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Wahlsensation: Piraten auf Kaperfahrt

Foto: Emily Wabitsch/ dpa

Überraschungserfolg in Berlin Angriff der Piraten

Einst waren die Grünen die Rebellen, jetzt gibt es eine neue Revoluzzer-Truppe: die Piratenpartei. Ihr Überraschungserfolg bei der Berliner Wahl schreckt das Politik-Establishment auf - auch sie selbst können es noch gar nicht glauben. Was wollen die Neuen?

Jubelgebrüll. Verschwitzte Männer liegen sich in den Armen und tanzen unter glitzernden Discokugeln im Kreis. Die Piratenpartei feiert den Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus mit selbstgeschmierten Brötchen und Flaschenbier im Ritter Butzke, einem angesagten Club in Berlin-Kreuzberg. Es riecht nach Gras.

Christopher Lauer lässt sich auf ein Sofa fallen und schickt eine Dankesmeldung über Twitter in die Welt. Nur kurz legt er das Smartphone auf die Seite. "Ich kann es nicht fassen. Es ist atemberaubend, eine surreale Stimmung, weil ein Vergleich fehlt", sagt Lauer, der auf Platz zehn der Liste ins Parlament einzieht.

"Geil", sagt Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piraten, der an diesem Abend auch vor der Leinwand steht. "Das ist das erste Mal seit den achtziger Jahren, dass eine neue politische Kraft die Bühne betritt."

Tatsächlich haben die Piraten eine Sensation geschafft. Zum ersten Mal seit Gründung der Partei in Deutschland im Jahr 2006 ziehen sie in ein Landesparlament ein - und das voraussichtlich mit etwa neun Prozent der Stimmen. Damit hätte die Partei selbst nicht gerechnet. Sonst hätte sie für die Wahl nicht nur 15 Kandidaten auf ihrer Liste nominiert. Nachnominieren geht nicht. Wird das Ergebnis am Ende noch besser, bleiben in der Piraten-Fraktion im Abgeordnetenhaus Sitze leer. Ein Anfängerfehler, ein Piratenfehler.

Während die einen im Club feiern, absolvieren andere erste TV-Auftritte. Fremdes Terrain. "Wir werden als Erstes auf die Laternen klettern und unsere Plakate wieder runterholen." Andreas Baum, Spitzenkandidat der Piraten, ist ganz ruhig, als er im Abgeordnetenhaus darauf zu sprechen kommt, was die Piraten jetzt tun werden. "Natürlich sind wir Amateure", räumt er ein, "es wäre sinnlos, das zu leugnen." Seine Pressesprecherin weiß ihre Handynummer nicht und hat noch keine Visitenkarten, aber das spielt heute Abend keine Rolle: "Wir sind visionär, aber vernünftig", sagt der Oberpirat.

Als er gegen 21.30 Uhr endlich am Ritter Butzke eintrifft, wo seine Piraten noch immer den historischen Wahlsieg feiern, halten ihn erst mal die Türsteher auf. Er solle doch bitte mal seinen Rucksack öffnen, Flaschen seien bei der Party verboten. So erzählt es Baum unter großem Gelächter seiner Anhänger auf einer kleinen Bühne, nachdem er sich endlich dorthin vorgekämpft hat.

Etwa ein Dutzend Fotografen haben sich um Baum versammelt, er blinzelt im Blitzlichtgewitter. Baum mag den Trubel nicht, so viel ist schon den ganzen Abend klar geworden. "Es freut mich, endlich wieder in bekannte Gesichter zu sehen", sagt Baum. "Ich komme mir wahnsinnig bescheuert vor."

Zum Abschied wünscht Baum allen noch eine "geile Party", "haut rein" und sagt: "Ich liebe euch alle". Dann zerrt ihn eine Pressefrau vor die Kamera des ZDF - zur Live-Schaltung.

Genau mit dieser Mischung haben sie auch Erfolg gehabt. Die lustigen Plakate ("Religion privatisieren") haben sie sich selbst ausgedacht, nicht eine Werbeagentur. Jeder in der Partei konnte mitmachen. Angebliche Profis hatten die Plakate verdammt, aber da waren sie schon gedruckt.

Der Glaube an den intelligenten Menschen

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Wahl in Berlin: Piraten drin, FDP raus

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Pavel Mayer, IT-Unternehmer und auf Platz drei der Landesliste der Piraten, kennt im Berliner Abgeordnetenhaus noch niemanden. "Wir haben bis zur Prognose gezittert", sagt er. Die Piraten sieht er als Anti-CDU-Partei. Grüne, Linke und SPD seien sich relativ ähnlich. "Wir wollen mehr Freiheit, die Bürgerrechte sind uns wichtig." Die Piraten glaubten, so der Mann mit Pferdeschwanz und schwarzem Polo-Shirt, "dass die Menschen intelligent und guten Willens" seien.

Pirat Mayer macht für den eigenen Erfolg auch die Schwäche der Gegner verantwortlich. "Die anderen waren so schlecht, deren Plakate waren so schlecht." Im Vergleich dazu besser zu sein, "das lief gut". Mayer und Baum ist ein wenig schwindelig vor dem großen Sprung. Sie sind unbezahlte Freizeitpolitiker, die Partei hat in Berlin nur tausend Mitglieder. Aber sie sind guten Mutes. "Wir sind nicht dumm", sagt Mayer.

Die etablierten Parteien machten sich lange über die neue Konkurrenz lustig. Renate Künast behauptete, die Grünen könnten die Piraten "resozialisieren", damit sie bei der nächsten Wahl nicht wieder antreten. Klaus Wowereit (SPD) warnte in der "Bild am Sonntag", "die Menschen sollten sich sehr gut überlegen, ob sie aus reinem Protest für eine Partei stimmen, die ihren Spitzenkandidaten durch Los bestimmt und zu den wesentlichen gesellschaftlichen Themen ein völlig unklares Profil hat".

Es war auch diese Arroganz, die gerade Jungwähler abschreckte. Denn mit Protestwahl hat der Erfolg der Piraten nur zum Teil zu tun. Die etablierten Parteien haben im Wahlkampf übersehen, dass sich in Berlin eine relevante Wählergruppe herausgebildet hat, deren Interessen von keiner anderen Partei wahrgenommen werden.

Die Piraten haben, was andere verloren haben: Glaubwürdigkeit

Dabei geht es nicht nur um die klassischen Themen der Piraten wie direkte Demokratie, Transparenz und Datenschutz im Internet. Auch ihre übrigen Kernforderungen mögen für Strategen der arrivierten Parteien undenkbar sein. Aber die strikte Trennung von Kirche und Staat, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens oder die Legalisierung weicher Drogen werden in den Kneipen von Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain keineswegs als Hirngespinste abgetan.

Zudem haben die Piraten etwas, das andere schon lange verloren haben: Glaubwürdigkeit, Authentizität und Frische. Wer im Wahlkampf einen Eindruck bekommen wollte, warum die Piraten so beliebt sind und die FDP nicht, hätte am vergangenen Freitag in den Treptower Park ans Spreeufer kommen müssen. Dort hatte die Piraten zum "Flottentreffen" eingeladen. Mit Floß und Tretbooten wollten die jungen Aktivisten ihren Wahlkampf feiern. Piratentypisch wurde erst der Treffpunkt verlegt, dann gelang es nicht, ein Piraten-Segelboot zu Wasser zu lassen, und schließlich kamen die meisten Anhänger auch noch zu spät. Dafür gab es billiges Bier, eine Tüte Spekulatius und einen langhaarigen Akkordeonspieler. Niemand war böse drum, alles easy.

Kurz bevor die Piraten ablegen wollten, fuhren zwei Boote der Jungen Liberalen vor. Etwa ein Dutzend Jungpolitiker mit Polo-Hemd und Perlenkette hatten auf einem angehängten Floß ein Banner angebracht ("Schulden stoppen - Piraten entern"). Die JuLis wollten auch mal cool sein. Dann kam die Wasserschutzpolizei, nahm die Boote der JuLis an die Leine und beendete ihre Aktion, während die Piraten und ihre Sympathisanten johlend am Ufer standen ("Jedes Bier hat mehr Prozent als ihr").

Früher hatten die Grünen lustige Sprüche

Gerade die Grünen, die bei der Wahl weit hinter ihren Ansprüchen zurückgeblieben sind, werden sich noch an eine Zeit erinnern, als sie die junge Partei mit den lustigen Sprüchen und unkonventionellen Wahlkampfmethoden waren. Vor etwa 30 Jahren, im Frühjahr 1981, machte sich die "Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz" (AL) auf den Weg, das Abgeordnetenhaus zu erobern.

Die FDP bezeichnete ihre Kandidaten als "innenpolitische Chaoten und außenpolitische Hasardeure". Der CDU-Spitzenkandidat und spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker sprach etwas vornehmer von einem bunten Bündnis, das nicht "beschreibungsfähig" sei, allenfalls als ein Konglomerat von "Stimmungen".

Doch die Alternative Liste hatte auch seriöse Forderungen, die besonders in den alternativen Stadtteilen gut ankamen: Naturschutz, Gleichberechtigung und Frieden waren die Themen der Zukunft - und die Grünen zogen mit 7,2 Prozent ins Berliner Parlament ein. Die Piraten liegen heute sogar etwas höher. Ihr Vorsitzender Sebastian Nerz sagt: "Im Gegensatz zu den Grünen wollen wir in Zukunft unseren Idealen treu bleiben".

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