Trotzkistin als Neumitglied Lucy in der Linken

Überraschung in Berlin: Die streitbare Lucy Redler ist der Linken in der Hauptstadt beigetreten, die sie zuvor heftig bekämpft hatte. Die Einsprüche gegen sie wurden abgewiesen. Doch schon droht der nächste Streit um die Mitgliedschaft der Trotzkistin.

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Berlin - "Entspannt und hoffnungsfroh": So gab sich Redler noch kurz vor der Sitzung, in der sie erklären sollte, warum sie ausgerechnet in die Berliner Linke eintreten will. Vor zwei Jahren hatte sie die Partei noch heftig für ihre Politik kritisiert. Doch ebenso ausdauernd hat sie nun für ihren Beitritt gestritten, obwohl prominente Parteimitglieder dagegen - erfolglos - Einspruch erhoben hatten.

Lucy Redler: "So eine Diskussion muss eine pluralistische Partei aushalten"
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Lucy Redler: "So eine Diskussion muss eine pluralistische Partei aushalten"

Dienstag Nacht wies der Vorstand der Linken in Neukölln die Bedenken gegen den Antrag der 29-Jährigen zurück. Sie hat am Mittwochmorgen von dieser "guten Entscheidung" erfahren und gibt sich gelassen: "Ich hatte damit gerechnet." Anders als Redler scheint der Chef des Bezirks, Ruben Lehnert, über Redlers Mitgliedschaft nicht glücklich zu sein: "Ich kenne niemanden im Vorstand, der sich darüber freut."

Die Verletzungen sitzen offenbar tief. Vor zwei Jahren bekämpfte Redler als Spitzenkandidatin der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) in Berlin die Fusion von WASG und Linkspartei. Den Sozialabbau des Senats wolle sie nicht mittragen, sagte Redler und gründete lieber ihre eigene Organisation, die Berliner Alternative für Solidarität und Gegenwehr.

"Einen starken marxistischen Flügel aufbauen"

"Wir haben uns damals monatelang für eine starke Linke engagiert", sagt Bezirkschef Lehnert am Mittwochmorgen. "Lucy Redler und ihre Leute waren stets dagegen." 2007 schlossen sich WASG und Linkspartei.PDS zur Partei Die Linke zusammen. Um die "rote Lucy" wurde es still. Bis September diesen Jahres, als sie ihren Mitgliedsantrag bei der Linken einreichte. Gegen diesen hatte vergangene Woche der stellvertretende Fraktions- und Parteivorsitzende Klaus Ernst zusammen mit WASG-Mitgründer Thomas Händel Einspruch erhoben.

Der Berliner Vorstand in Neukölln beriet am Dienstagabend rund vier Stunden über zwei Mitgliedsanträge, darunter den von Redler. Mit sechs zu drei Stimmen wies der Bezirk die Einsprüche ab. Die Einwände seien vor allem mit der Mitgliedschaft Redlers in der trotzkistischen "Sozialistischen Alternative" (SAV) begründet worden, sagt Lehnert. Redler ist Sprecherin dieser trotzkistischen Gruppierung, die laut Verfassungsschutzbericht aus dem vergangenen Jahr rund 400 Mitglieder zählt.

Ob eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der Linken und in der SAV unvereinbar sei, könne aber kein Bezirksverband entscheiden, sagt Lehnert: "Das obliegt den Bundesparteitagen."

Linke-Politiker Ernst nennt diese Begründung "schlicht falsch". Ernst kündigte an, Einspruch gegen die Entscheidung einzulegen und die Landesschiedskommission anzurufen. Der Fall kann bis zur Bundesschiedskommission gehen. Bis dahin ruht die Mitgliedschaft Redlers.

"Lass es uns zusammen versuchen"

Sie und ihre Mitstreiter hätten bewiesen, dass sie nicht bereit seien, "Mindestanforderungen an innerparteiliche Solidarität und Geschlossenheit" zu erfüllen, sagt Ernst: "Eine Fußballmannschaft wäre schlecht beraten, Spieler in die Mannschaft zu nehmen, die vorher ankündigen, nur auf das eigene Tor zu schießen."

Redler und ihre Mitstreiter hatten angekündigt, die reformorientierten Berliner Linken "nach links zu rücken" und einen "starken marxistischen Flügel in der Partei aufzubauen". So kritisierte Redler die Zustimmung der Linken in Berlin zum Bankenrettungsplan. Ihrer Meinung nach sollten alle Banken verstaatlicht werden. Differenzen gebe es nach wie vor, sagt Jungpolitikerin am Mittwochmorgen. "Aber so eine Diskussion muss eine pluralistische Partei aushalten. Das ist auch eine Bereicherung."

Zurzeit liegen gegen acht weitere Anträge von SAV-Mitgliedern in Berlin Einsprüche vor. Am vergangenen Donnerstag lehnte der Bezirk Pankow den Beitritt von zwei ehemaligen WASG-Mitgliedern ab. Durch ihr Verhalten in der Vergangenheit hätten die beiden deutlich gemacht, dass sie sich an Beschlüsse der Partei nicht gebunden fühlten, heißt es aus dem Bezirk. SAV-Mitglieder kritisierten diese Entscheidung heftig: Mit einer "Hexenjagd" sollten sie und andere linke Kritiker aus der Partei herausgehalten werden.

Mitglieder des Bundesvorstands der Linken beobachteten die Debatte noch vor der Entscheidung Dienstagnacht mit Unbehagen. "Die Einsprüche sind nicht gerade konstruktiv", sagt Brigitte Ostmeyer, die in der Steuerungsgruppe für den Parteineubildungsprozess war. "Nach eineinhalb Jahren sollte man die Größe haben und sagen, lass es uns zusammen versuchen."



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