Umstrittene Ehrung Struck lehnt Bundesverdienstkreuz für Sepp Blatter ab

Nach dem Wunsch des DFB soll Fifa-Boss Blatter noch während der WM das Bundesverdienstkreuz erhalten. Innenminister Schäuble will es "mit Freude" überreichen. Doch immer mehr Politiker, darunter SPD-Fraktionschef Struck, meinen, der umstrittene Verbandsboss sei der Ehre nicht würdig.


Berlin - Die Geschichte begann gestern mit einem Artikel im "Handelsblatt". Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe Bedenken gegen die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Fifa-Chef Joseph Blatter, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Ministeriumskreise. Grund: In der Schweiz liefen noch staatsanwaltliche Ermittlungen wegen dubioser Fifa-Geschäfte, in die Blatter verwickelt sein könnte. Außerdem habe sich der Weltfußballverband bei der Vergabe von WM-Tickets unkooperativ verhalten.

Joseph Blatter: Konter gegen Verdienstkreuz-Verleihung
AP

Joseph Blatter: Konter gegen Verdienstkreuz-Verleihung

Das Innenministerium dementierte umgehend - besorgt, dass eine Konfrontation mit dem mächtigen Fifa-Boss so kurz vor der WM zum Skandal ausarten könnte. In der Bundespressekonferenz ließ Sportminister Schäuble gestern durch einen Sprecher mitteilen, er habe "keine Bedenken, im Gegenteil". Er werde Blatter das Bundesverdienstkreuz "mit Freude" überreichen. Wann, das sei noch nicht klar, weil das Bundespräsidialamt noch prüfe, ob Blatter der Ehre auch würdig sei. Es werde jedoch noch im Laufe der WM geschehen, versicherte ein Sprecher des Ministeriums SPIEGEL ONLINE.

Dass Blatter, den seit Jahren Korruptionsvorwürfe begleiten, der Ehre nicht würdig ist, finden allerdings immer mehr deutsche Politiker. Seit dem "Handelsblatt"-Artikel und Schäubles Replik wird der Chor der Kritiker immer größer. Grünen-Chef Reinhard Bütikofer sagte der "Welt", es wäre "geschmacklos, Herrn Blatter das Bundesverdienstkreuz zu geben, während die Staatsanwaltschaft noch der Frage nachgeht, ob er möglicherweise im Zusammenhang mit zweifelhaften Vorgängen bei der Vermarktung von Fernsehrechten eine Mitverantwortung trägt".

Michael Müller (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium, wetterte in der "Berliner Zeitung", das "feudale Gehabe von Sportfunktionären" dürfe nicht auch noch belohnt werden. Heute meldete sich auch noch SPD-Fraktionschef Peter Struck zu Wort. "Ich sehe dafür keine Notwendigkeit", sagte Struck in Berlin. "Ich würde es ihm nicht geben." Entscheiden müsse dies aber der Bundespräsident.

Die Idee, Blatter den höchsten deutschen Orden zu verleihen, kommt ursprünglich vom DFB. Ex-Innenminister Otto Schily hatte dem zugestimmt, um Blatter für die Vergabe der WM an Deutschland zu danken. Der DFB hatte Blatter bereits diese Woche beim Fifa-Kongress in München auszeichnen wollen und dies auch in die Öffentlichkeit lanciert. Dieses forsche Lobbying kam jedoch im Innenministerium schlecht an.

Jetzt liegt der Ball bei Bundespräsident Horst Köhler, der sich jedoch nicht in die Karten schauen lassen will. "Das Verfahren läuft", ist der einzige Kommentar aus Schloss Bellevue. Köhler entscheidet also, Schäuble muss verleihen. Auch deshalb sind die Bedenken des Innenministeriums nachvollziehbar: Kein Spitzenpolitiker lässt sich gern mit jemandem ablichten, über dem ein ungeklärter Korruptionsverdacht schwebt.

Hintergrund der Skepsis ist die sogenannte ISL-Affäre. Im Schweizer Kanton Zug ermittelt ein Untersuchungsrichter immer noch gegen Unbekannt wegen "untreuer Geschäftsbesorgung zum Nachteil der Fifa". Der Vorwurf: Der 2001 Bankrott gegangene Fernsehrechtevermarkter ISL soll Fifa-Funktionäre bestochen haben, um die Übertragungsrechte für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 zu erhalten. Der britische Journalist Andrew Jennings beschreibt in seinem Buch "Foul", wie Blatter höchstpersönlich die Leo-Kirch-Firma ISL bei dem Rechtepoker im Jahr 1996 bevorzugt haben soll. Blatter bestreitet die Vorwürfe vehement.

cvo



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