Umstrittene Äußerung Kohl beendet Thierse-Debatte

Helmut Kohl hat Wolfgang Thierses Entschuldigung akzeptiert - und entwertet damit die Rücktrittsforderungen aus den Reihen der Union. Der frühere Bundeskanzler hat keine Lust auf weitere Aufregung.


Berlin - Erst der dritte Frager traute sich, Helmut Kohl auf Wolfgang Thierse anzusprechen. Soeben hatte der Altkanzler gesagt, der dritte Band seiner Memoiren sei kein "Buch der Rache", und dass Frau Merkel damals als Ministerin in seiner Regierung "einen guten Job" gemacht habe.

Helmut Kohl: "Kostbarkeiten, die Sie einen Tag verwerten können"
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Helmut Kohl: "Kostbarkeiten, die Sie einen Tag verwerten können"

Dann die Frage, die allen auf der Zunge lag: Wie der Herr Bundeskanzler denn Thierses Äußerung über Kohls Umgang mit seiner Frau empfunden habe? Der Bundestagsvizepräsident hatte in einem Interview gesagt: "Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal."

Und Kohl antwortete: "Herr Thierse hat sich mit einem Schreiben von heute Morgen in aller Form bei mir entschuldigt, und ich nehme diese Entschuldigung an." Mehr werde er dazu nicht sagen, schob Kohl nach.

Bums. So schnell ist eine Debatte beendet. Kohl dachte überhaupt nicht daran, den in großer Zahl erschienenen Journalisten den Gefallen zu tun und sich aufzuregen. Wenn er seinen Intimfeind Thierse angegriffen hätte, ihn, den er schon mal mit Hermann Göring verglichen hat - dann wäre die Buchvorstellung vollkommen in den Hintergrund getreten.

Lieber stichelte Kohl gegen die Pressevertreter. Sie könnten sich ja darüber freuen, dass der Bundestagsvizepräsident solche Sachen sage: "Das sind ja Kostbarkeiten, die Sie für einen Tag verwerten können, aber dann ist es vorbei."

Auch seinen Parteifreunden nahm der Altkanzler so den Wind aus den Segeln. Die nämlich hatten sich seit gestern reihenweise empört und Thierses Rücktritt gefordert. Selbst CDU-Chefin Merkel, die Kohl einst als Ehrenvorsitzenden der Partei gestürzt hatte, setzte zu seiner Ehrenrettung an und griff zur ganz großen Kanone: Via "Bild"-Zeitung warf sie Thierse "Niedertracht" vor und forderte eine Entschuldigung. Einige Unentwegte wie der CDU-Abgeordnete Jürgen Gehb gaben auch nach Kohls Äußerung nicht auf: Mit dem "honorigen Verhalten" des Opfers Kohl sei "das Offizialdelikt nicht aus der Welt geschafft", sagte Gehb. Thierse müsse zurücktreten.

Durch seine gelassene Reaktion entwertete Kohl diese Angriffe jedoch zu einem gehörigen Maß. So viel Aufregung, so könnte man ihn interpretieren, war doch gar nicht nötig. Dass sich ausgerechnet seine alte Widersacherin Merkel lautstark für ihn einsetzte, dürfte ihn amüsiert haben.

Merkel wird in viertem Buch "sehr viel größere Rolle spielen"

Kohl wollte bei der Vorstellung des dritten Bandes seiner Memoiren kein böses Wort über die Kanzlerin verlieren. Dass Merkel auf den knapp 800 Seiten nur dreimal erwähnt wird, habe damit zu tun, dass sie in der Zeit von 1990 bis 1994 eben keine "entscheidende Position" hatte, erklärte Kohl. Sie habe aber einen guten Job gemacht, "sonst wäre sie nicht geblieben". Im vierten Band werde sie natürlich eine "sehr viel größere Rolle" spielen, versicherte er. Da lachten einige im Saal, denn im letzten Band seiner Erinnerungen muss es ja wohl um den CDU-Spendenskandal und Merkels Rolle bei der Absetzung Kohls gehen. Als Drohung wollte Kohl seine Aussage jedoch nicht verstanden wissen: Er plane kein "Buch der Rache".

Der dritte Band behandele den "spannendsten Abschnitt meines Lebens", sagte Kohl. Es sind die ersten Jahre der Deutschen Einheit, vom Mauerfall bis zur letzten Wiederwahl als Kanzler. "Manches war unzulänglich", räumte Kohl ein, der sonst nicht zur Selbstkritik neigt. Er habe keinen "Meisterplan" gehabt, aber beklagen wolle er sich darüber nicht. In so einer Situation gebe es eben kein Handbuch. Getäuscht habe er sich auch über die Angleichung der Lebensverhältnisse. Dafür brauche es wohl eine ganze Generation.

Der vierte Band soll kommendes Jahr erscheinen. "So Gott will", sagte der 77-Jährige. Das Schreiben sei aber ein "ziemlich mühsames Geschäft". Doch so gebrechlich Kohl bei der Buchvorstellung wirkte - seine Stimme klang brüchig, beim Aufstehen musste er von zwei Bodyguards gestützt werden -, seine Angriffslust war ungebrochen. So erinnerte er an den "ausgebildeten Berliner Pöbel", der ihn 1989 vor dem Schöneberger Rathaus "niederschrie". "Diese Leute in Kreuzberg" hätten bis heute ihren eigenen Abgeordneten - eine Anspielung auf den Grünen Hans-Christian Ströbele. Kohl lobte auch die derzeitigen Studenten als "die beste Studentengeneration seit langer Zeit", weil "die Schreihälse in die Ecken der Hörsäle verbannt sind".

Und er lästerte über das lückenhafte Wissen der Geheimdienste in der Wendezeit, insbesondere des sowjetischen KGB. Als er seine KGB-Akte gesehen habe, habe er gedacht: "Die haben nur beim SPIEGEL abgeschrieben." Kohls Fazit daher: "Den KGB hätten sie sich sparen können."



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