Selenskyjs Appell an Deutschland »Bitte helfen Sie uns, diesen Krieg zu stoppen«

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat in einer Rede an den Bundestag eindringlich vor den Folgen des Krieges in seinem Land gewarnt. In Europa entstehe eine »neue Mauer«, die unterdrückte von freien Staaten trenne. Er bat um Hilfe – machte der deutschen Politik aber auch schwere Vorwürfe.
Der im Bundestag zugeschaltete ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj

Der im Bundestag zugeschaltete ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj

Foto: Christian Ditsch / epd / IMAGO

Er war beim EU-Parlament zugeschaltet, im britischen Unterhaus und gestern im US-Kongress: Nun hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auch per Videobotschaft vor dem deutschen Parlament gesprochen – und die anwesenden Politikerinnen und Politiker für ihr Zögern kritisiert.

Selenskyj warft den Abgeordneten im Bundestag vor, zu spät gehandelt zu haben. Sanktionen seien zu spät und zu zögerlich gekommen, zu viele Konzerne hätten lange gute Verbindungen zu Russland aufrechterhalten. »Mitten in Europa steht wieder eine Mauer«, sagte Selenskyj der Übersetzerin zufolge, keine wie einst in Berlin, »aber eine zwischen Freiheit und Unfreiheit«.

»Herr Scholz, zerstören Sie diese Mauer«

Mit jeder weiteren Bombe, die Russland werfe, werde diese Mauer weiter aufgebaut. Aber auch das Zögern des Westens mit dem ukrainischen Wunsch auf einen Nato- und einen EU-Beitritt seien »Steine« für diese Mauer. Deutschland habe daran mitgewirkt, diese Mauer zu errichten, um die Ukraine zu isolieren und an Russland auszuliefern. Als Beispiel nannte Selenskyj das lange Festhalten an der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

An Scholz gerichtet – und den früheren US-Präsidenten Ronald Reagan zitierend – sagte Selenskyj: »Herr Scholz, zerstören Sie diese Mauer. Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die es verdient.«

Heute vor drei Wochen hatte Russland die völkerrechtswidrige Invasion auf die Ukraine begonnen. Auf Befehl von Kremlchef Wladimir Putin drangen russische Soldaten von mehreren Seiten in die Ukraine ein, seither belagern die Kremltruppen mehrere ukrainische Großstädte, immer wieder gibt es Meldungen von bombardieren Wohnblöcken, Krankenhäusern und zivilen Einrichtungen. Die ukrainischen Behörden sprechen von Tausenden getöteten Zivilisten, die Uno registriert bereits mehr als drei Millionen Geflüchtete.

»In Europa wird ein Volk vernichtet«

»Russland bombardiert uns, zerstört alles, was wir uns aufgebaut haben«, sagte Selenskyj. Tausende Ukrainer seien bisher gefallen, darunter auch Kinder. »Die Besatzer haben bereits 108 Kinder getötet, mitten in Europa, mitten im 21. Jahrhundert.« Deutschland müsse nun seine Hilfe weiter verstärken. »In Europa wird ein Volk vernichtet«, warnte Selenskyj. »Helfen Sie uns, diesen Krieg zu stoppen.«

Ähnliches hatte Selenskyj bereits von der US-amerikanischen Politik gefordert. Es müsse jede Woche neue Sanktionen gegen Russland geben, während die Ukraine dringend mehr Waffen und eine Flugverbotszone benötige, sagte Selenskyj gestern in einer Videoschalte vorm US-Kongress. »Jetzt, in der dunkelsten Stunde für unser Land und für ganz Europa, fordere ich Sie auf, mehr zu tun«, sagte er einer englischen Übersetzung zufolge.

Selenskyj nutzt seit Kriegsbeginn Videobotschaften und Telefonschalten, um darin um Unterstützung für sein Land zu bitten. Deutschland hatte er bereits in der Vergangenheit für das zögerliche Engagement der Bundesregierung kritisiert.

Kritik aus der Opposition

Die Abgeordneten im Bundestag applaudierten Selenskyj nach der Rede stehend. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) sagte an Selenskyj gewandt: »Wir können Sie sehen.« Deutschland stünde an der Seite seines Landes, versprach sie. Auf Ukrainisch fügte Göring-Eckhardt hinzu: »Zusammen sind wir viele.«

Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) hatte zuvor den Zeitpunkt von Selenskyjs Rede als »völlig unpassend« kritisiert. Erst am Mittwoch hatte der Bundestag in einer Aktuellen Stunde über den Ukrainekrieg gesprochen – im Anschluss an die heutige Rede stand jedoch eine Debatte über die Impfpflicht auf der Tagesordnung. Merz hätte gewünscht, dass eine Diskussion zur Lage in der Ukraine folgt. Aus der CDU/CSU-Fraktion gab es Buhrufe, als Göring-Eckardt nach der Rede zum nächsten Punkt überging.

Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) hatte die fehlende Aussprache vorab verteidigt. »Ich glaube, in so einem Moment ist Zuhören eine echte Stärke«, sagte sie am Mittwoch. »Zuhören, das Wort stehen lassen.«

mrc
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.