Türkische Wähler Wo die CDU unter fünf Prozent liegt

In Hessen besuchte Bundeskanzler Schröder heute den größten türkischen Medienkonzern Deutschlands. Hürriyet, Milliyet, Kanal D und CNN-Türk erreichen über eine halbe Million türkischstämmmiger Wähler. Medienmogul Aydin Dogan versprach: "Wir lieben Sie."

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Schröder und Dogan: "Wir lieben Sie"
REUTERS

Schröder und Dogan: "Wir lieben Sie"

Mörfelden-Walldorf - Die Büro- und Verlagsräume sind schnell abgehakt, dann ist Gerhard Schröder endlich am Ziel. Der Kanzler sitzt auf einem Stuhl in einer Fabrikhalle und lauscht angestrengt. Direkt neben ihm lärmt eine Druckerpresse, die Worte des Redners sind nur schwer zu verstehen. So mag es Schröder, möchte man meinen: nah am kleinen (türkischen) Mann im Arbeitsumfeld - und nah an den (türkischen) Bossen.

Der Kanzler ist auf Redaktionsbesuch bei der Dogan Media Group im hessischen Mörfelden-Walldorf. In der letzten Wahlkampfwoche hat er sich entschlossen, eine Exklusivrunde für türkische Journalisten zu geben und sich dem türkischen Medienmogul Aydin Dogan zu empfehlen. Denn hier, in einem abgelegenen Industriegebiet, werden die Nachrichten gemacht, die die in Deutschland lebenden Türken bewegen.

Im Wahlkampf 2002 hatte sich Schröder noch geziert und war der Einladung zur Einweihung der neuen Druckerei nicht gefolgt. Stattdessen schickte er seinen Arbeitsminister Walter Riester. Nur drei Jahre später kommt er einfach so, um eine Rede an die Belegschaft der Druckerei und vor allem vor Millionen von türkischen Zuschauern zu halten: CNN-Türk berichtet live und meldet die Visite freundlich in den stündlichen Nachrichten.

Die Aydin-Dogan-Gruppe ist mit einem Gesamtmarktanteil von über 50 Prozent der größte Medienkonzern der Türkei. Sie publiziert die beiden auflagenstärksten Zeitungen "Hürriyet" und "Milliyet". Dazu kommen die Fernsehsender Kanal D und CNN-Türk.

Kanzler auf Verlags-Tour: Nachrichten, die türkische Wähler bewegen
DDP

Kanzler auf Verlags-Tour: Nachrichten, die türkische Wähler bewegen

Für Schröder ist der Besuch ein Heimspiel. Wie bei seinem letzten Aufenthalt in Istanbul, als er die Ehrendoktorwürde der Marmara-Universität verliehen bekam, wird der Kanzler für sein Werben für den EU-Beitritt der Türkei gepriesen. Multimillionär Dogan, mit dem der Kanzler sich betont herzlich gibt, überschlägt sich förmlich in Lob. "Wir lieben Sie nicht nur als Kanzler, sondern auch als verständnisvollen Freund der Türken", sagt der Medienzar. "Ihr Einsatz für unser Land ist bemerkenswert."

Eine offizielle Wahlempfehlung will er jedoch nicht geben, schließlich sei man ein neutrales Medium. Daher wünscht Dogan nicht Gerhard Schröder, sondern Deutschland "viel Glück" bei den Wahlen.

Schröder bedankt sich für die Ovationen mit schmeichelnden Zahlen und Fakten über Türken und türkischstämmige Deutsche: "Allein die Dogan Media Group hat bereits 37 Millionen Euro in Deutschland investiert. Türkische Unternehmer ermöglichen ein Umsatzvolumen von 29 Milliarden Euro in Deutschland." Dabei seien 300.000 Arbeitsplätze entstanden.

Der Kanzler steht vor einer großen türkischen Fahne - ein hübsches Bild für die türkischstämmigen Neuwähler in Deutschland. Schröder sagt: "Ich bin heute sehr gerne hier." Das glaubt man ihm sofort. Der Besuch dürfte sich lohnen. 666.000 Einbürgerungen von Türken gab es seit 1972. Es ist anzunehmen, dass eine halbe Million türkischstämmiger Wähler am kommenden Sonntag wahlberechtigt sind.

Familienfoto mit Schröder: "Ich bin heute sehr gerne hier"
SPIEGEL ONLINE

Familienfoto mit Schröder: "Ich bin heute sehr gerne hier"

Türkische Zeitungen rufen dazu auf, zur Wahl zu gehen. Trotz der offiziellen Neutralität wird auch die Richtung indirekt angezeigt: Die "Hürriyet" titelte heute, dass laut einer aktuellen Umfrage 77 Prozent der türkischen Wähler für die SPD stimmen wollen, gefolgt von 9,2 Prozent für die Grünen und 7,8 Prozent für die Linkspartei. Gerade mal 4,8 Prozent würden sich für die CDU/CSU und nur 1,2 Prozent für die FDP entscheiden.

In seiner Rede zeigt Schröder, dass er weiß, was die Türken hören wollen. "Die Türkei hat die Aufnahmebedingungen für einen EU-Beitritt erfüllt - und das sage ich nicht nur im Namen der deutschen, sondern aller Regierungen in Europa", sagt er. Dogan, der Schröders Rede via Synchronübersetzung verfolgt, klatscht als erster aufmunternd laut. Die Belegschaft folgt wie auf Kommando. "Die Verhandlungen werden lang und schwierig sein - aber sie werden am Ende Erfolg haben", fährt Schröder fort. Wunderbar. Dogan klatscht, die Untergebenen schließen sich wieder an. Am Ende der Rede führt Dogan die Standing Ovations an.

In den vergangenen sieben Jahren ging es nicht immer so harmonisch zu zwischen der türkischen Minderheit und der Regierung. Laut Gürsel Köksal, dem Vorsitzenden des Bunds türkischer Journalisten in Europa, hat die SPD besonders unter den Türken einige politisch motivierte Wähler an die Linkspartei verloren. Auch das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaft und ein verwässertes Zuwanderungsgesetz waren in der größten ethnischen Minderheit in Deutschland auf Kritik gestoßen.

Auch deshalb ist der Besuch für die türkischstämmigen Wähler von besonderer Bedeutung. "Es beginnt eine neue Dimension der Wahrnehmung der Türken in der deutschen Gesellschaft", hofft der langjährige "Milliyet"-Redakteur Köksal. Auch Gülay Kizilocak vom Essener Zentrum für Türkeistudien meint: "Das ist eine ganz wichtige Botschaft an die erste und zweite Generation der türkischen Migranten."



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