TV-Dokumentation über Helmut Kohl "Strauß hielt mich für ein Weichei"

Helmut Kohl hat der ARD Einblick in sein Leben gewährt, ausführlich spricht der Altkanzler in einem für das neue Jahr geplanten Zweiteiler über seine politische Karriere. Zur Spendenaffäre fällt ihm nicht viel ein. Auskunftsfreudiger ist er, wenn es um Weggefährten geht wie Norbert Blüm: "Der Mann ist mir völlig egal".


Kohl und Strauß 1975: Die Hand, die segnet
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Kohl und Strauß 1975: Die Hand, die segnet

Berlin - Im fünften Jahr nach dem Verlust der Regierungsmacht als Bundeskanzler darf der inzwischen 73-Jährige Helmut Kohl in einer zweiteiligen TV-Dokumentation ausführlich über seinen politischen Werdegang sprechen. Das Ergebnis ist ein 90 Minuten langes Fernsehporträt, in dem auch viele derjenigen, über die Kohl spricht, selbst zu Wort kommen. "Helmut Kohl. Ein deutscher Kanzler" heißt der Film, den die ARD in zwei Teilen am 5. und 12. Januar 2004 jeweils um 21.45 Uhr sendet. Die Autoren Stephan Lamby und Michael Rutz hatten schon vor drei Jahren gemeinsam eine TV-Dokumentation über den Nachfolger Kohls als CDU-Chef gedreht: "Schäubles Fall. Innenansicht einer Affäre".

Vier Tage lang hatte sich Kohl in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim vor der Kamera befragen lassen - je zwei Tage im Mai und im September 2003. Doch nicht zu jedem Thema zeigte er sich auskunftsfreudig: Wenn es um die CDU-Spendenaffäre geht, seinen Beratervertrag mit dem umstrittenen Medienunternehmer Leo Kirch oder um frühere Freunde, die ihm nach Jahrzehnten die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Über Norbert Blüm, dienstältester Minister der Kabinette Kohl und lange die Symbolfigur Kohlscher Sozialpolitik sagt er nur noch: "Der Mann ist mir völlig egal."

"Innenpolitisch holprig"

In dem Zweiteiler kommen auch viele Weggefährten und Konkurrenten zu Wort. Richard von Weizsäcker, der ohne Kohls Unterstützung wahrscheinlich nicht Bundespräsident geworden wäre, beurteilt Kohl so: "Außenpolitisch war es grandios, innenpolitisch - holprig."

Ausführlich äußert sich Kohl über seine politischen Tricks, mit denen er das berühmt-berüchtigte "System Kohl" erschuf und seine Macht sicherte. Nach der Bundestagswahl 1976 wollte beispielsweise CSU-Chef Franz Josef Strauß den unterlegenen Kanzlerkandidaten Kohl nicht als neuen Fraktionschef der Union im Bundestag akzeptieren und kündigte der Schwesterpartei die Fraktionsgemeinschaft auf. "Ich war ein Weichei für ihn", sagt Kohl. Er hatte jedoch die Gründung eines bayerischen CDU-Landesverbandes finanziell vorbereitet und sich der Unterstützung eben jenes Münchner Medien-Großunternehmers Leo Kirch versichert. Vor dieser Drohkulisse machte Strauß einen Rückzieher.

Dass er mit einigen seiner einstmals engsten politischen Freunde nicht mehr spricht, ist für den PDS-Politiker Gregor Gysi ein Indiz dafür, dass es "immer nur Abhängigkeitsbeziehungen waren". Kohl selbst hält die alten Freunde jedoch einfach für undankbar. Er fühlt sich durch die Distanzierung von Leuten wie Blüm und seinem früheren Generalsekretär Geißler an eine Weisheit aus seiner Kindheit erinnert: "Die Hand, die da segnet, wird zuerst gebissen."



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