Umstrittene Doktorarbeit Guttenberg kopierte auch von Bundestagsdienst

Neue Vorwürfe gegen Dr. a.D. Karl-Theodor zu Guttenberg: Nach SPIEGEL-Informationen hat der CSU-Abgeordnete auch die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine Doktorarbeit in Anspruch genommen - immerhin stammten die Ausarbeitungen von einem zweifach promovierten Beamten.
Karl-Theodor zu Guttenberg: Die Doktorarbeit entstand in "mühevollster Kleinarbeit"

Karl-Theodor zu Guttenberg: Die Doktorarbeit entstand in "mühevollster Kleinarbeit"

Foto: Michael Sohn/ AP

Berlin - Sein Auftritt am Freitag sollte eigentlich den Befreiungsschlag für Karl-Theodor zu Guttenberg bringen. Doch der Versuch ging gründlich daneben, die Reaktionen waren teilweise verheerend. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, werden immer neue Details zu seiner Doktorarbeit bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen hat Guttenberg auch die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine unter Plagiatsverdacht stehende Doktorarbeit benutzt.

Der Ministerialrat Dr. Dr. Ulrich Tammler verfasste für den damaligen CSU-Abgeordneten die Ausarbeitung "Die Frage nach einem Gottesbezug in der US-Verfassung und die Rechtsprechung des Supreme Court zur Trennung von Staat und Religion".

Tammler beendete seine Arbeit an dem zehnseitigen Papier am 13. Mai 2004 und leitete es unter der Registernummer WF III - 100/04 an das Abgeordnetenbüro Guttenbergs. Obwohl Abgeordnete die Wissenschaftlichen Dienste nur im Rahmen ihrer mandatsbezogenen Tätigkeit nutzen dürfen, fügte Guttenberg die Arbeit in seine Dissertation nahezu vollständig ein.

Strenge Richtlinien für Verwertung

Änderungen an dem Text finden sich kaum. So tauschte er etwa das Wort "Begriff" gegen das Wort "Bezug" aus, fügte ein "freilich" ein, änderte ein "teilweise" in ein "zuweilen" und bezeichnete das "oberste Bundesgericht" als "Supreme Court".

Dr. Dr. Tammler selbst wird namentlich in keiner von Guttenbergs Quellenangaben zitiert. Lediglich die Arbeit der Wissenschaftlichen Dienste erwähnt Guttenberg auf Seite 391 seiner Promotionsschrift. "Vergleiche auch eine im Auftrag des Verfassers entwickelte Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages vom 13. Mai 2004", ist unter der Fußnote 83 vermerkt.

Die rund 60 Gutachter der Wissenschaftlichen Dienste sollen die Abgeordneten bei ihrer Arbeit als Abgeordnete unterstützen. "Der Deutsche Bundestag behält sich sämtliche Rechte an den Arbeiten der Wissenschaftlichen Dienste vor. Veröffentlichung und Verbreitung bedürfen grundsätzlich der Zustimmung der Abteilungsleitung", heißt es in den Richtlinien für die Dienste.

Trotz seiner Gegenoffensive steht Guttenberg damit weiter unter Erklärungsdruck. In der Affäre um die Plagiatsvorwürfe kam es am Freitag zum Eklat. Statt sich dem Vorwurf zu stellen, er habe Teile seiner Doktorarbeit abgeschrieben, versuchte sich der angeschlagene CSU-Politiker an einem Katz-und-Maus-Spiel mit Journalisten in Berlin.

Seine Erklärung zu den Vorwürfen kündigte Guttenberg nicht wie üblich im Vorfeld an; vielmehr trug er seine Rechtfertigung ausgerechnet zu dem Zeitpunkt vor, als sich viele Journalisten zur turnusmäßigen Regierungspressekonferenz versammelt hatten. Bei Guttenberg waren dagegen nur "ausgewählte Medienvertreter", wie sein Sprecher Steffen Moritz sagte.

Das Ergebnis war ein Skandal, wie ihn die Bundespressekonferenz in dieser Form noch nicht erlebt hat. Empört protestierten Journalisten gegen "diese Witzveranstaltung" und verließen den Raum, weil sie sich nicht als "Staffage für Terminankündigungen" hergeben wollten.

Immer weitere Belegstellen für Plagiate

Sichtlich düpiert musste Regierungssprecher Steffen Seibert, der von Guttenbergs Vorgehen offenbar vorher nichts wusste, vor dem sich rasch leerenden Saal die Termine von Bundeskanzlerin Angela Merkel für die kommende Woche verlesen.

Unterdessen versuchte Guttenberg gut zwei Kilometer entfernt, eine Grenze zwischen möglichem wissenschaftlichen Fehlverhalten und seinem politischen Amt zu ziehen. Seine Doktorarbeit enthalte "fraglos" Fehler, die er bedaure, gab sich der Minister zerknirscht. Die Doktorarbeit sei jedoch von ihm in mehr als sieben Jahren "mühevollster Kleinarbeit" verfasst worden und "kein Plagiat". Bis zum Abschluss der Überprüfungen durch die Universität Bayreuth wolle er aber "vorübergehend auf das Führen des Titels verzichten".

"Die Menschen in diesem Lande erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Verteidigungsministers mit voller Kraft kümmere, und das kann ich auch", wies der CSU-Politiker dagegen alle Rücktrittsforderungen zurück. Dabei verwies er auf seine "Verantwortung für die Soldaten im Einsatz" und auch auf den aktuellen Angriff in Afghanistan, in dessen Folge deutsche Soldaten starben.

Zwar entschuldigte sich Guttenberg am Freitagnachmittag für seinen missratenen Medienauftritt. Auf den Wunsch, er solle sich kritischen Fragen stellen, ging er jedoch nicht ein.

Bei GuttenPlag Wiki  tragen User unterdessen immer weitere Belegstellen für nicht kenntlich gemachte Zitate in Guttenbergs Doktorarbeit zusammen. Inzwischen werden rund 120 Stellen aufgelistet.

Koalitionskreise vermuten Ghostwriter

Grüne und SPD verlangten eine Erklärung zu den Vorwürfen im Bundestag. Nach Ansicht von Linksfraktionschef Gregor Gysi wird Guttenberg über die Affäre stürzen. Ein Hauptgrund sei, dass er sich das Image der Wahrheitsliebe gegeben und entsprechend mehrfach harte personelle Konsequenzen in der Truppe gezogen habe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht zu ihrem Verteidigungsminister. Sie bescheinigte Guttenberg ein "sehr offensives" Vorgehen in der Affäre. Zur Frage, ob Guttenberg noch zu halten sei, wenn sich die Plagiatsvorwürfe bestätigten, wollte sie sich allerdings nicht äußern.

Nun ist die Universität Bayreuth am Zuge. Sie setzte Guttenberg bereits am Donnerstag eine Frist von zwei Wochen, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dann wird sie über mögliche Sanktionen entscheiden, die bis zur Aberkennung des Doktortitels reichen können.

Führende Koalitionskreise gehen nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" davon aus, dass Guttenberg seine Doktorarbeit trotz gegenteiliger Beteuerungen "nicht selbst geschrieben hat".

Diese Vermutung lege sowohl das Ausmaß der plagiierten Stellen als auch die Tatsache nahe, dass die Einleitung des 475-Seiten-Werkes schon mit einem Plagiat beginne, heißt es demnach. Schließlich sei "die Einleitung das Persönlichste überhaupt".

böl/AFP/dpa