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Treffen zum Weltkriegsgedenken Merkel und Putin demonstrieren vorsichtig Annäherung

Kranz-Zeremonie, Spaziergang, Abendessen: Angela Merkel und Wladimir Putin haben sich in Moskau getroffen, um der Weltkriegsopfer zu gedenken. Inmitten der Ukraine-Krise ist das ein seltenes Ereignis. Beide bemühten sich um Harmonie.

Vor drei Monaten war Angela Merkel das letzte Mal in Moskau, damals führte sie nervenaufreibende Verhandlungen für eine Waffenruhe in der Ostukraine. Seitdem hat sich die Lage nur leidlich entspannt. An diesem Sonntag reiste die Kanzlerin wieder in die russische Hauptstadt. Dort gedachte sie gemeinsam mit Russlands Präsident Wladimir Putin der sowjetischen Kriegsopfer.

Das Wiedersehen lief demonstrativ harmonisch ab. Im Andenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs standen Merkel und Putin Seite an Seite.

Am Grab des Unbekannten Soldaten in Moskau legten beide Kränze nieder. Eine Militärkapelle spielte die deutsche und die russische Nationalhymne sowie einen Trauermarsch.

Anschließend gingen Merkel und Putin zu Fuß durch den Alexandergarten in den Kreml. Dabei unterhielten sie sich angeregt - ohne Dolmetscher, denn Putin spricht Deutsch und Merkel Russisch.

Merkel enttäuscht über ausbleibenden Waffenstillstand

Bei einem gemeinsamen Arbeitsessen sprachen beide auch über die Ukraine-Krise, im Anschluss traten sie vor Journalisten auf. Beide demonstrierten Verbundenheit. "Unser Land kämpfte nicht gegen Deutschland, sondern gegen Nazi-Deutschland. Deutschland wurde das erste Opfer der Nationalsozialisten. Das heutige Deutschland ist unser Partner und unser befreundetes Land", sagte Putin mit Blick auf das Weltkriegsgedenken.

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Merkel und Putin beim Weltkriegsgedenken: Wiedersehen nach drei Monaten

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MAXIM SHEMETOV/ REUTERS

Merkel bekräftigte die "historische Verantwortung" Deutschlands. "Ich bin hergekommen, weil ich mich verneigen will vor den Millionen Opfern dieses Krieges" sagte sie. "Auch in einer Zeit, in der es gravierende Meinungsunterschiede gibt, ist es wichtig, dass man diesen Teil der Geschichte würdigt und auch der russischen Bevölkerung zeigen, dass wir uns bewusst sind, wie viel Leid wir über die Welt gebracht haben."

Doch die Ukraine-Krise war allgegenwärtig, die Kanzlerin ließ stellenweise Enttäuschung durchschimmern, dass es noch immer keinen Durchbruch für einen Frieden gebe. Der Erfolg der aktuellen Anstrengungen sei "alles andere als sicher", sagte Merkel, "aber wir haben nichts anderes". Nach den Verhandlungen von Minsk habe man klar einen Waffenstillstand ausgemacht, "dieser ist dann leider überhaupt nicht eingetreten". Trotzdem äußerte Merkel Hoffnungen, dass der politische Annäherungsprozess dennoch zeitnah vorankommen könne.

Putin nimmt Gedenkfeier-Boykott locker

Im Februar hatte Merkel gemeinsam mit Frankreichs Präsident François Hollande mit Putin über eine Waffenruhe im umkämpften Osten der Ukraine gesprochen. Seit dem Minsker Waffenstillstandsabkommen ist die Gewalt dort zwar weniger geworden, aber noch nicht beendet. Fast täglich werden neue Gefechte und Tote gemeldet

Der Haupt-Siegesparade am Vortag war Merkel aus Protest gegen Russlands Ukraine-Politik ferngeblieben, so wie fast alle ihre westlichen Kollegen. Der russische Präsident hatte sich am Samstagabend unbeeindruckt von dem westlichen Boykott der 9.-Mai-Feiern gezeigt. "Alle, die wir sehen wollten, waren hier", sagte Putin im Fernsehen.

Zugleich signalisierte er seinen Willen zur Entspannung. Putin rief zu einer raschen Lösung der "Probleme" zwischen Russland und Deutschland auf. "Je schneller diese Probleme aufhören, die Beziehungen negativ zu beeinflussen, desto besser", meinte er. Allerdings kritisierte er mit Blick auf die USA auch Versuche, eine "unipolare" Weltordnung herzustellen. Stattdessen bedürfe es eines "Systems gleicher Sicherheit für alle Staaten".

Warum Russland am 9. Mai feiert

Auch ohne die Gäste aus dem Westen waren die Feiern am Samstag die größten, die in Moskau je zum Gedenken an das Kriegsende abgehalten worden sind. Unter den Staatsgästen waren Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, Chinas Staatschef Xi Jinping, Indiens Präsident Pranab Mukherjee sowie dessen kubanischer Kollege Raúl Castro. Auch die Staatschefs Ägyptens, Südafrikas und Venezuelas sowie ein hoher Vertreter Nordkoreas nahmen teil.

Während Westeuropa am 8. Mai der Befreiung von den Nazis gedenkt, gilt in Russland der 9. Mai 1945 als "Tag des Sieges", da an diesem Tag die Kapitulation der Wehrmacht im sowjetischen Hauptquartier ein zweites Mal besiegelt worden war.

amz/dpa/AFP
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