Überfall in Potsdam Im Zweifel für die Häftlinge

Verdächtig bleiben sie, trotzdem wurden die mutmaßlichen Schläger von Potsdam freigelassen. Für einen Angriff auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. fehlen Beweise, den Anklägern droht eine Schlappe. Im schlimmsten Fall wird nie geklärt, was am Ostersonntag passierte.

Berlin - Um 17.10 Uhr öffnete sich gestern Nachmittag an der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel das schwere, graue Metalltor mit einem sonoren Summen. Heraus trat ein Tatverdächtiger, der kaum mit seiner Freilassung gerechnet hatte. Thomas M. wurde von seinem Anwalt Oliver Milke und seiner Mutter in Empfang genommen. Nur eine halbe Stunde zuvor war sein Freund Björn L. aus einer anderen Anstalt in Wulkow bei Neuruppin entlassen worden.

Was am Dienstagmittag geschehen war, erwischte alle Beteiligten als Überraschung. Per Richterbeschluss vom Bundesgerichtshof wurden die beiden Tatverdächtigen im Fall des am Ostersonntag in Potsdam schwer verletzten Deutsch-Äthiopiers Ermyas M. auf freien Fuß gesetzt. Bei der Anklagebehörde in Karlsruhe wurde man kalt erwischt, selbst die Pressesprecherin wurde während einer Besprechung von der Nachricht eingeholt.

So überraschend die Entscheidung ist, so deutlich bewertet sie die Ermittlungen in dem Fall neu. Die Richter sehen anhand des vorgelegten Materials der Ankläger in der Gesamtschau nur noch einen "einfachen Tatverdacht" gegen die Männer, welche die Tat von Beginn an abgestritten hatten. Für eine weitere Inhaftierung bedarf es eines dringenden Tatverdachts. Den sehen die Richter nicht mehr - auch, weil mehrere Indizien sich nicht verifizieren ließen.

Bundesanwaltschaft droht Schlappe

Für die Ankläger droht in dem Fall, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, eine empfindliche Schlappe. Gerade weil der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen des möglichen rassistischen Motivs recht überraschend und gegen den Willen der Brandenburger Politik an sich gezogen hatte, stehen die Ermittler nun unter verschärfter Beobachtung. Bisher aber raten die beteiligten Strafverfolger zur Ruhe. Erst einmal den Beschluss genau prüfen und dann entscheiden, lautet ihre Maxime.

Gleichwohl erscheint der Fall nach dem Beschluss vom Dienstag unklarer denn je. Noch immer versuchen die Ermittler zu klären, was am Ostersonntag gegen vier Uhr Morgens an der Potsdamer Bushaltestelle Charlottenhof passiert ist. Eindeutig ist nur, dass der 37-jährige Ingenieur Ermyas M. wenig später mit schweren Kopfverletzungen gefunden wurde. Tagelang lag er im Koma, hat sich bis heute nicht erholt. Nun muss befürchtet werden, dass die Tat vielleicht nie geklärt werden kann.

Der wichtigste Zeuge fehlt

Die Schwere der Verletzungen des Opfers macht die Ermittlungen schwer. Sie sind sich zwar noch immer sicher, die richtigen Verdächtigen zu haben. Gleichwohl fehlen harte Beweise. Geradezu fieberhaft warteten sie deshalb tagelang, bis die Ärzte einer Vernehmung zustimmten. Das Ergebnis der vorsichtigen Befragung am Montag jedoch war dürftig. Ermyas M. kann sich an den Tatabend nicht erinnern. Ob er jemals Details des Ostersonntags schildern kann, ist unklar. Damit aber fehlt der Anklage der wichtigste Zeuge.

Alle anderen Indizien sind mittlerweile anzweifelbar und gelten vor Gericht als kaum noch haltbar. So glaubten die Ermittler zuerst, über eine von der Mailbox von M.s Freundin aufgezeichnete und auffällig hohe Stimme den Täter identifizieren zu haben. Tatsächlich führte der veröffentlichte Mitschnitt zu Björn L., doch im Nachhinein lässt sich wegen der schlechten Qualität der Aufnahme nicht sicher sagen, dass es auch wirklich seine Stimme ist.

DNA-Spur nicht eindeutig

Ähnlich sieht es bei einer sogenannte Mischspur mit DNA-Fragmenten, die an einer zerbrochenen Bierflasche am Tatort gefunden wurde. Zwar deutete am Anfang vieles daraufhin, dass es sich bei der DNA um die von Thomas M. handeln könnte, doch letztlich ließ sich dies nicht hundertprozentig nachweisen. Damit scheinen beide Spuren für die Ermittlungen nicht mehr so wertvoll wie bisher angenommen. Von Beginn an hatten Beobachter gerätselt als Ankläger Kay Nehm von einer ziemlich sicheren Spur sprach.

Entscheidend waren auch weitere Fragen zu Zeugen in dem Fall. So stellte sich ein Belastungszeuge als möglicher Schwindler heraus, da er Thomas M. möglicherweise aus Eifersucht belasten wollte. Der Zeuge hatte ausgesagt, dass sich der 29-Jährige nach der Tat komisch verhalten hatte, als das Thema auf den verletzten Deutsch-Äthiopier kam. Auch diese Tatsache wird in dem Beschluss vom Dienstag eindeutig erwähnt.

Wie der Fall weitergeht, war am Dienstag schwer abzuschätzen. Immer deutlicher wird allerdings, dass die Ermittler mehr und mehr von einer Schlägerei als von einem Überfall ausgehen. So soll es zuerst ein Wortgefecht gegeben haben, dann erst sei Ermyas M. geschlagen worden. Gleichwohl spielte die Hautfarbe dabei eine Rolle, so einer der Ermittler, erst so sei es zur Aggression gekommen. Auf dem Mailboxmitschnitt ist deutlich zu hören, wie eine der Täter "Scheiß Nigger" sagt.

Im Zweifelsfall droht den Fahndern ein Glücksspiel vor Gericht. Kommen nicht noch überraschend neue Details, Spuren oder Zeugen hinzu, wird schon die Erstellung der Anklageschrift schwierig. Für die beiden Männer, die heute nach einem Monat und zwei Tagen das erste Mal wieder in Freiheit schlafen, könnte der Mangel an Beweisen letztlich einen Freispruch bedeuten. Dass sie unschuldig sind, haben sie vor dem Ermittlungsrichter immer wieder beschworen.

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