Umfrage Merz im Tränental

Nur 18 Prozent der Deutschen glauben, dass die politische Stimmung im Augenblick für die Christdemokraten besonders günstig sei. Bei einer Emnid-Umfrage im Auftrag des SPIEGEL kommt zudem kein führender Bundespolitiker von CDU und CSU auf derart katastrophale Werte wie Friedrich Merz.


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S

o mies war die Stimmung schon lange nicht mehr für die deutschen Konservativen. "Wir sind angeschlagen", raunte Ex-Unions-Fraktionschef Wolfgang Schäuble schon Anfang Februar düster, und Saarlands Ministerpräsident Peter Müller attestierte führenden Parteifreunden "atemberaubend mangelnde Professionalität". Da half es wenig, dass der rheinland-pfälzische CDU-Chef Christoph Böhr mit bangem Blick auf die Landtagswahl am 25. März ein Ende des "Hühnerhofgegackers" verlangte und Parteivize Jürgen Rüttgers Schluss der Debatte um Kanzlerkandidatur und Doppelspitze in der Union forderte ­ gestänkert wird munter weiter.

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Das Wahlvolk goutiert dies offenbar gar nicht, wie die Bielefelder Meinungsforscher vom Emnid-Institut im Auftrag des SPIEGEL herausfanden. Ganze 18 Prozent glauben, dass die politische Stimmung im Augenblick für die Christdemokraten besonders günstig sei ­ im Oktober 1999 waren es noch 81 Prozent.

Das war vor dem Spendenskandal, in den Altkanzler Kohl seine Partei geritten hat. Diese Affäre stecke seiner Partei immer "noch ein bisschen in den Kleidern", räumte Fraktionschef Friedrich Merz vergangene Woche ein.

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Inzwischen steckt er selbst gehörig im Meinungstief. Kein führender Bundespolitiker von CDU und CSU kommt auf derart katastrophale Werte bei der Umfrage wie Friedrich Merz. Ihm ist es in gut einjähriger Amtszeit an der Spitze der Bundestagsfraktion weder gelungen, im Parlament integrierend zu wirken, noch, im Zusammenspiel mit der Parteivorsitzenden Angela Merkel, den Unionsanhängern neuen Mut und Visionen zu geben. Im Gegenteil.

Friedrich Merz
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Friedrich Merz

Gerade mal 38 Prozent der konservativen Wähler wünschen laut Emnid, der CDU/CSU-Fraktionschef solle künftig eine "wichtige Rolle" spielen ­ da kommen selbst die SPD-Landespolitiker Heide Simonis (41 Prozent) und Manfred Stolpe (48 Prozent) bei den Unionsfreunden besser an, erst recht der Grüne Joschka Fischer (49 Prozent) und FDP-Mann Guido Westerwelle (50 Prozent).

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Längst haben die Sympathisanten von CDU/CSU für sich auch entschieden, dass die Doppelspitze der Union keine sinnvolle Konstruktion sei, es einer allein viel besser machen könnte. Und zwar nicht Friedrich Merz, der sich jüngst selbst als Kanzlerkandidat ins Gespräch brachte, dem aber nur 25 Prozent der Unionsanhänger zutrauen, die Partei allein zu führen. Von Konkurrentin Angela Merkel können sich dies immerhin 61 Prozent vorstellen.

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Bundeskanzler Gerhard Schröder darf sich indes beruhigt zurücklehnen: Seine neue Verbraucherministerin Renate Künast von den Grünen kommt bei vielen auf Anhieb gut an ­ 47 Prozent der Wahlberechtigten wollen, dass sie auch künftig in der Politik eine wichtige Rolle spielt. Und die als Befreiungsschlag gedachten Attacken der CDU/CSU gegen Außenminister Joschka Fischer und dessen linksradikale Vergangenheit sind wirkungslos verpufft. Seinen Rücktritt fordert kaum jemand. In den eigenen Reihen steht Schröder nahezu unangefochten: 93 Prozent der SPD-Anhänger sind mit dem Kanzler zufrieden, bei den Grünen sind es 80 Prozent. Und selbst von den Unionswählern meinen noch 56 Prozent, der Sozialdemokrat Schröder leiste gute Arbeit.

HANS-ULRICH STOLDT



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