TV-Debatte der Hessen-Spitzenkandidaten Die Elefanten sind nett zueinander

Sie wollten raus aus der Bunkermentalität - und verharren im Lagerdenken: Hessens Spitzenkandidaten bewiesen in der letzten TV-Elefantenrunde vor der Wahl ihre Unbeweglichkeit. Weil Koch ein direktes Duell mit Herausforderer Schäfer-Gümbel abgelehnt hatte, gab es mildes Chaos statt scharfer Debatten.

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Wiesbaden – Im Schlussdrittel der Sendung unternimmt Alois Theisen einen letzten Versuch. Der Chefredakteur des Hessischen Rundfunks versucht Roland Koch zu einem direkten Duell mit SPD-Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel zu bewegen. "Sie streiten doch eh die ganze Zeit", begründet Theisen seinen Vorstoß.

Während Schäfer-Gümbel begeistert zustimmt, winkt der CDU-Mann ab. Keinesfalls will er seinem Kontrahenten noch zusätzlichen Raum zur Profilierung bieten.

Roland Koch (rechts), Thorsten Schäfer-Gümbel: "Sie müssen schon zuhören"
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Roland Koch (rechts), Thorsten Schäfer-Gümbel: "Sie müssen schon zuhören"

Bei der letzten Spitzenrunde vor der Landtagswahl sind genau aus diesem Grund auch die Kandidaten von Grünen, FDP und Linkspartei vertreten. Gemeinsam mit Theisen und seiner Ko-Moderatorin Ute Wellstein kämpfen also sieben Personen um Gehör. Das endet wenig überraschend im Chaos. Schlimmer als zwei Politiker, die sich nicht ausreden lassen, sind fünf dieser Sorte. Ständig unterhalten sich die Kandidaten, plappern dazwischen und retten sich in Schablonen aus ihren Wahlkampfreden.

Klar ist: Alle Spitzenkandidaten zeigen sich bemüht, die Fehler des vergangenen Jahres nicht zu wiederholen - vor allem in der Koalitionsfrage. "Wir müssen raus aus der Bunkermentalität", sagt Schäfer-Gümbel. Der Grüne Tarek Al-Wazir warnt: "Wenn alle alles ausschließen, ist irgendwann nichts mehr möglich." Und selbst Koch zeigt sich lernfähig: "Eine der Erfahrungen war, dass neue Kontakte zwischen den Parteien entstanden sind."

Wirklich weit ist dieser neue Geist dann jedoch nicht gediehen. SPD und Grüne schließen ein Bündnis mit Koch aus - der sich wiederum bemüht, zwei Lager zu bilden: Auf der einen Seite sein Bündnis mit der FDP und auf der anderen Rot-Rot-Grün.

Schäfer-Gümbel versucht den Angriff

Die Liberalen wiederum schließen nichts mehr aus – auch wenn Jörg-Uwe Hahn keinen Zweifel an seinem Wunsch lässt, mit Koch zu regieren. Die FDP steht in Umfragen bei 15 Prozent, sie könnte vom verpassten Machtwechsel der SPD am stärksten profitieren. Hahn ist ein besonders konservativer Vertreter in seiner Partei, die Öffnung zur Ampel hat er nur widerstrebend vollzogen. Allein kulturell trennen ihn Welten von Schäfer-Gümbel und Al-Wazir.

Auffällig ist: So sehr die Moderatoren sich bemühen – in der Elefantenrunde kommt keine Spannung auf. Koch lässt alle Vorwürfe an sich abprallen, die Themen Wirtschaftskrise, Bildungspolitik und Koalitionsfrage wurden schon rauf und runter diskutiert, alle Positionen ausgetauscht. Interessant ist lediglich die Entwicklung von Schäfer-Gümbel. Der SPD-Kandidat hat eine beachtliche Entwicklung gemacht in den vergangenen Wochen . Er attackiert Koch schon mal frontal, unterbricht ihn und beweist sein Zahlen- und Faktengedächtnis. "Sie müssen schon zuhören", belehrt er den Ministerpräsidenten und wirft ihm vor, nie mit seiner "Bilanz Wahlkampf gemacht" zu haben.

Koch dagegen hält sich wie im gesamten Wahlkampf auffällig zurück. Einmal sagt er, ein "unbequemer und streitbarer Politiker bleiben" zu wollen. An diesem Abend ist davon jedoch kaum etwas zu sehen. Nur als er von Schäfer-Gümbel ein Bekenntnis zu Ypsilantis Koalitionsvertrag verlangt, wird er munter. Doch insgesamt scheint ihn die Runde etwas zu langweilen, er ist härtere Auseinandersetzungen gewöhnt.

Koch sieht sich fast am Ziel

Auch Al-Wazir ist nicht so gut aufgelegt wie sonst. Er verzieht immer wieder das Gesicht und tritt an einigen Stellen reichlich oberlehrerhaft auf. Ob der Grüne sich noch einmal fünf Jahre Opposition antun wird, ist fraglich. Bereits seit 1995 sitzt er im Landtag, schon länger gilt er als härtester Widersacher von Koch. Über kurz oder lang wird ihn der Weg wohl auf die Bundesebene führen, bestätigen Spitzenpolitiker der Öko-Partei.

Warum er ein Bündnis mit Koch ausgeschlossen habe, wird Al-Wazir am Schluss der Sendung gefragt. Er wolle einen "Neuanfang für Hessen", antwortet der Grüne, nach "zehn Jahren Erfahrung mit dem Ministerpräsidenten" sei das mit diesem nicht möglich. "Da lasse ich mich auch von zehn Tagen weichgespültem Wahlkampf nicht überzeugen."

Koch selbst sieht sich dagegen schon fast am Ziel. Die Umfragen versprechen ihm eine satte Mehrheit, die Ausgangslage seiner Partei ist günstig. Die breite Brust führte am Donnerstagabend gar zu einem Freudschen Versprecher beim CDU-Mann. Bei einer Großveranstaltung in der Höchster Jahrhunderthalle ruft er seinen Gästen zu: "Wir hier haben uns alle schon entschieden, was wir am Sonntag werden wollen."

"Wählen" hatte er eigentlich sagen wollen. Doch falsch war die Aussage nun ja auch nicht.

Mit Material von dpa

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