TV-Duell in NRW Qualen mit Zahlen

Nordrhein-Westfalen sucht den Supersparer: Im Fernsehduell zwischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Herausforderer Röttgen verheddern sich beide in einer Fachsimpelei über Finanzfragen. Für den CDU-Politiker könnte sich das rächen.

Kraft und Röttgen in TV-Debatte: Duell der Schlaumeier
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Kraft und Röttgen in TV-Debatte: Duell der Schlaumeier

Von , Köln


Es ist in Deutschland bislang selten so gewesen, dass Politiker im Wahlkampf an die Vernunft der Menschen appelliert haben. Insofern muss man Norbert Röttgen vielleicht sogar dankbar dafür sein, dass er diesen Versuch jetzt unternimmt. Er will, sollte er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden, massiver sparen als die rot-grüne Minderheitsregierung von Hannelore Kraft. Sagt er zumindest. Immer wieder.

Doch auf die Nachfrage des WDR-Chefredakteurs Jörg Schönenborn, wo er denn etliche Milliarden im Haushalt streichen wolle, antwortet Norbert Röttgen im TV-Duell der Spitzenkandidaten: Erstens werde er keine Förderprogramme mehr auflegen, die nicht vollständig finanziert seien. Und zweitens: Das Steuerabkommen mit der Schweiz unterzeichnen. Drittens kommt dann nicht mehr, dafür aber die Versicherung, dass das Sparen "nicht wehtun" werde.

Eine Stunde lang streiten sich die SPD-Regierungschefin und ihr CDU-Herausforderer am Montagabend in Köln vor den und für die Kameras des Westdeutschen Rundfunks. Über weite Strecken quälen sie sich - und wohl auch die Zuschauer - dabei mit Zahlen, Prozenten, Statistiken. Es geht um die Pro-Kopf-Verschuldung, um Kita-Plätze, um "sächliche Verwaltungsausgaben" und um "Konnexität". Es ist ein Duell der Schlaumeier, denen es schwerfallen dürfte, auf diese Weise die Herzen der Menschen zu gewinnen.

Eloquenter und intelligenter Mann

Für Norbert Röttgen könnte sich das als größeres Manko erweisen. Der Christdemokrat ist ein eloquenter und intelligenter Mann, doch er präsentiert sich, als werde am 13. Mai derjenige gewählt, der die richtigste Antwort weiß. Immer wieder fällt er Kraft ins Wort. "Dooooch", sagt er manchmal, während sie spricht. Oder: "Nein, nein, nein, nein." Das wirkt unhöflich und ist noch nicht einmal bissig.

Vor allem aber entwirft Röttgen keine Vision eines Landes, in dem er leben und das er gestalten möchte, sondern fährt seinen Anti-Kraft-Kurs aus den Wahlkampfreden weiter. So arbeitet er sich fast ausschließlich an Positionen der Ministerpräsidentin ab - wobei er nicht selten Standpunkte behauptet, die Kraft bereits mehrfach dementiert oder präzisiert hat. Häufig mutet es deswegen an, als drehe Röttgen seiner politischen Gegnerin das Wort im Munde um.

"Das Wort Kita-Pflicht haben Sie von mir nie gehört", sagt Kraft an einer Stelle.

"Nein, das nicht", entgegnet Röttgen, "aber Sie haben es umschrieben."

Die Ministerpräsidentin nimmt derweil das Klein-Klein der Besserwisserei an. Sie stellt stetig richtig, erklärt und rechtfertigt sich. Sie verteidigt lieber ein Remis, so scheint es, als den Befreiungsschlag zu wagen und Röttgen hart zu attackieren. Kraft weiß, dass sie die Titelverteidigerin ist, und wenn sie nicht zu Boden geht, kann sie nicht verlieren. Nur beim Betreuungsgeld wird Kraft deutlich: Familienpolitisch sei das der "reine Wahnsinn", sagt sie.

"NRW im Herzen"

Kraft setzt im Wahlkampf auf das Image der Landesmutter, "NRW im Herzen" lautet der Slogan der SPD. Doch in der Kölner Vulkanhalle, in der das TV-Duell stattfindet, wirkt die Regierungschefin vor allem zu Beginn ziemlich kühl. Sie spricht zwar häufiger als Röttgen von den Menschen, die bei ihr im Mittelpunkt stünden, aber sie spult dennoch routiniert Statements ab und wirft Zahlen zurück.

Es ist eher die Mimik, die sie von ihrem Kontrahenten unterscheidet. Kraft lächelt häufiger, schüttelt schon einmal den Kopf, runzelt die Stirn, erlaubt sich deutliche Sätze wie "Sie haben das verbaselt". Diese seltenen Momente der Bodenständigkeit wirken erleichternd.

Und die Sozialdemokratin sagt, sie wolle auch im Falle einer Wahlniederlage in Düsseldorf bleiben: "Mein Platz ist hier in Nordrhein-Westfalen. Ich werde hier weiter Politik machen. An welcher Stelle, wird dann meine Partei und meine Fraktion entscheiden." Röttgen hingegen lässt es weiterhin offen, ob er auch als Oppositionsführer an den Rhein ginge. Wenn die Bürger der CDU nicht die Regierungsverantwortung übertrügen, "dann werden wir uns zusammensetzen in der CDU und werden gemeinsam entscheiden", so der Bundesumweltminister. Er sei in dieser Frage "innerlich völlig frei", behauptet er.

Gut zusammengearbeitet

Am Ende fragen die Moderatoren, was die beiden Kontrahenten am anderen schätzten. Die Ministerpräsidentin antwortet, bei den Verhandlungen zum Schulkonsens habe man gut zusammengearbeitet und sich "auch schätzen gelernt". Röttgen ist es da einen Tick weniger freundlich. Er verweist darauf, dass die SPD in dieser Frage so weise gewesen sei, Vorschläge der CDU aufzunehmen. Da geht ein Raunen durch die Pressetruppe.

Als es an das Schlusswort geht, schwitzt Norbert Röttgen sichtlich. Hannelore Kraft indes kann hier punkten. Im Gegensatz zur Debatte kommt sie nun herzlich und gewinnend daher. Die Landesmutter wirft sich wieder in Pose. Am Ende ergreift sie die Initiative und streckt ihrem Kontrahenten die Hand entgegen. Dann geht sie schnellen Schrittes zu ihrem Team, durch die geöffnete Türe dringt Applaus. Eine Technikerin rennt der Ministerpräsidentin hinterher: Sie hat in aller Eile vergessen, das Mikrofon vom Revers zu nehmen.

Das größte Rätsel, das die Journalisten am Abend noch zu ergründen versuchen, ist die Farbe des Kraftschen Kleides. "Cyclam", sagt der Regierungssprecher. "Es ist Fuchsia", erklärt die Ministerpräsidentin. Und ein in Modefragen wenig bewanderter Journalist verfügt: "Für mich bleibt es Rot."



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Seite 1
Rinax 30.04.2012
1.
Röttgen war hier eindeutig der Sieger, außer "Uns geht es um die Menschen" kam von Kraft nicht viel
bert.hagels 30.04.2012
2. Ergebnis
Zitat von sysopDPANordrhein-Westfalen sucht den Supersparer: Im Fernsehduell zwischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Norbert Röttgen verheddern sich die Politiker in einer Fachsimpelei über Finanzfragen. Für den Herausforderer könnte sich das als problematisch erweisen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,830721,00.html
Frau Kraft hat hier Recht und wird auch in zwei Wochen wohl Recht behalten: Herr Röttgen hat "das verbaselt".
diezeitistreif 30.04.2012
3.
Für mich kommen beide wohl nicht infrage, aber die Körpersprache ist interessant. Herr Rötgen schaut Frau Kraft kaum an, Frau Kraft such sehr wohl den Augenkontakt.
diezeitistreif 01.05.2012
4.
ein Gemeinwesen kann und darf nicht betriebswirtschaftlich geführt werden. Schulden dienen einem Zweck, kapiert das hier mal jemand?
DocMoriarty 01.05.2012
5.
Zitat von sysopDPANordrhein-Westfalen sucht den Supersparer: Im Fernsehduell zwischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Norbert Röttgen verheddern sich die Politiker in einer Fachsimpelei über Finanzfragen. Für den Herausforderer könnte sich das als problematisch erweisen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,830721,00.html
Ich wünschte die Piraten würden das Rennen machen. Alleine durch die Korrektur der fragwürdigen Machenschaften der bisherigen Regierungen der Blockparteien lassen sich sicher genug Einsparungen im Haushalt erzielen. Und illegale oder zumindest fragwürdige Machenschaften der bisherigen Regierungen durch die Einheitspartei können sie gut aufspüren, das haben sie in Berlin bereits bewiesen. Die Piraten brauchen kein Programm weil alleine das Aufarbeiten der Verfehlungen der Regierungen der letzten 40 Jahre sie zwei bis drei Legislaturperioden beschäftigen wird. Und ich hoffe mit strafrechtlichen Konsequenzen für die Beteiligten ...
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