Umgang mit Schwulenhass Westerwelles moralisches Harakiri

Guido Westerwelle ist schwul und nimmt seinen Freund gern mit auf Reisen. Doch Länder, in denen Homosexualität strafbar ist, besucht er solo. Er wolle die Toleranz in der Welt fördern, aber nicht "unüberlegt" handeln, sagt der Diplomat. Eine Schande, meint Henryk. M. Broder.
Außenminister Westerwelle, Partner Mronz: "Wir wollen die Toleranz in der Welt befördern"

Außenminister Westerwelle, Partner Mronz: "Wir wollen die Toleranz in der Welt befördern"

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Es gibt einiges, worauf man als Deutscher stolz sein kann. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin ein bekennender Schwuler ist. Ebenso der derzeitige Außenminister.

Wer sich noch an den Muff der fünfziger und sechziger Jahre erinnern kann, an das Geraune um den damaligen CDU-Außenminister Heinrich von Brentano, der als "unverheirateter Katholik bei seiner Mutter" lebte (Wikipedia), oder an den Satz von Franz Josef Strauß "Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder" aus dem Jahre 1970, der weiß, dass die Einstellung gegenüber Homosexuellen ein Maßstab für den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft ist.

Guido Westerwelle

Dabei geht es nicht um Toleranz, denn Toleranz ist ein Gnadenakt, der ebenso schnell widerrufen werden kann, wie er gewährt wurde. Den meisten Deutschen ist es egal, ob ein Politiker Homo, Hetero, Vegetarier oder Radfahrer ist; wurde nicht zum Außenminister gewählt, weil er schwul ist, auch nicht, obwohl er schwul ist. Seine sexuelle Disposition war den Wählern einfach wurscht. Und daran wird sich - hoffentlich - nichts ändern, bis er eines Tages aus seinem Amt wieder rausgewählt wird.

Doch nun hat sich Westerwelle geoutet, nicht als Schwuler, sondern als Diplomat. Er hat erklärt, er werde bei Reisen in Staaten, in denen Homosexualität strafbar ist, seinen Lebensgefährten nicht mitnehmen. Denn: "Wir wollen den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern. Aber wir wollen auch nicht das Gegenteil erreichen, indem wir uns unüberlegt verhalten."

Man muss diesen Satz nicht zweimal lesen, um zu begreifen, was in ihm steckt: Toleranz ist eine feine Sache, aber wir sollten es mit ihr nicht zu weit treiben. Das ist mehr als eine der üblichen Politiker-Sprechblasen, es ist moralisches Harakiri in Zeitlupe, eine Schande.

Westerwelle spricht auf erschreckende Weise unüberlegt

Iran

Saudi-Arabien

In mindestens 75 Staaten ist Homosexualität ein Straftatbestand, der mal mehr, mal weniger streng verfolgt wird. In , im Sudan, in Jemen und Mauretanien, in Somalia, Nigeria und wird Männerliebe mit dem Tod bestraft. Allein in Iran wurden im Laufe der vergangenen 30 Jahre, also seit Beginn der "Revolution", etwa 4000 Männer erhängt, die angeblich oder tatsächlich schwul waren. Man mag der Meinung sein, dass sie noch immer besser behandelt wurden als "Ehebrecherinnen", die gesteinigt werden, aber solche Feinheiten sind nur für Islamexperten wie Katajun Amirpur von Bedeutung, die Hängen gegenüber dem Steinigen den Vorzug geben.

Es ist auch fraglich, ob Westerwelle sein Statement wirklich zu Ende gedacht oder nur rausgeblubbert hat. Wie will er "den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern", wenn er auf die Intoleranz seiner Gastgeber Rücksicht nimmt? Von seinem Schreibtisch in der FDP-Zentrale? Mit einem Grußwort zum Christopher-Street-Day in Köln? Indem er seinem Lebensgefährten bei Auslandsreisen eine Burka überzieht?

Westerwelle ist nicht bösartig oder dumm, aber spricht auf eine erschreckende Weise unüberlegt. Allein der Gedanke, wir müssten uns überlegt verhalten, um nicht "das Gegenteil (zu) erreichen", ist falsch. Am Anfang einer solchen Überlegung steht der Wunsch, dem Frieden zuliebe nicht zu provozieren, am Ende die Selbstaufgabe.

Homosexualität

Denn diejenigen, die Westerwelle nicht herausfordern möchte, wollen nicht nur das Verhalten ihrer eigenen Untertanen bestimmen. Sie haben ihre Standards globalisiert, sie regen sich über die Unmoral in fremden Ländern auf, sie wollen Karikaturisten umbringen, die sie nur vom Hörensagen kennen, und verhängen Fatwas über Schriftsteller, deren Bücher sie nicht lesen können. Wer sich unter solchen Umständen "überlegt" verhält, um nicht "das Gegenteil" zu erreichen, geht von der irrigen Annahme aus, dass er für das Verhalten seines Gegenübers verantwortlich ist; dass sich beispielsweise die Lage der Homosexuellen in Iran nur verschlechtern würde, wenn er seine eigene offen zur Schau stellt.

Auch Despoten wollen nicht als Schurken vorgeführt werden

Aber an der Lage der Homosexuellen in Iran würde sich auch dann nichts ändern, wenn sich Westerwelle für einen Besuch in Teheran alle Bunnys von Hugh Hefner als Eskorte ausleihen würde. Die einzige Chance, ihre Lage zu verbessern, wäre, die Verantwortlichen für die Zustände bei jeder Gelegenheit zur Rede zu stellen. Denn auch Diktatoren und Despoten wollen nicht als Schurken vorgeführt werden. Deswegen hat der iranische Präsident Ahmadinedschad bei einem Besuch in New York erklärt, es gebe in seinem Land keine Verfolgung von Homosexuellen, weil es keine Homosexuellen gibt. So dumm der Satz war, er zeugte wenigstens von dem Bemühen, das Gesicht nicht zu verlieren.

Dagegen ist Westerwelles Absichtserklärung - "Wir wollen den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern" - nur eine Zugabe bei einem Spektakel, dessen Teilnehmer nichts außer einer dicken Lippe riskieren: die Schwulen, indem sie sich über Homophobie in Deutschland beklagen, die Antifas, die umso lauter schreien, je weniger Fa es gibt, und die Friedensbewegten, die sich in ihren atomwaffenfreien Wohnküchen gemütlich eingerichtet haben, während Iran die Atomfrage stellt.

Sie alle handeln überlegt, sie taktieren und paktieren. So wie die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die vor kurzem die Immanuel-Kant-Medaille an den Gouverneur von Riad verliehen hat - für seine Verdienste bei der Förderung von Bildung und Wissenschaft auf der Arabischen Halbinsel.

Zu den Amtspflichten des Gouverneurs von Riad gehört es auch, die Todesurteile zu bestätigen, die dann öffentlich vollzogen werden. Vermutlich als Maßnahme zur Verbreitung von Bildung und Wissenschaft.

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