Inhaftierter Journalist in der Türkei Deutscher Botschafter besucht Deniz Yücel

Seit vier Monaten ist Deniz Yücel in der Türkei in Haft, jetzt durfte der deutsche Botschafter ihn erstmals besuchen. Der Journalist wisse, dass er nicht vergessen werde.

Autokorso für Deniz Yücel in Berlin (Archiv)
DPA

Autokorso für Deniz Yücel in Berlin (Archiv)


Lange Zeit verweigerte die Türkei deutschen Diplomaten Besuche bei Deniz Yücel im Gefängnis. Vier Monate nach der Inhaftierung des "Welt"-Korrespondenten in der Türkei konnte der deutsche Botschafter Martin Erdmann den Journalisten am Dienstag erstmals im Gefängnis in Silivri westlich von Istanbul besuchen.

"Ich bin erleichtert, dass es Deniz Yücel nach eigenem Bekunden gut geht", erklärte Außenminister Sigmar Gabriel nach dem Besuch Erdmanns. "Das ändert nichts daran, dass wir zusammen mit seiner Frau, seiner Zeitung und seinen Kollegen ein zügiges und faires Verfahren einfordern und ihn endlich in Freiheit wissen wollen." Daran arbeite die Regierung weiter.

Es sei gut, dass der Botschafter sich einen Eindruck von den Haftbedingungen Yücels machen konnte. "Seine Wünsche für verbesserte Bedingungen seiner Haft nehmen wir auf."

Aus der deutschen Botschaft in Ankara hieß es nach dem Besuch: "Botschafter Erdmann hat heute über eine Stunde frei mit Herrn Yücel sprechen können. Deniz Yücel geht es gut. Die Unterstützung aus Deutschland - Lesungen, Konzerte, Autokorsos - tut ihm gut. Er weiß so, dass er nicht allein ist und nicht vergessen wird."

Inhaftierung Yücels belaste deutschtürkische Beziehungen

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, versicherte bei einem Besuch in Istanbul: "Wir bleiben am Ball, und wir lassen nicht locker." Er begrüßte zwar, dass der Besuch möglich war. Er sagte aber: "Zufrieden mit der derzeitigen Lage kann ich natürlich nicht sein." Eine Entspannung im Verhältnis zu Ankara könne er sich nur schwer vorstellen, solange Yücel inhaftiert ist. "Wir empfinden das als eine schwere Belastung der deutschtürkischen Beziehungen."

Nach der Inhaftierung des deutschtürkischen Journalisten im Februar hatte die türkische Regierung deutschen Diplomaten zunächst die Besuchserlaubnis verweigert. Anfang April durfte dann der deutsche Generalkonsul in Istanbul, Georg Birgelen, erstmals Yücel besuchen.

Roth sagte, der Fall Deniz Yücel sei für die Bundesregierung sehr wichtig, sei mit Blick auf die Türkei aber "leider nicht das einzige Thema. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Unabhängigkeit der Justiz, die Medienfreiheit sind insgesamt unter Druck geraten."

Türkei bekundet weiter Interesse an EU-Beitritt

Roth verwies darauf, dass die türkische Regierung weiterhin Interesse daran bekunde, der Europäischen Union beizutreten und die Zollunion mit der EU zu vertiefen. "Das kann es natürlich nicht zum Nulltarif geben. Wir sind nicht nur eine blutarme Wirtschaftsgemeinschaft, wir sind eine Wertegemeinschaft." Deutschland sei für die Türkei der wichtigste Wirtschafts- und Handelspartner. "Genauso, wie wir die Türkei brauchen, braucht die Türkei uns, braucht die Türkei die Europäische Union. Wir sind eng miteinander verflochten."

Yücel war am 14. Februar festgenommen worden, 13 Tage später wurde Untersuchungshaft gegen ihn verhängt, mittlerweile sitzt er in Isolationshaft. Ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte Yücel außerdem beschuldigt, ein Terrorist und deutscher Spion zu sein. Alle Appelle der Bundesregierung, den Journalisten freizulassen, waren bislang vergeblich. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befasst sich mit dem Fall.

sun/dpa

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Seite 1
hugahuga 13.06.2017
1.
"Roth verwies darauf, dass die türkische Regierung weiterhin Interesse daran bekunde, der Europäischen Union beizutreten und die Zollunion mit der EU zu vertiefen. "Das kann es natürlich nicht zum Nulltarif geben. Wir sind nicht nur eine blutarme Wirtschaftsgemeinschaft, wir sind eine Wertegemeinschaft." Deutschland sei für die Türkei der wichtigste Wirtschafts- und Handelspartner. "Genauso, wie wir die Türkei brauchen, braucht die Türkei uns, braucht die Türkei die Europäische Union. Wir sind eng miteinander verflochten." Soll das ein Witz sein? Sind wir schon wieder auf dem Nachgebe-Trip? Während Erdogan sich sein Erpressungspotential einfängt, es einsperrt und dann frech meint, nach wie vor in die EU eitreten zu wollen, sieht es ganz danach aus, dass unsere Polit Strategen dieser erpresserischen Aufrechnung nicht einmal energisch widersprechen. Welch eine Schande - vielleicht ist man schon dabei, sich erneut auf einen von Erdogan diktierten deal einzulassen.
Filsbachlerche 13.06.2017
2. In Anbetracht der Artikel Yücels, die von
eindeutigem Hass auf die deutsche Gesellschaft zeugen, kann ich nur sagen: Ich finde Yücels Artikel in Deutschland als abstößig. Da ich ihn persönlich nicht kenne, kann ich dies allerdings nicht auf seine Person erweitern. DEMNACH schließe ich mich Voltaire an, der vor ca. 250 Jahren an einen Widersacher schrieb: Sie verbreiten monströse Dummheiten, aber ich werde bis zum Tode dafür kämpfen, dass Sie diese äußern dürfen. Ob Yücel dieses auch so für deutsche Gegner sieht, bezweifle ich. Da er auch die türkische Staatsangehörigkeit besitzt, ist er m.E. auf türkischem Gebiet auch allein der türkischen Rechtssprechung unterworfen. Die Erlaubnis der türkischen Regierung zum Besuch deutscher Diplomaten in Yücels Zelle ist daher reines Entgegenkommen und keine völkerrechtliche Pflicht. Ich hätte nie gedacht, daß ich Handlungen Erdowahns als entgegenkommend bezeichnen würde. Nun muss es leider sein.
hugahuga 13.06.2017
3.
Weshalb steht eigentlich immer nur Herr Yücel im Vordergrund? Gibt es dafür einen einleuchtenden Grund? Immerhin ist er im Besitz von 2 Pässen und seine Einlassungen über Deutschland sind auch nicht gerade dazu angetan, sich über alle Maßen für ihn einzusetzen. Wie sieht es mit den anderen deutschen Inhaftierten aus? Darunter die Dame mit "nur" dem deutschen Pass. Weshalb wird darüber nicht angemessen berichtet?
Paul G. 14.06.2017
4. In ein paar Wochen oder Monaten
ist er raus. Dann kommt er zurück und wird hier gefeiert. Er schreibt Bücher, macht einen Film und wird ein Starreporter. Das hatte er bestimmt nie vor. Aber eine Inszenierung als Märtyrer wird folgen.
getraenketholi 14.06.2017
5. Spielball Yücel
Am Beispiel Yücel kann man das Versagen der Diplomatie beider Staaten,Deutschland und der Türkei, einndrucksvoll verfolgen. Ein Reporter wird zur Machtdemonstration, ähnlich der Scheidungskinder, mißbraucht und muss die Suppe auslöffeln. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Prozedur unter anderen Tagespolitikumständen und mit Feingefühl einen anderen, positiven, Verlauf genommen hätte- jetzt ist es zu spät.
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