TV-Duell in Hessen Koch attackiert, Ypsilanti charmiert

Unterschiedlicher können zwei Politiker nicht sein: Beim ersten TV-Duell vor der Hessen-Wahl gibt CDU-Ministerpräsident Koch den Raubauz, wirft mit Zahlen um sich, will SPD-Spitzenkandidatin Ypsilanti in die Enge drängen. Die lächelt, babbelt Dialekt - und verhaspelt sich fröhlich.

Frankfurt am Main - Die Strategie der CDU-Oberen war klar: Im direkten Vergleich zwischen Ministerpräsident Roland Koch und SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti sollte Kompetenz über Charme siegen. Die Rechnung ist nicht ganz aufgegangen. Im ersten TV-Duell vor der hessischen Landtagswahl ging keiner der Kontrahenten als klarer Sieger vom Platz.

Obwohl Koch der Amtsinhaber ist, trat er bei den meisten Themen als Angreifer auf. Immer wieder warf er Ypsilanti vor, in ihren Aussagen wolkig zu sein und damit die Wähler in die Irre zu führen. Wie so oft spielte Koch nicht den Landesvater, sondern den Raubauz. Mehrfach fiel er seiner Gegnerin ins Wort, ließ sich auch von den beiden Moderatoren Claudia Schick und Alois Theisen nicht stoppen.

Mit Zahlenmaterial war der 49-Jährige perfekt präpariert. Die SPD-Pläne für einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien in Hessen? Kosten einen normalen Haushalt 1700 Euro im Jahr. Die Ankündigung der SPD, die 42-Stunden-Woche für Beamte zurückzunehmen? Schlägt im Landeshaushalt mit 175 Millionen Euro pro Jahr zu Buche.

Dem Feuerwerk von Zahlen und Fakten hatte Ypsilanti oft nur ihr Lächeln entgegenzusetzen. Die Oppositionspolitikerin hielt sich zurück, trat ruhig und zurückhaltend auf, fast so als sei sie bereits die Regierungschefin und wolle es nicht erst werden. "Ich stehe für eine andere politische Kultur", sagte die 50-Jährige nach dem Ende des Duells: "Ich glaube, dass dem Land eine solche andere Kultur auch gut tun würde."

Am Ende steht ein Unentschieden

"Koch ist sicher der bessere Redner", sagte Diether Roth, der ehemalige Chef der Forschungsgruppe Wahlen, der die Aufzeichnung des TV-Duells mitverfolgte, "aber er ist auch undisziplinierter und aggressiver." Dies komme bei einem breiteren Publikum nicht gut an. Ypsilanti dagegen habe in dem TV-Duell menschlicher gewirkt. Auch die erkennbare Dialektfärbung in ihrer Sprache mache sie den Hessen sympathisch. Da kann man es Ypsilanti nachsehen, dass sie bei ihren Antworten manchmal ins Stottern geriet und sich einige Male verhaspelte.

Wahlforscher Roth hält es sogar für einen Vorteil, dass die SPD-Politikerin in dem Fernsehduell so gar nicht wie eine Oppositionsführerin auftrat und Koch wenig aggressiv anging. Ypsilanti habe die Erwartungen vieler Beobachter widerlegt, dass sie als Unterlegene aus dem Kräftemessen hervorgehen werde. Das TV-Duell habe unentschieden geendet: "Sie kommt sogar mit einem leichten Plus raus."

Immerhin: In einem Punkt waren sich Koch und Ypsilanti hinterher einig. Beide bewerteten die eineinhalbstündige Auseinandersetzung im Hessischen Rundfunk als "sachlich". Bei den Inhalten lagen allerdings Welten zwischen dem konservativen Regierungschef und der SPD-Parteilinken - namentlich beim Thema Jugendgewalt.

Koch sagte, er werde seine Forderungen nach einem schärferen Jugendstrafrecht nicht zurücknehmen. Politiker müssten auch den Mut haben, "schwierige Themen in der Öffentlichkeit anzusprechen." Ypsilanti kritisierte, dass Koch in der Debatte stets die Kriminalität von ausländischen Jugendlichen hervorgehoben habe. "Der Ton macht die Musik", sagte sie. Koch nehme billigend die Spaltung der Gesellschaft in Kauf.

Weiteres Streitthema: die Schulpolitik. Hier strebt die SPD weitreichende Reformen an, Kinder sollten länger gemeinsam lernen. Es dürfe keine Auslese nach der vierten Klasse geben, forderte Ypsilanti. Koch warf ihr vor, mit dieser Politik werde jedes Gymnasium faktisch zur Gesamtschule. Die CDU hält am gegliederten Schulsystem fest.

Störfeuer durch Clement

Mit Spannung wurde auch die Auseinandersetzung über die Energiepolitik erwartet. Erst gestern hatte Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) offen davor gewarnt, seine Parteikollegin Ypsilanti zu wählen - ihre ablehnende Haltung zur Kernkraft gefährde die "industrielle Substanz" des Landes.

Ypsilanti reagierte auf die Vorwürfe gelassen. "Ich trage das mit Fassung", sagte sie. Die SPD habe sich mit der Atomlobby eben einen starken Gegner ausgesucht, und Clement spreche für die Atomlobby. "Man sollte es Herrn Clement überlassen zu entscheiden, ob er noch in der richtigen Partei ist", fügte sie nach der Sendung hinzu. Koch griff den Ball nicht auf. Er warf Ypsilanti nur vor, mit ihren Plänen werde sich die Stromrechnung verdoppeln.

Das Fernsehduell war für beide Seiten enorm wichtig: SPD und CDU liegen eine Woche vor der Wahl in Umfragen fast gleichauf. Im ZDF-Politbarometer kam die CDU zuletzt nur noch auf 38 Prozent, die SPD auf 37 Prozent. Grüne und FDP kamen auf jeweils acht Prozent, die Linke wäre mit fünf Prozent im Landtag vertreten. Damit gäbe es weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün eine Mehrheit - zumal Ypsilanti eine Koalition mit der Linken heute erneut ausschloss.

So gewaltig die Unterschiede auch sind - in einer Woche könnten CDU und SPD gezwungen sein, über eine Große Koalition nachzudenken.

wal/AFP/AP/dpa/ddp

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