TV-Dokumentation Wie Barino aus der Islamistenszene ausstieg

Aus Köln berichtet Yassin Musharbash

2. Teil: Wie aus dem Islamisten Barino ein koptischer Christ wurde


"So steht es in den Quellen": Das war Barinos Art zu glauben - und es ist zugleich der Schlüssel, um seine Radikalisierung nachzuvollziehen. Barino studierte den Koran und die Aussprüche des Propheten, und da er Muslim war, musste er sie ja für wahr halten und wörtlich nehmen. Kein Komma dürfe er anzweifeln, trichterte man ihm ein. Dass er an der Moschee mit nichts anderem an islamischen Schriftgut vertraut gemacht wurde, kam hinzu.

Filmemacher Cascais: "Ein kritischer Konvertit"
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Doch ab und an beschlichen ihn dennoch Zweifel. Aber als er Fragen zu stellen begann, über Gewalt als Mittel zum Zweck, über die Behandlung von Sklaven, "da kamen keine Antworten". Bestimmte Gedanken, sagte man ihm, führten zur Sünde. Oder auch: "Es geht nicht darum, was du findest!"

Barino ist jetzt koptischer Christ

Es gab kein einzelnes Ereignis, das Barino dem Islam entfremdete. Aber im Nachhinein sagt er: "Weiterdenken war verboten, die Wahrheit vorgegeben." Das sei ihm schließlich wie "eine geistige Gefangenschaft " vorgekommen.

Barinos Umfeld nahm den Wandel wahr. Man bot ihm persönliche Gespräche an. Es nutzte nichts. Nach fünf Jahren sagte Barino sich los.

Die Suche nach Spiritualität freilich ging weiter. Der Pater der koptischen Gemeinde in Düsseldorf meldete sich nach dem ersten Film bei ihm. Schon kurz vor seinem Ausstieg hatte Barino Jesus auf seine Art wieder entdeckt: Als er in der Moschee einen Vortrag über Jesus aus muslimischer Sicht hielt. Im Frühjahr 2008 ließ er sich taufen.

Dass Barinos Ausstieg heute Abend im Fernsehen dokumentiert wird, weiß an der Moschee noch niemand. Es wird ihm nicht positiv ausgelegt werden, dass er ihn öffentlich macht. "Am Ende", prophezeit Barino, "werde ich Jude sein und vom Mossad bezahlt." Andere, vermutet er, werden sagen: "Das Urteil, die Todesstrafe, ist klar. Aber wir leben in Umständen, in denen das niemand umsetzen kann."

Zugleich wird Barino nicht müde zu betonen, wie gerne er mit seinen Ex-Brüdern befreundet wäre. "Ich mag diese Menschen sehr, sie sind wenigstens ehrlich."

Barino hat sich entschlossen, den Film nicht zu stoppen und keine Aussage zurückzuziehen. Er wird weder umziehen noch verreisen. Er hat die Polizei nicht um Personenschutz gebeten. Er glaubt nicht, dass jemand, den er kennt, ihm etwas antun wird.

"Wir sehen die Gefahr nicht als unmittelbar oder groß an", ergänzt Filmemacher Cascais. "Sonst würden wir den Film nicht ausstrahlen."

Die Sicherheitsbehörden kennen Barinos Fall ebenfalls. Noch haben auch sie nicht von konkreten Drohungen erfahren.

Muss man in Deutschland im Jahr 2008 Angst haben, seine Religion zu ändern und darüber zu sprechen? "Barinos Ausstieg" ist nicht nur ein eindrückliches Porträt. Es ist auch ein Film, der einer wichtigen Frage nicht aus dem Weg geht.


"Koran im Kopf II - Barinos Ausstieg", Mittwoch, 27. August 2008, 22.30 Uhr, WDR Fernsehen



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