Umstrittene Interviews "Junge Freiheit" kapert Piratenpartei

Gegenwind für die Piraten: Der stellvertretende Vorsitzende hat der rechtslastigen Wochenzeitung "Junge Freiheit" ein Interview gegeben, der Parteichef verteidigt ihn. Für Blogger eine Steilvorlage, sie kritisieren die politische Naivität der Piratenspitze.
Piraten-Chef Seipenbusch: "Mit Schmuddelkindern spricht man nicht"

Piraten-Chef Seipenbusch: "Mit Schmuddelkindern spricht man nicht"

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Hamburg - Der Aufschrei im Internet ist groß: "Unwählbar" habe sich die Piratenpartei gemacht, heißt es in Kommentaren. Etliche Blog-Beiträge  befassen sich mit einem Interview, das der stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei der nationalkonservativen "Jungen Freiheit" gegeben hat und das am vergangenen Freitag erschien.

Denn die Berliner Wochenzeitung ist umstritten. Bis 2005 warf der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz dem rechtsgerichteten Blatt vor, sogar "rassistische, antisemitische und demokratiefeindliche Texte" veröffentlicht zu haben. Einen seriösen Anstrich versucht sich die "Junge Freiheit" über ihre Interviewpartner zu geben, darunter Bundestagsabgeordnete von Union und SPD.

Viele von ihnen wissen nicht, dass sie sich an den rechten Rand begeben und plötzlich in einer Liste mit extremen Rechten genannt werden. So auch Piraten-Vize Andreas Popp, der sich im Nachhinein in seinem Blog bei den Piraten-Anhängern für das Interview entschuldigt hat - auf eine Art, die erstaunliche Naivität ausstrahlt und die Debatte im Netz erst richtig anheizt. 

Popp schreibt, er habe eine E-Mail mit dem Titel "Eilige Interviewanfrage" und der Bitte um Rückruf erhalten. Die Zeitung sei ihm "überhaupt nicht bekannt gewesen", also habe er sich nichts dabei gedacht. Beim Interview sei er dann "aus allen Wolken gefallen" und habe das Gefühl gehabt, der Interviewer wolle ihm das Wort im Mund herumdrehen. Seine Konsequenz: Künftig will Popp alle Anfragen über die Pressestelle laufen lassen, "insbesondere wenn ich die Interviewer nicht kenne". Er hoffe, klargemacht zu haben, "dass ich mitnichten mit diesen seltsamen Ansichten sympathisiere, die mir da angekreidet werden sollten".

Eigentlich könnte damit alles gesagt sein. Doch die Geschichte geht weiter.

"Mit Schmuddelkindern spricht man nicht", ist ein Text überschrieben , mit dem der Vorsitzende der Piratenpartei, Jens Seipenbusch, seinen Stellvertreter in Schutz nimmt, in Anspielung auf ein 1965 von Franz Josef Degenhardt geschriebenes Lied gegen bürgerliche Spießigkeit. Seipenbusch verteidigt das Interview mit der Zeitung, die "zugegebenermaßen die eigene Schmerzgrenze der Distanz zum rechten Rand bis zum Äußersten belastet, bisweilen überschreitet und die das natürlich absichtlich tut".

Rechtskonservativ ist nicht so schlimm, findet das Presseteam

Er denke an die Leser der Zeitung, nicht an deren Macher, schreibt Seipenbusch. Die wolle er zurück ins demokratische Spektrum holen. Dass die "Linken" sich von der "Jungen Freiheit" distanzieren, hält er für "eher schädlich" und empfindet es als seine "Pflicht", Rede und Antwort zu stehen. Spießigkeit wirft er damit all jenen vor, die das Interview mit der "Jungen Freiheit" verurteilen.

Einen Tag später erscheint ein neuer Piraten-Artikel auf der Web-Seite der "Jungen Freiheit". Jens Seipenbusch hat einen Fragebogen der Zeitung ausgefüllt. Darin gibt er unter anderem Auskunft, was für ihn Heimat bedeute, was ihm seine Eltern mitgegeben hätten und woran er glaube. Das Interview mit Andreas Popp ist auf der Seite auch am Freitag noch prominent verlinkt.

Anruf beim Presseteam der Piratenpartei. Warum denn der Vorsitzende der Piratenpartei einen seichten Fragebogen der "Jungen Freiheit" ausgefüllt hat? Das Thema werde aufgebauscht, ist die Antwort, der Fragenkatalog sei lange vor dem Interview mit Popp ausgefüllt worden. Man habe auch beschlossen, der "Jungen Freiheit" keine Interviews geben zu wollen. Aber das Magazin sei ja nur rechtskonservativ, daran könne man nichts Schlimmes finden.

Und dann sagt der Pressesprecher einen Satz, der den ganzen Mangel an Einsicht zeigt: "Wer zurückrudert, kann nur verlieren."

Klarstellung: Durch eine frühere Fassung des Artikels konnte der Eindruck entstehen, die "Junge Freiheit" werde noch immer vom Verfassungsschutz überwacht.

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