 72 Prozent der Stimmen schwebt er über dem Gezänk der anderen, er ist bis zur Bundestagswahl die unumstrittene Führungsfigur. Danach hat er den freien Zugriff auf ein Ministerium seiner Wahl - vorausgesetzt, er erfüllt die hohen Erwartungen, die das Parteivolk in seine Fähigkeit als Spitzenkraft setzt.

Im Wahlkampf muss er nun zeigen, ob er das auch ist. Aus dem linken Querulanten ist zwar ein seriöser Fach- und manchmal Staatsmann geworden. Ob er aber die richtige Strategie gegen Angela Merkel und Schwarz-Gelb findet, steht in den Sternen. Seine staatstragende Zustimmung zu allen Euro-Gesetzen der Kanzlerin hat bisher jedenfalls eher Merkel geholfen als den Grünen.

Spitzenkandidatin der leisen Töne

Katrin Göring-Eckardt geriet praktisch über Nacht in eine völlig neue Lage. Bei den Funktionären und dem Mittelbau der Grünen eher unbeliebt, hatte sie nach dem Ende der rot-grünen Regierungszeit ihre Spitzenjobs in Partei und Fraktion räumen müssen. Die Kirchenfrau bevorzugt eher leise Töne, umso interessanter ist es nun, dass die Basis ausgerechnet sie zu ihrer Tribunin gewählt hat.

Mit 46 Jahren ist die Thüringerin weiß Gott kein Neuling, aber sie gehört eben nicht zur Gründergeneration der Endfünfziger. Ihr half ein atemberaubender persönlicher Politikwechsel an die Macht: Aus der Frontfrau der neoliberalen Agenda-Politik mit einer Schwäche für Schwarz-Grün wurde die engagierte Sozialpolitikerin, die sich brennend auf ein Bündnis mit den Sozis freut. Das irritierte zwar ihre eigenen Anhänger, die sich von Göring-Eckardt eine Öffnung der Partei zu den Konservativen erhofften und von einer Art Winfried Kretschmann in weiblich träumten.

Bei der Basis dagegen half ihr der beherzte Linksschwenk ganz offenbar - und ließ die Gegnerinnen einfach nur älter aussehen.

Göring-Eckardt ist nun mit einem starken Mandat der Basis zur eigentlichen Co-Chefin der Grünen neben Trittin gewählt worden, wenn auch befristet bis zur Bundestagswahl. Macht sie ihren Job gut, könnte sie die Zukunft der Partei verkörpern.

Eine Katastrophe für die Parteichefin

Für Künast und Roth ist dies ein bitterer Tag. Die beiden wähnten sich als die eigentlichen Rivalinnen im Urwahlkampf. Göring-Eckardt wurden nur Außenseiterchancen zugebilligt, weil die Umfragen unter den Grünen-Wählern sie unter "ferner liefen" platzierten. Aber die Parteimitglieder erlaubten sich eben ein dezidiert anderes Urteil als die Wähler der Grünen. Künast und Roth liegen zehn beziehungsweise 20 Prozentpunkte hinter "kge", wie die neue Spitzenkandidatin parteiintern heißt.

Künasts Autorität als Fraktionsvorsitzende ist im Wahljahr beschädigt. Immerhin sitzt im Bundestag die Abgeordnete Göring-Eckardt, der die eigenen Leute erheblich eher als ihr zutrauen, die Grünen erfolgreich in die Auseinandersetzung mit der Kanzlerin zu führen. Vermutlich muss Künast nicht gleich ihren Job als Fraktionschefin abgeben, aber sie ist nur noch eingeschränkt handlungsfähig.

Noch schlimmer aber ist der Ausgang für Claudia Roth. Die ewige Vorsitzende galt als die Übermutti der Partei, ihre schrille Art als lebender Beweis für die unverwüstliche Andersartigkeit der Grünen. Doch jetzt haben die Mitglieder den schönen Schleier weggerissen. 26 Prozent der abgegebenen Stimmen, das ist eine Katastrophe für eine Parteichefin.

Am kommenden Wochenende wählen die Grünen auf dem Parteitag in Hannover ihren Vorstand neu. Roth hatte intern darauf gedrängt, dass die Urwahlergebnisse vor dieser Entscheidung bekannt werden müssten. Schließlich müsse sie als Vorsitzende Rücksicht auf das Votum der Basis nehmen und bei einem schlechten Abschneiden neu wägen, ob sie überhaupt kandidiert. Dieser Fall könnte nun eingetreten sein.

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