Umstrittene Memoiren "Typischer Schröder, arrogant und überheblich"

Die Schelte reißt nicht ab. Altkanzler Schröder muss sich heftige Kritik für seine Bewertung der Amtsführung von Kanzlerin Merkel anhören. Aus der Union heißt es, er sei arrogant und überheblich. Die Gescholtene selbst will sich nicht zu den Vorwürfen äußern.


Berlin - Die Bundesregierung will Schröders Äußerungen nicht kommentieren. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sprach heute lediglich von einer "munteren Diskussion". Es sei nicht verwunderlich, wenn es bei einer grundsätzlichen Darstellung von sieben Jahren Rot-Grün unterschiedliche Perspektiven und Meinungen gebe, sagte Wilhelm. Auch Angela Merkel selbst wolle nicht auf die Kritik ihres Amtsvorgängers eingehen. "Für die Bundeskanzlerin sehe ich jetzt nicht die Rolle, über die Bewertung ihres Vorgängers ein Urteil abzugeben", sagte Wilhelm in Berlin. Die Stellungnahmen stünden für sich.

Unions-Politiker hatten zuvor die Aussagen Schröders empört zurückgewiesen. "Das nennt man im Fußball Nachtreten. Und da gibt's normalerweise die Rote Karte", sagte Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach heute dem Nachrichtensender N24. Schröders Äußerungen seien stillos. "Ich glaube, dass er im Kern die Wahlniederlage noch nicht verwunden hat."

CSU-Generalsekretär Markus Söder sagte demselben Sender: "Der typische Schröder, wie wir ihn kennen. Arrogant und überheblich." Für den Altkanzler hätten alle anderen Schuld an "erfolglosen sieben Jahren Rot-Grün, was Arbeitslosigkeit, Schulden betrifft". Söder bewertete die Schröder-Memoiren als "eigene Helden-Stilisierung."

Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt sagte der "Sächsischen Zeitung": "Herr Schröder ist gescheitert und aus dem Amt geflüchtet. Deswegen ist er denkbar ungeeignet, seiner Nachfolgerin Ratschläge zu erteilen," sagte der Christdemokrat.

Sein baden-württembergischer Amts- und Parteikollege Günther Oettinger sagte in Berlin, die Politik habe genug "Basta" erlebt. Schröder wäre falsch beraten, wenn er nun in die Tagespolitik eingreife.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) betonte: "Wie man eine Karriere beendet, kann man sehr gut an Michael Schumacher sehen."

SPD-Chef Kurt Beck bezeichnete die Kritik aus der Union an der Autobiografie Schröders als "völlig überzogen". Das Buch zeichne sich durch große Sachlichkeit und Nüchternheit aus, sagte Beck nach einer Vorstandssitzung seiner Partei. Niemand könne sich dadurch beleidigt fühlen. Eine Belastung für die Große Koalition sehe er darin nicht.

Den Vorwurf Schröders, Teile der Gewerkschaften hätten seinerzeit auf seinen Sturz hingearbeitet, wollte Beck nicht kommentieren. "Das ist seine Betrachtung, und ich akzeptiere das", sagte der SPD-Chef.

Von Gewerkschaftsseite hagelt es indes weiterhin Kritik. Sie hätten beim Niedergang der rot-grünen Koalition keinesfalls die von Schröder angeprangerte führende Rolle gespielt. So erklärte DGB-Chef Michael Sommer mit Blick auf die SPD: "Nicht wir haben Wahlen verloren, sondern sie haben Wahlen verloren." Schon beim Abgang von Willy Brandt und Helmut Schmidt sei behauptet worden, die Gewerkschaften hätten sie gestürzt, "und jetzt ist Schröder der Dritte", sagte Sommer in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". "Die sollten sehr viel mehr darüber nachdenken, was sie verantwortet haben, dafür, dass sie die Wahlen verloren haben", erklärte der Gewerkschafter. Zur Kritik des Ex-Kanzlers an seiner eigenen Rolle nahm Sommer nicht Stellung. Schröder hatte Sommer im SPIEGEL zu wenig Standfestigkeit vorgeworfen: Auf die Frage, ob er möglicherweise zu wenig getan habe, um jemanden wie Sommer auf seine Seite zu ziehen, hatte Schröder erklärt: "Wenn Sie jemanden ziehen, dann muss er anschließend auch stehen und nicht ständig umfallen."

Sommers frühere Stellvertreterin Ursula Engelen-Kefer wies den Vorwurf Schröders, führende Gewerkschafter wie IG-Metall-Chef Jürgen Peters und ver.di-Chef Frank Bsirske hätten systematisch auf seinen Sturz hingearbeitet, als "dummes Zeug" zurück. Die Gewerkschaften hätten nach der Ära Kohl auf eine andere Regierung gehofft und seien vom Kurs der Schröder-Regierung sehr enttäuscht gewesen. Kern des Problems sei es gewesen, "dass es nicht mehr gelungen ist, ernsthaft miteinander über vernünftige Lösungen zu reden", sagte Engelen-Kefer heute im NDR.

Peters selbst hatte die Angriffe bereits in der "Welt am Sonntag" scharf zurückgewiesen und erklärt, er habe gehofft, dass Schröder inzwischen "in der Lage gewesen wäre, ehrlich in den Spiegel zu schauen und eigene Fehler und die Folgen seiner Politik zu sehen". Der Gewerkschafter hatte hinzugefügt: "Wer mehr als zehn Wahlen hintereinander verliert, sollte die Verantwortung nicht bei anderen suchen, sondern zumindest im Nachhinein seine Politik überprüfen."

In den am Donnerstag erscheinenden Erinnerungen Schröders mit dem Titel "Entscheidungen. Mein Leben in der Politik" schreibt der ehemalige Bundeskanzler, Teile der Gewerkschaftsführung hätten systematisch auf seinen Sturz hingearbeitet. Peters und Bsirske sei es nicht nur mehr um Änderungen an Details der Agenda 2010 gegangen, "vielmehr wollten sie das Reformprogramm als solches und damit verbunden mich als Bundeskanzler zu Fall bringen".

Auch in seiner eigenen Partei hat Schröder mit seiner Gewerkschaftsschelte Kritik ausgelöst. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis sagte im ZDF, sie hoffe, dass Schröders Memoiren nicht bewirkten, "dass die Zusammenarbeit zwischen SPD und Gewerkschaften noch stärker belastet wird".

ler/ddp/dpa/AP

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