Erstes TV-Triell der Kanzlerkandidaten Chance, Bewährungsprobe, Risiko

Armin Laschet steht mit dem Rücken zur Wand, Annalena Baerbock muss sich beweisen – und Olaf Scholz darf sich nicht mehr verstecken. Das ist die Ausgangslage für das erste große TV-Triell der Kanzlerkandidaten.
Kanzlerkandidaten Laschet, Baerbock, Scholz

Kanzlerkandidaten Laschet, Baerbock, Scholz

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Kappeler / Kumm / Nietfeld / dpa

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Armin Laschet hat sich das ganz anders vorgestellt. Als klarer Frontrunner wollte er in das erste große TV-Triell mit Annalena Baerbock und Olaf Scholz gehen. Dann Ruhe bewahren, nichts anbrennen lassen – den Sieg sicher nach Hause bringen.

Aber einen Monat vor der Bundestagswahl ist die Lage eine ganz andere: Armin Laschet muss kämpfen, um mit der Union am Ende nicht in der Opposition zu landen.

CDU und CSU liegen in einigen Umfragen nur noch auf Platz zwei und Laschets persönliche Werte stürzen immer weiter ab. Ausgerechnet die SPD, die wie eingemauert schien im demoskopischen 15-Prozent-Keller, ist vorbeigezogen, wohl vor allem wegen ihres immer populäreren Kandidaten Scholz. Die von der Union einst als Hauptkonkurrent ausgemachten Grünen kommen bei den Meinungsforschern unterdessen nur noch auf Platz drei, Baerbocks Werte sind derzeit noch schlechter als die von Laschet.

Bei manchem in der Union macht sich Panik breit, andere glauben tatsächlich, das Umfragetief biete eine Chance zur Mobilisierung . Die SPD wiederum ist in diesen Tagen nicht wiederzuerkennen: Nach dem Absturz der vergangenen Jahre feiern die Genossen derzeit jede Umfrage wie einen Wahlsieg. Lange Zeit waren zwar die persönlichen Werte von Scholz gut, doch die SPD profitierte nicht davon. Das hat sich geändert, seit Anfang August geht es aufwärts für die Partei.

Das hat nicht nur die öffentliche Debatte verändert, es sorgt auch für Aufbruchstimmung an der Basis. Freiwillige für Infostände oder Plakatierungen zu finden, sei kein Problem mehr, erzählen Abgeordnete. Dass die Partei auf einmal eine Chance auf das Kanzleramt zu haben scheint, hat die dauerkriselnde SPD wiederbelebt.

Bei aller Euphorie wissen die Sozialdemokraten aber auch, dass Scholz vor allem von Baerbocks und Laschet Fehlern profitiert. »Ich wünsche mir, dass der Wahlkampf der Nebensächlichkeiten aufhört und wir endlich über die großen Fragen streiten«, sagt Generalsekretär Lars Klingbeil. Doch dass dies bisher noch nicht geschieht, liegt eben auch an Scholz.

Die Grünen hatten eine ganze Weile erfolgreich die Aufmerksamkeit auf sich und die Union gelenkt. Von einer »Duell-Situation« war auch bei ihnen die Rede, Laschet versus Baerbock. Nun aber rutscht die eigene Kandidatin immer weiter nach unten. Jetzt sei es ein Triell, geben auch Grüne zu. Langsam allerdings drängt sich die Frage auf, ob es nicht auf ein neues Duell zuläuft, auf Laschet – Scholz – mit den Grünen als Zuschauer.

Baerbock muss nun gegen den Trend anarbeiten. Sie muss Menschen überzeugen, die sie bisher im Wahlkampf nicht überzeugen konnte oder sogar verloren hat. Die Partei setzt, schon länger als die Konkurrenz, auf direkte Begegnungen, Reden und Townhalls. Aber sie braucht das Fernsehen, die ganz große Bühne, um sich zu rehabilitieren.

Wie läuft das Triell ab?

Ab 20.10 Uhr moderieren am Sonntag Pinar Atalay und Peter Kloeppel aus einem Studio in Berlin-Adlerhof das »erste TV-Triell der TV-Geschichte«, wie RTL und n-tv die Sendung bezeichnen. In der Vergangenheit hatte es ausschließlich Duelle zwischen dem Amtsinhaber beziehungsweise seit 2009 zwischen Amtsinhaberin Merkel und den jeweiligen Herausforderern gegeben.

Studio für das Triell am Sonntag

Studio für das Triell am Sonntag

Foto: Rtl ; Jörg Carstensen / dpa

110 Minuten dauert die Triell-Show, und zwar ohne Werbeunterbrechnung – das dürfte für die Zuschauer der Privatkanäle ungewohnt sein. Darüber hinaus wird das Triell auf YouTube und den Onlineseiten der beiden Sender zu sehen sein. Zu hören ist es außerdem auf verschiedenen Privatradiostationen.

Baerbock, Laschet und Scholz werden in dem eigens gebauten Studio mit Atalay und Kloeppel eine Art Kreis bilden, Publikum im Raum gibt es nicht. Atalay und Kloeppel wollen darauf achten, dass die Redezeiten ungefähr gleich verteilt sind. Die Themen und Fragen hat man vorab nicht mit den Gästen besprochen, aber natürlich wird es neben den aktuellen Krisen Afghanistan und Corona um alle klassischen Politikbereiche gehen.

Worauf kommt es für die Kandidaten an?

Aus Sicht von Armin Laschet ist die Sache klar: Er muss das Triell nutzen, um Boden gutzumachen, demonstrieren, dass er weiterhin ins Kanzleramt gehört. Laschet sollte also angriffslustig sein, vor allem gegenüber SPD-Konkurrent Scholz. Übertreiben darf es der CDU-Politiker allerdings auch nicht: Zu viel Aggressivität steht einem Vertreter der bürgerlichen Unionsparteien nicht, der sich fürs Kanzleramt bewirbt. Es würde auch nicht zu Laschet als Typ passen.

Unionskanzlerkandidat Laschet

Unionskanzlerkandidat Laschet

Foto: via www.imago-images.de / imago images/Political-Moments

Umso wichtiger war für ihn die Vorbereitung auf das Triell. Angefangen mit der Begehung des Studios – wie die anderen beiden auch –, schließlich zählt im Fernsehen am Ende auch die Optik, also welche Krawatte und welcher Anzug passt am besten zu den Möbeln und dem Hintergrund im Studio. Ansonsten macht Laschets Team ein großes Geheimnis um das konkrete Training. Aber dass sich der Kandidat – wie Merkel vor den TV-Duellen der Vergangenheit – auch hat coachen lassen und das Triell vorher durchgespielt hat, davon ist auszugehen.

Und Laschet dürfte sich einige konkrete Botschaften zurechtgelegt haben. Angesichts der Inhaltsleere seines Wahlkampfs muss er versuchen, im Triell mit zugespitzten Aussagen zu punkten.

Olaf Scholz hat man den Terminkalender am Sonntag freigeräumt, damit er ausgeruht in das Triell geht. Anders als Martin Schulz vor vier Jahren hat Scholz keinen TV-Coach engagiert, er wird nicht mit Schauspielern trainieren, er wird auch keine Textbausteine auswendig lernen. Aber natürlich beobachten seine Leute jeden Auftritt der Konkurrenten Laschet und Baerbock genau und versorgen ihren Chef mit Notizen.

SPD-Kanzlerkandidat Scholz

SPD-Kanzlerkandidat Scholz

Foto: LEON KUEGELER / REUTERS

Die Vorbereitung auf das Triell ist schwieriger als für die traditionellen TV-Duelle vergangener Wahlkämpfe. Das Format ist neu, unberechenbarer, es ist schwer vorherzusehen, welche Konstellationen – Konfrontation oder Koalition – sich bei den einzelnen Themen ergeben. Scholz, der eher zurückhaltend agiert, muss also aufpassen, dass er ausreichend zu Wort kommt. Seine Rolle wird in seinem Umfeld so beschrieben: der Erwachsene im Raum.

Bei bisherigen Diskussionen der drei Kandidaten, etwa beim WDR-Europaforum oder der Münchner Sicherheitskonferenz, beharkten sich vor allem Laschet und Baerbock, während Scholz eher zurückgelehnt seine Positionen erläuterte. Das wirkte entspannt, kam aber auch unterkühlt rüber. Dass Scholz für irgendetwas brannte, war eher nicht zu merken. Diese Haltung wird er sich diesmal als plötzlich aussichtsreicher Kandidat nicht leisten können. Darin liegt auch ein Risiko für Scholz.

Wie genau sich Annalena Baerbock vorbereitet, daraus machen die Grünen ebenfalls ein Geheimnis. Auch über die Strategie für Sonntag ist wenig zu erfahren.

Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock

Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Allerdings ergibt sich allein aus der Lage und der grünen Wahlkampferzählung, was für Baerbock ansteht: Nicht viele Menschen scheinen ihr zuzutrauen, das Kanzleramt zu führen – also muss sie die Zuschauer vom Gegenteil überzeugen, versöhnlich und staatstragend bleiben. Aber das wird nicht reichen.

Baerbock liegt hinten, deshalb muss sie aktiv sein, angreifen, kritisieren, drängen. Die Grünen betonen, nur sie stünden für Veränderung, Scholz und Laschet für den Status quo. Am Anfang ihrer Kandidatur warb Baerbock mit dem kühnen Argument für sich, gerade weil sie keine Regierungserfahrung habe, stehe sie für den Aufbruch.

Die Grünen hatten sich eigentlich gewünscht, in der Oppositionsrolle in den Wahlkampf zu starten, als Underdogs, mit mehr Luft und Freiheit: Genauso geht Baerbock jetzt ins erste große TV-Triell.

Gibt es weitere Trielle?

Nach dem Triell bei RTL und n-tv wird es zwei weitere große TV-Veranstaltungen dieser Art geben: am 12. September bei den Öffentlich-Rechtlichen von ARD und ZDF sowie eine Woche später im Privatfernsehen bei Pro7, Sat1 und Kabel1. Auch die Häufung ist neu, bei den vergangenen Wahlen hatte Kanzlerin Merkel immer darauf bestanden, nur ein Duell mit ihrem Herausforderer im Fernsehen zu bestreiten, für das sich ARD und ZDF dann mit den Privaten zusammentaten.

Neben den Triellen wird es bis zur Bundestagswahl außerdem noch zahlreiche Soloformate von Baerbock, Laschet und Scholz – teilweise auch mit Bürgerinnen und Bürgern – sowie Runden mit Spitzenvertretern aller im Bundestag vertretenen Parteien geben.

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