Nikolaus Blome

Nikolaus Blome Wir wollen Merkel sehen!

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Viel reden kann viel kaputt machen, aber viel schweigen eben auch: Die Altkanzlerin schuldet dem Land mehr als vornehmes Schweigen. Auf ihre Art ist sie ein Ausfall wie Gerhard Schröder.
Angela Merkel mit Wladimir Putin auf Messebesuch in Hannover am 8. April 2013

Angela Merkel mit Wladimir Putin auf Messebesuch in Hannover am 8. April 2013

Foto: RONNY HARTMANN/ AFP

In diesen Tagen finden auch in der Hauptstadt wieder erste größere »Steh-Rums« statt, politische wie private. Nicht selten fällt da die Frage: »Was würde Angela Merkel jetzt wohl machen?« Mit dem Krieg insgesamt, den Waffen für die Ukraine, mit den steigenden Preisen auch, aber zuvorderst natürlich: mit Putin. Wahrscheinlich fragt sich Olaf Scholz manchmal dasselbe, aber immerhin hat er das Privileg, dass sie mit ihm spricht, wenn er anruft. Das sollte sie dringend auch mit dem Rest der Republik tun. Mit uns sprechen. Eine politische Blackbox war Merkel zwar oft genug, aber jetzt ist dieser schwarze Kasten ganz verstummt. Stört das nur mich?

Gerade weil der so kurz amtierende Kanzler in seinem retardierenden Vorgehen jener »Zauder-Künstlerin« folgt, die ich Merkel in einem Buchtitel einmal genannt habe – würde man dieser Tage gern auch das Original hören: Angela Merkel in her own words. Sie hatte bis zuletzt das Vertrauen einer Mehrheit der Bürger, und Vertrauen ist in diesen regellos rüden Zeiten das Wichtigste. Zudem erhebt sich immer häufiger die Klage, bei den Kriegsdebatten sei zu viel großes Gefühl im Spiel und zu wenig trockene Vernunft. Ich bin zwar eher anderer Meinung, aber wenn es wirklich so wäre: Die Altkanzlerin könnte abhelfen.

Geneigte Geister raunen bereits, dass die Altkanzlerin ob ihres Schweigens etwas Düsteres zu verbergen habe.

Stattdessen nimmt Angela Merkels Vergeschichtlichung ihren Lauf. Im Deutschen Historischen Museum zu Berlin, dem Zeughaus, wo einst Preußens Kanonen lagerten, ist eine große Ausstellung mit Porträtfotos zu sehen. Sie entstanden ab 1991 und während Merkels Kanzlerzeit, jedes Jahr eines, immer derselbe Blickwinkel, immer dieselbe Fotografin, Herlinde Koelbl. Die Feuilletons beäugen die Fotografien nun ausgiebig und suchen sie fast zärtlich nach Veränderungen ab: »Lebensspuren der Macht«, säuselte ein Blatt in der Überschrift. Das geht mir ein wenig schnell. Man hätte noch viele aktuelle Fragen, bevor Merkel politisch verbernsteint.

Nachbarn auf ihrem Flur in einem etwas abgelegenen Bundestagsgebäude sagen, sie komme regelmäßig in die Büros, doch sie rede nicht viel und schon gar nicht mit jedem. Angela Merkel arbeite mit ihrer engsten Vertrauten an politischen Memoiren, heißt es, aber was genau das werden wird, ist nicht klar. Wenn sie vorn anfängt, im Jahr 2005 also, dann wird es bis in die jüngere Gegenwart länger brauchen, als der Ukraine guttut.

Si tacuisses, philosophus mansisses … wohl wahr: Viel reden kann viel kaputt machen, aber viel schweigen eben auch. Geneigte Geister raunen bereits, dass die Altkanzlerin ob ihres Schweigens etwas Düsteres zu verbergen habe, und sie wäre in meinen Augen gut beraten, jetzt nicht den Schröder zu machen: Nicht alles, was wie das Stöckchen ausschaut, über das man nicht springen will, ist auch ein solches. Manchmal ist es einfach eine unangenehme Frage und das mit dem Stöckchen eine Ausrede.

Natürlich gibt es diese Regel, wonach Vorgänger im Minister- oder Kanzleramt ihren Nachfolgern nicht öffentlich reinreden. Bleiben sie politisch aktiv, wie Gesundheitsminister Jens Spahn, wechseln sie das Fach. Oder sie versinken in Schweigen wie Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier. Allein: Was soll daran gut sein? In einem möglichen Untersuchungsausschuss, wie Deutschland in die gefährlich große Abhängigkeit von russischem Gas geriet oder die Bundeswehr in die Misere, müssten sie alle aussagen. Ich bin allerdings skeptisch, dass es einen solchen Ausschuss geben wird, weil ja beide großen Parteien gemeinsam auf der Anklagebank säßen.

Umso mehr wäre es jetzt, ohne Ausschuss, die beste Gelegenheit für Frau Merkel, sich umfassend zu erklären. Oder wenigstens ehrlich zu berichten, wie sie Putin erlebt hat von der ersten Begegnung mit seinem Hund Koni bis zu den siebzehn Stunden Verhandlungen über das Minsker Abkommen für die Ukraine. Es passiert nicht oft, dass künftiger Memoirenstoff in der Gegenwart realen Nutzwert hat. Aber Putins Überfall auf die Ukraine hat es so gefügt, denn Angela Merkel könnte mit am meisten über ihn Auskunft geben. Das geht nicht nur ihren Nachfolger etwas an. Das geht uns alle an.

Es ist darum eine Frage der Haltung und eine Frage der Ehre, dass sich Angela Merkel alsbald umfassend erklärt. Auch wenn es altmodisch klingt: Man steht zu seinen Irrtümern, zu den Fehlern und Versäumnissen, wenn es denn welche waren. Man prüft sich, und man lässt sich prüfen. Man macht sich ehrlich, und bei einer ehemaligen Kanzlerin hat das öffentlich zu geschehen. Wie denn sonst?

Tatsächlich gibt es jedoch keinerlei Kodex für das nachamtliche Verhalten deutscher Regierungschefs, und der Bundesfinanzminister beklagt diesen Mangel zu Recht. Zu erkennen sind nur jene Gewohnheitsgrenzen, die acht Bundeskanzler in acht Jahrzehnten durch ihr Verhalten oder ihre Grenzüberschreitungen markiert haben. Von einer düpierten Öffentlichkeit einklagbar sind sie in keiner Weise: Das war bei Helmut Kohl so, als er sein Ehrenwort über Recht und Gesetz stellte, und das ist bei Gerhard Schröder so, der sich einen feuchten Kehricht darum schert, ob die Mehrheit seine Gazprom-Millionen degoutant findet oder nicht. Aber es ist ein Witz, dass die steuerzahlende Öffentlichkeit ehemalige Kanzler fürstlich alimentiert, ohne dafür irgendeinen Anspruch zu erwerben, der sie in die Pflicht nähme. Altkanzler sind freier als frei, doch das ist falsch: Kanzler sein – das muss jeder, der es wird, lebenslänglich.

Angela Merkel sieht es offenkundig anders. Das macht sie in diesen Tagen der Not auf ihre Art zu einem Ausfall, wie Gerhard Schröder auf seine Weise einer ist. Deutschland hat unter den Lebenden einen ehemaligen Kanzler und eine ehemalige Kanzlerin. Aber derzeit mit keinem der beiden Glück.