Empörung über Chinas Rolle in der Ernährungskrise »Schamlos instrumentalisiert«

Der Krieg gegen die Ukraine sorgt für Getreideknappheit – doch über die Folgen wollte China bisher nicht diskutieren. Ein dem SPIEGEL vorliegender Diplomatenbericht zeigt, wie groß der Unmut darüber in der Uno-Organisation FAO ist.
Ukrainische Getreideernte im Juli 2019 in der Nähe von Charkiw: Viertgrößter Weizenexporteur der Welt

Ukrainische Getreideernte im Juli 2019 in der Nähe von Charkiw: Viertgrößter Weizenexporteur der Welt

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Anatolii Stepanov / AFP

Die Vorwürfe gegen China, einen brisanten Uno-Bericht über eine bevorstehende internationale Ernährungskrise unter Verschluss zu halten, bekommen neue Nahrung. Die Volksrepublik, so Insider aus der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, verhindere die Veröffentlichung einer Einschätzung über weltweite Folgen für die Ernährungslage, die sich aus dem Überfall Russlands auf die Ukraine ergeben könnten. Die Ukraine ist einer der größten Getreideproduzenten der Welt, durch die Kämpfe drohen Ernteausfälle und damit geringere Exporte.

Der SPIEGEL hatte diese Woche bereits über die Hintergründe des internen Ärgers in der Uno-Organisation in Rom berichtet, der sich an der Rolle des FAO-Generalsekretärs, Qu Dongyu, entzündet. Der Chinese soll die Publikation des FAO-Berichts verzögern – im Interesse seines Landes. (Lesen Sie hier den Bericht .)

Die Empörung über die Vorgänge in der FAO geht nun auch aus einem detailreichen fünfseitigen Regierungsdokument – der »Diplomatischen Korrespondenz« (früher auch als »Drahtbericht« bekannt) aus dem Auswärtigen Amt vom 3. März 2022 – hervor, das dem SPIEGEL vorliegt. »Das Schweigen der FAO zu den Folgen des Krieges in der UKR für die globale Ernährungssicherheit ist nach unseren vertrauenswürdigen Informationen von ganz oben, d.h. von DG QU persönlich angeordnet worden«, heißt es in dem Papier eines hochrangigen deutschen Diplomaten aus Rom.

FAO-Generalsekretär Qu (2019 in Rom): »Maulkorb« für das Management

FAO-Generalsekretär Qu (2019 in Rom): »Maulkorb« für das Management

Foto: Vincenzo Pinto/ AFP

So sei eine 15-seitige, umfassende Analyse zu den kurz- wie mittelfristigen Folgen für die globale Ernährungssicherheit »kurzerhand kassiert, d.h. deren Veröffentlichung von seinen Vorgesetzten untersagt worden«, heißt es in dem Dokument. Selbst eine »zweiseitige, auf Weisung von oben deutlich entschärfte Zusammenfassung (d.h. ohne Nennung des Wortes ›Krieg‹, ohne Bezugnahme auf RUS Militäroperationen in der UKR)« sei bislang nicht freigegeben worden.

Detailliert werden in dem Papier des deutschen Diplomaten, dessen Name dem SPIEGEL bekannt ist, die Bemühungen des höchstrangigen deutschen Vertreters in der FAO, Josef Schmidhuber, beschrieben, das Schweigen der Uno-Behörde zu brechen. Der stellvertretende Direktor der »Markets and Trade Division« der FAO wurde demnach bei seinen Versuchen ausgebremst, unter anderem vom Chefökonomen der Organisation, Maximo Torero. Der Peruaner wird im Bericht als »rechte Hand« des Generalsekretärs Qu Dongyu bezeichnet, der »von diesem unter großem Druck« stehe.

Die geschilderten Vorgänge werfen ein Schlaglicht auf die Kommunikationsstrategie der FAO. So geht aus dem Dokument unter anderem hervor, dass Veröffentlichungen zum Themenkomplex für die Presse erst an einem Freitagabend (»nach Redaktionsschluss um 18 Uhr«) freigegeben werden sollten, »wenn das Interesse der intern. Presse nicht mehr gegeben ist, weil die Zahlen dann erst mit Verzögerung in der kommenden Woche verwendbar sind, mit anderen Worten bereits wieder ›alt‹ sind«. Dafür wird in dem Dokument Torero als Verantwortlicher genannt.

In einer als »Wertung« bezeichneten Passage des Diplomaten-Berichts aus Rom heißt es, China habe im Falle einer »fristgemäßen Veröffentlichung« der Daten und Statistiken einen »sprunghaften Anstieg der entsprechenden Preise« auf dem Getreidemarkt befürchtet. Das Land wolle sich »angesichts der bevorstehenden Getreide- und Agrargüterknappheit noch ausreichend mit Weizen und Soja für den eigenen heimischen Bedarf zu geringeren Preisen eindecken«. Hinzu komme das »geopolitisch motivierte Interesse« Chinas, nicht den Anschein zu erwecken, sich von Russland wegen seines Vorgehens in der Ukraine »in irgendeiner Weise zu distanzieren«. Das äußere sich in einem »Maulkorb« für das FAO-Management, »nicht von RUS Krieg, Invasion etc. sprechen zu dürfen«.

»Störungen der Lebensmittelsysteme aufgrund des anhaltenden Konflikts in der Ukraine könnten die Ernährungsunsicherheit weltweit weiter eskalieren lassen«

FAO-Generalsekretär Qu Dongyu am 11. März 2022 auf Twitter

Im Papier werden auch die weltweiten Abhängigkeiten vom ukrainischen Agrarexporten benannt. Die Ukraine sei der viertgrößte Weizenexporteur der Welt, so importiere der Libanon 50 Prozent seines Weizenbedarfs aus der Ukraine, Jemen 22 Prozent und Tunesien 42 Prozent. Ägypten importiert demnach 80 Prozent aus der Ukraine und Russland, zudem sei die Ukraine für das Land am Nil »Hauptlieferant von Sonnenblumenöl und Mais«.

Die Schlussfolgerungen, die aus der diplomatischen Korrespondenz des Auswärtigen Amtes hervorgehen, klingen düster. Die FAO, so heißt es abschließend, komme ihren »normativen Aufgaben offensichtlich nicht mehr als neutrale Wissensorganisation nach«. Es sei ein ›weiteres Beispiel dafür‹, wie der chinesische FAO-Generalsekretär Qu Dongyu die größte Uno-Sonderorganisation »rücksichtslos vor den chinesischen Karren spannt und sie schamlos instrumentalisiert«.

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Am Freitag schließlich reagierte auch Qu Dongyu, via Twitter. »Störungen der Lebensmittelsysteme aufgrund des anhaltenden Konflikts in der Ukraine«, schreibt er auf Englisch in einem verlinkten Papier, »könnten die Ernährungsunsicherheit weltweit weiter eskalieren lassen.« Dies komme zu einer Zeit, in der die internationalen Lebensmittelpreise »bereits hoch und volatil sind«.