TV-Wahlduell in Hamburg "Ein bisschen Demut stünde Ihnen gut"

Der eine ist beleidigt, der andere schon vom Sieg berauscht: Die Neuwahlen in Hamburg sind laut Umfragen entschiedene Sache. Zum TV-Duell müssen sich die Spitzenkandidaten Ahlhaus (CDU) und Scholz (SPD) trotzdem treffen - und geben dabei beide keine gute Figur ab.


Hamburg - Der Heimvorteil liegt bei Olaf Scholz, er ist in Hamburg aufgewachsen, Christoph Ahlhaus bloß in Heidelberg. Scholz' Wahlkampftermine kann man auf seiner Webseite nachlesen, sogar auf Facebook und Twitter. Ahlhaus hat keine Webseite. Der SPD-Mann verwendet Wörter wie "Off-Kultur", der CDU-Vertreter Bürokratenbegriffe wie "haushalterisch", mit Betonung auf der dritten Silbe.

Der eine wird Erster Bürgermeister von Hamburg, der andere ist es schon, kann es aber nicht bleiben. CDU-Spitzenkandidat Christoph Ahlhaus wird, bestätigen sich die Prognosen, am 20. Februar von seinem Herausforderer Olaf Scholz (SPD) abgelöst werden. Nach nur einem halben Jahr im Hamburger Rathaus. 41 zu 22 steht es im Moment, in Prozent, rot gegen schwarz. Es müsste schon ein Wunder geschehen, damit sich der Wind noch dreht.

Es sei nicht seine Schuld, dass die Menschen ihn nicht so richtig zuordnen können, man könnte auch sagen: nicht kennen, meint Ahlhaus, der den populären Ole von Beust (CDU) im Sommer vergangenen Jahres nach dessen Rücktritt wegen akuter Lustlosigkeit im Amt ablöste. Schuld sind bei Ahlhaus irgendwie immer die anderen, das macht er im ersten Fernsehduell der Konkurrenten klar.

Schuld daran, dass Hamburger ihn noch immer als "aalglatt" und "profillos" bezeichnen: die Grünen, die mit ihrem Ausstieg aus der bundesweit ersten schwarz-grünen Koalition für vorgezogene Neuwahlen sorgten. Da blieb kaum Zeit zum Beliebtwerden.

Schuld daran, dass er nach seinem Amtsantritt nicht die Politik machen konnte, die er wollte: "ideologische Blockaden", sprich: auch die Grünen.

Schuld daran, dass Hamburg als weniger sexy gilt als Berlin: die Kulturschaffenden, die mit ihrem Mosern über Budgetkürzungen das Image erst recht miesmachten.

Schuld daran, dass mehr Leute Scholz kennen als Ahlhaus: sein Gegner selbst. Weil: "Ich kann ja gar nicht so berühmt sein wie jemand, der schon einmal ein Amt auf Bundesebene innehatte." Scholz war Arbeitsminister in Merkels Großer Koalition, Ahlhaus Innensenator in Hamburg.

Charisma eines Kantholzes

1,3 Millionen Wahlberechtigte gibt es in der Hansestadt, nur ein Fünftel kann sich Ahlhaus weiter als Bürgermeister vorstellen. Der CDU-Mann erklärt im TV-Studio, wie er die Menschen von sich überzeugen will: indem er "mit ihnen redet". Das ist der Konkurrenz sicher auch schon eingefallen. "Mir macht das Spaß", sagt Ahlhaus nach der Talkshow, "so ein Duell". Und gibt seiner Gattin Simone demonstrativ einen Schmatzer auf die Wange.

Duell ist ein dramatisches Wort für die Talkrunde, die auf einem Lokalsender und einer Handvoll Radiostationen übertragen wird. "Ist das spannend!", wirbt "Bild" vor dem Streitgespräch, und damit, dass nicht nur vier Kameras sondern auch "Dutzende Lampen" im Studiofoyer von "Hamburg 1" für die richtige Duell-Atmosphäre sorgen werden.

Kampfstimmung kommt kaum auf. Ahlhaus und Scholz sind keine Duellanten, sondern Politiker. Im ersten Viertel des Streitgesprächs versprühen beide das Charisma eines Kantholzes. Scholz spricht so leise, dass man ihn kaum versteht. Ahlhaus lächelt verkrampft.

Doch mag die Debatte um Wohnungsbau, Schlaglöcher, Stadtbahn und Haushaltsloch auch von regionalem Interesse sein - der Ausgang der Wahl ist von bundespolitischer Bedeutung. Ein Debakel in Hamburg könnte CDU-Chefin Angela Merkel das ganze Wahljahr ruinieren. Fällt die CDU-Vormacht in Hamburg, wäre das ein fataler Auftakt für weitere sechs Landtagswahlen 2011. Ungewiss ist ein Erfolg der CDU in Baden-Württemberg im März, miserabel sind die Aussichten für Berlin im Herbst - und damit auch für die Mehrheitsverhältnisse der Union im Bundesrat.

Die SPD kann sich hingegen plötzlich Hoffnung machen, nach Nordrhein-Westfalen schon bald ein weiteres Land zurückzuerobern. Viel tun muss Scholz dafür allerdings nicht. Denn sein programmierter Erfolg ist nicht das Produkt wahrer Überzeugungsarbeit. Seine Chance liegt im Scheitern der anderen: Als Schwarz-Grün platzte, sprang er aus der Deckung.

Der ehrlichste Satz des Abends

Auch im TV-Duell glänzt der Sozialdemokrat vor allem dann, wenn sein Konkurrent versagt. Ahlhaus kommt ins Straucheln, als er nach den Schuldigen der explodierenden Kosten für das Prestige-Projekt Elbphilharmonie gefragt wird: "Darum geht es doch jetzt nicht", fährt er den Moderator an.

Zwar ist Scholz ebenfalls ratlos, er kann nicht beantworten, wie teuer das Design-Musikhaus noch werden soll, "wir werden die Sache gut kontrollieren", sagt er ausweichend. Doch das ist nicht schlimm, schließlich ist sein Gegner schon vor ihm gestrauchelt, und das lenkt ab.

Als Innensenator hatte Ahlhaus am Profil eines Hardliners gefeilt, des wertkonservativen Law-and-order-Politikers. Im Fall eines Wahlsiegs will er härtere Strafen für kriminelle Jugendliche einführen, Alkohol in U-Bahnhöfen verbieten. Im Wahlkampf präsentiert er stolz, was sein Vorgänger Beust nie hatte: eine First Lady. Typ Stephanie von und zu Guttenberg, 34, Managerin einer Maklerfirma, homestorytauglich. Beim TV-Duell sitzt Simone Ahlhaus in der ersten Reihe, der Blazer sitzt, das Lächeln auch.

Sein Gegner hält es mit solidem Krisen-Optimismus. Auffallend viel verspricht Scholz an diesem Abend, zum Beispiel Gratis-Kitaplätze. Sein Finanzierungskonzept dafür bleibt nebulös, er wolle sie "Stück für Stück aus dem laufenden Haushalt finanzieren". Das mit der Wahl sei aber geritzt - er könne sogar schon versprechen, für weitere vier Jahre zur Verfügung zu stehen. "Ein bisschen Demut stünde Ihnen gut, Sie sind noch nicht gewählt", schnappt Ahlhaus beleidigt. Moderne Großstadtkönige vom Kaliber der früheren Bürgermeister Dohnanyi, Voscherau und Beust - das sind Ahlhaus und Scholz beide nicht.

Der ehrlichste, erfrischendste Satz des Abends kommt von einem Hamburger Mittzwanziger, strohblond mit Wollmütze, vom Kamerateam auf dem Rathausmarkt befragt und per Einspieler ins Studio geholt: "Scholz und Ahlhaus, oh Mann, keine Ahnung. Wie konnte das eigentlich passieren - dass man gleich beide Kandidaten nicht kennt?"

insgesamt 41 Beiträge
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fallobst24 07.01.2011
1. lächerlich
...und zwar alles. Politiker, die NUR durch das Versagen anderer wieder eine Chance haben. Wähler, die nur zwischen Pest und Cholera wählen (wobei ich das eventuell noch am ehesten verstehen kann). Die Medien und Journalisten, die genau durch solches Vorher-schon-zum-Sieger-Erklären, obwohl die Wahl ja erst in über einem Monat stattfindet, nicht das beschreiben was passiert, sondern was passieren soll... und vielleicht auch das weglassen, was nicht passieren darf!!! Und Nulpen wie der junge Mann, der scheinbar total ahnungslos ist. Man muss ja wirklich im Zweifelsfall nicht viel mitkriegen von der Welt, aber das ist ja echt arm, und zwar menschlich arm, oder ist da eine ironische Nuance in seiner Aussage, die ich übersehen habe?
G. Whittome 07.01.2011
2. Hamburger Oberbürgermeister?
Zitat von sysopDer eine*ist beleidigt, der andere schon vom Sieg berauscht: Die Neuwahlen in Hamburg sind*laut Umfragen entschiedene Sache.*Zum TV-Duell müssen sich die Spitzenkandidaten Ahlhaus (CDU) und Scholz (SPD) trotzdem treffen - und geben dabei beide keine gute Figur ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,738222,00.html
Au weia! Wie konnte das passieren? Spiegel Online mit Sitz in Hamburg berichtet über den Hamburger Wahlkampf und untertitelt Ahlhaus als "Hamburger Oberbürgermeister"! (Video bei 0:27). Im Stadtstaat Hamburg gibt es keinen "Oberbürgermeister", er heißt als "primus inter pares" (also als "Erster" unter den Senatoren) "Erster Bürgermeister"!
janne2109 07.01.2011
3. Beust
war für die HH Bürger genau der richtige Mann,abgesehen von der Parteizugehörigkeit, genauso wird es den Berlinern gehen, sollte Wowereit verlieren, auch er paßt zu Berlin wie der Latschen zum Fuss, das werden die Berliner u. U. noch bemerken. In einer Stadtverwaltung muss auch der Kopf zu den Bürgern passen
Walther Kempinski, 07.01.2011
4. Wutbürger und S21-Gegner
Der Wutbürger und S21-Gegner hat ja unsere demokratische Struktur als Hauptverantwortliche für die "Misere" in Deutschland ausgemacht. Alle 4 Jahre ein Kreuzchen machen und die Klappe halten war ja das vorgeworfene Motto dieser Klientel. Dummerweise haben wir alleine im Jahr 2011 9 größere Wahltermine. Alle 4 Jahre seine Stimme abzugeben, um sie dann jahrelang nicht mehr wiederzubekommen, ist eine propagandistische Floskel zum Schüren von Unzufriedenheit, mehr aber auch nicht. Cui bono? --> Die Grünen http://www.wahlrecht.de/termine.htm
lloretta 07.01.2011
5. Meinung
Ich kenne weder den einen noch den anderen-aber klar ist, dass der Autor wohl klare Preferenzen hat. Warum müssen so offensichtlich parteiischen Artikel sein?
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