Türkische Medien zu Roland Koch "Kreuzzug gegen die Türkei"

Kriminelle Ausländer - für Roland Koch das zentrale Thema vor den Landtagswahlen. Die Opposition ist empört und auch in der türkischen Presse sorgt die Kampagne aus Hessen für Schlagzeilen: Deutschlands Türken fühlen sich diskriminiert und benutzt für einen rechten Wahlkampf.

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Berlin - Die anatolischen Zeitungsleser in Deutschland erleben heute ein Déjà vu der besonderen Art. Deutschlands größte türkische Zeitung "Hürriyet" erinnert etwa in einem roten Kasten daran, was der hessische Ministerpräsident Roland Koch den Türken schon beim vorletzten Wahlkampf angetan hat: "Er hat die doppelte Staatsbürgerschaft verhindert", steht da.

CDU-Politiker Roland Koch (bei Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft im Jahr 1999): "Er fühlt sich in die Ecke gedrängt und spaltet deshalb die Gesellschaft"
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CDU-Politiker Roland Koch (bei Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft im Jahr 1999): "Er fühlt sich in die Ecke gedrängt und spaltet deshalb die Gesellschaft"

Denn 1999 führte die CDU in Hessen eine umfangreiche Unterschriftenaktion unter dem Titel "Ja zu Integration - Nein zu doppelter Staatsangehörigkeit". Damit erreichte sie, dass Türken auch nach der Staatsbürgerschaftsreform den deutschen Pass nicht als Zweitpass haben dürfen. Die sind bis heute empört, weil etwa Schweizern der Doppelpass erlaubt ist, ihnen jedoch nicht.

Und jetzt, wenige Wochen vor der Landtagswahl in Hessen, sehen sich die Türken erneut als Zielscheibe des hessischen Ministerpräsidenten. "Vor der Wahl hat der Stimmenjäger Koch wieder eine hässliche Kampagne gestartet, die sich an Ausländern aufhängt", schreibt die liberale Zeitung "Milliyet". "Er plakatiert Ausländer", lautet der Aufmacher der Europaausgabe.

"Das letzte Zucken im Tunnel der Angst"

Gemeint ist damit das Motto auf seinen Wahlkampfplakaten: "sicher leben". Die Plakate unterstreichen Kochs jüngste Äußerungen, wonach ausländische Kriminelle leichter abgeschoben werden müssten und der Jugendstrafvollzug härter werden müsse. Der hessische Ministerpräsident reagierte damit auf brutale Überfälle von Einwandererjugendlichen auf Deutsche.

Die türkischen Zeitungen empfinden Kochs Forderungen als Polemik und ziehen alle das gleiche Resümee: Der hessische CDU-Chef hat Angst vor einer Wahlniederlage und rührt deshalb die bewährte Ausländertrommel. "Das letzte Zucken im Tunnel der Angst" titelt etwa die Milliyet und erklärt, "aus Angst, die Wahl zu verlieren, wandelt er die Gewalttaten von Jugendlichen in der U-Bahn in rechte Stimmen um".

"Er fühlt sich in die Ecke gedrängt und spaltet deshalb die Gesellschaft", schreibt auch die "Türkiye". Allein die "Hürriyet"-Schlagzeile fällt moderater aus: "Innere Sicherheit soll trumpfen".

"Türken sind immer die erste Zielscheibe"

Sorgen scheint die Koch-Polemik den türkischen Autoren jedoch nicht zu machen. Sie glauben nicht an einen Sieg Kochs bei den Landtagswahlen. "Das wird ihm nicht zur Mehrheit helfen", will die "Hürriyet" wissen und rechnet die schlechten Chancen der CDU laut der Wahlprognosen vor. "Diesmal schlucken sie das nicht", titelt auch die "Türkiye" und macht kostenfreie Werbung für Andrea Ypsilanti, Kochs Konkurrentin von der SPD.

Lediglich einer äußert sich heute verbittert: Der "Hürriyet"-Kolumnist Yalcýn Dogan glaubt, in den aktuellen Entwicklungen "einen Kreuzzug der Deutschen gegen die Türkei" zu erkennen. "Es vergeht kein Augenblick in Deutschland, ohne dass die Türken nicht aus irgendeinem Grund beleidigt, diskriminiert oder aus Versehen gekränkt werden", so Dogan.

Seine Kritik klingt beleidigt, aber vor allem resigniert. "Wann immer es Probleme mit Ausländern gibt, sind Türken die erste Zielscheibe." Er wünscht sich mehr Beistand von deutschen Politikern.



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