Umfrage-Wende Stimmung in Hessen kippt - Koch in Not

Alarm im Lager von Roland Koch: Eine dramatische Wende in Wahlumfragen gibt seiner Herausforderin Andrea Ypsilanti Auftrieb, die Stimmung in Hessen kippt. Doch die SPD sollte sich nicht zu früh freuen - denn jetzt setzt der CDU-Politiker plötzlich auf eine alte Parole: Freiheit statt Sozialismus.

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Wiesbaden – Andrea Ypsilanti kann ihr Glück kaum fassen. Ihre Stimme überschlägt sich. "Wer von euch hätte im Sommer gedacht, dass wir heute so nah vor dem Sieg stehen?", fragt sie die Genossen in der Mühlheimer Gaststätte "Rote Warte". Und tatsächlich: Kein Sozialdemokrat hätte im vergangenen Jahr auch nur einen Cent auf einen Sieg der Kandidatin gesetzt. Heute ist die studierte Soziologin und ehemalige Stewardess auf dem besten Wege, das Alphatier Roland Koch vom Thron zu stoßen.

Eine aktuelle ARD-Umfrage von Infratest Dimap sieht CDU und FDP bei zusammen 46 Prozent - SPD, Grüne und Linkspartei allerdings kommen gemeinsam auf 50 Prozent. Noch mehr machen Koch allerdings seine persönlichen Werte zu schaffen: Bei einer Direktwahl würden sich nur 38 Prozent für ihn entscheiden, 48 Prozent der Hessen hätten lieber Ypsilanti als Ministerpräsidentin.

Koch, Ypsilanti: "Wer hätte gedacht, dass wir so knapp vorm Sieg sind?"
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Natürlich ist die Umfrage eine Momentaufnahme – neun Tage vor den Wahlen. Dennoch: Die Zahlen müssen Koch Sorgen bereiten. Seit Ende Dezember hat er alles gegeben, mit einer Serie von Attacken gegen kriminelle Ausländer polarisiert und die CDU samt Angela Merkel in die Kampagne verwickelt.

Und jetzt liegt er trotzdem hinten.

Wahlumfragen in Hessen seit 2003: Die Schere zwischen SPD und CDU schließt sich
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Dabei bejubeln ihn die Menschen, wo immer er auftritt. Das wiederholt Koch im Wahlkampf nicht nur ständig, es stimmt ja auch. Der Hesse ist ohne Zweifel ein begnadeter Redner. Nahezu jeden Saal zieht er problemlos in seinen Bann. Die Leute hängen an seinen Lippen, feiern ihn. Er spricht sie auf der Gefühlsebene an, er teilt die Welt für sie in Gut und Böse.

Ganz anders Ypsilanti: Nicht mal eingefleischte Genossen kann sie mit ihren gestanzten, auswendig gelernt wirkenden Reden mitreißen. Ihre Zuhörer in Mühlheim, Frankfurt-Gallus oder Ober-Ramstadt wirken fast überrascht und schrecken hoch, wenn die Herausforderin doch einmal eine treffende Formulierung, eine knackige Pointe gefunden hat.

Das politische Klima hat sich verändert

Doch bei aller Skepsis gegenüber Ypsilantis rhetorischen Fähigkeiten: Das politische Klima in Hessen hat sich spürbar verändert. Die Wähler scheinen der Sozialdemokratin ihre Schwächen zuzugestehen, mehr noch: sie dadurch sogar als sympathischer, sprich menschlicher wahrzunehmen.

Koch hingegen trifft nicht mehr den richtigen Ton. Selbst konservative Wähler und Beobachter wenden sich ab und nennen ihn einen Populisten. Es scheint, als seien die Hessen der populistischen Skrupellosigkeit des Hardliners überdrüssig. Sein Thema, die Jugendkriminalität, wird zwar auf bundespolitischer Ebene breit diskutiert. Aber Koch selbst spielt dabei kaum noch eine wichtige Rolle. Die Diskussion wird differenzierter und konsequenter geführt, als es ihm im Wahlkampf recht sein kann.

Zumal er einen strategischen Fehler gemacht hat: Seine Ausländer-Kampagne war wie maßgeschneidert für einen Oppositionsführer. Gegen eine rot-grüne "Multikulti-Truppe" an der Spitze Hessens, wie Koch sie nennen würde, wäre die Taktik wahrscheinlich sogar aussichtsreich gewesen. Doch für einen Amtsinhaber, der seit neun Jahren in Hessen regiert, hat sie sich innerhalb von Tagen zum Bumerang entwickelt.

Immer neue Zahlen kommen ans Licht, die zeigen, wie katastrophal die Landesregierung im Bereich Innere Sicherheit abschneidet. Das schadet der Glaubwürdigkeit. Rückblickend muss sich der Ministerpräsident Gedanken machen, ob er nicht doch wie 2003 auf einen präsidialen Wahlkampf hätte setzen sollen. Und nicht auf eine Attacke, die seine gesamte Regierungszeit desavouiert. Aber zurück kann er nun nicht mehr.

Jetzt entdeckt Koch die Parole Freiheit statt Sozialismus

Die SPD sollte sich allerdings nicht zu früh freuen. Roland Koch ist ein Spezialist für aussichtslose Lagen.

Wenn alles gegen ihn zu laufen scheint, dreht er erst richtig auf. Auch 1999 stand er mit dem Rücken zur Wand, wurde für seine Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft brutal kritisiert. Niemand traute ihm zu, SPD-Ministerpräsident Hans Eichel abzulösen. Doch er setzte sich durch.

Genau wie ein Jahr später. In der Spendenaffäre seiner Landespartei steckte er nicht zurück. Sondern spielte umso offensiver die verfolgte Unschuld, je stärker er attackiert wurde.

"Die Umfrageergebnisse sind eng, sehr eng", sagt Koch gestern Abend bei einer Wahlkampfveranstaltung. Hessen sei "ein knappes Land". An seinen Positionen zur Inneren Sicherheit halte er fest: "Die Diskussion geht weiter." Dann greift er die Linkspartei an - denn diese schicke sich an, "das Zünglein an der Waage zu werden". Ihre Mitglieder seien "keine Sozialromantiker, sondern stinknormale Altkommunisten".

Koch will seine eigenen Stammwähler ködern, mit der alten Parole von Freiheit statt Sozialismus. Er will Ypsilanti desavouieren - mit dem Schreckensszenario einer rot-rot-grünen Landesregierung.

Immer wieder betont Koch, die wichtigste Zeit überhaupt seien die letzten drei Tage vor der Wahl. Dann gelte es die Unentschlossenen einzusammeln.

Er wird nichts zurücknehmen. So viel ist sicher.



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