Umstrittene Predigt Meisner bedauert Holocaust-Vergleich

Der Kölner Erzbischof Joachim Meisner hat seinen Vergleich von Abtreibungen mit den Verbrechen Hitlers und Stalins bedauert. Hätte er geahnt, dass er so missverstanden werde, hätte er "seine Erwähnung" unterlassen, sagte der Geistliche.


Kardinal Meisner: "Es tut mir Leid"
DDP

Kardinal Meisner: "Es tut mir Leid"

Köln - "Es tut mir Leid, dass es dazu gekommen ist", sagte Meisner. Die Äußerungen Meisners vom Dreikönigstag waren auf scharfe Kritik gestoßen. So hatte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, erklärt, wenn Meisner den NS-Völkermord mit heutigen Abtreibungen gleichsetze, beleidige er damit Millionen Holocaust-Opfer.

Die Bundespartei der Grünen und die "Initiative Kirche von unten" hatten eine Entschuldigung Meisners gefordert. Er habe die Holocaust-Opfer beleidigt und auch die Frauen, die sich in einer schwierigen existenziellen Notsituation befänden, sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. Das ökumenische Netzwerk "Initiative Kirche von unten" warf Meisner "beleidigende und volksverhetzende Äußerungen" vor. Er habe der katholischen Kirche und dem jüdisch-christlichen Dialog großen Schaden zugefügt. Das Kölner Bündnis "Gemeinsam gegen Sozialraub" kündigte heute einen Strafantrag wegen Volksverhetzung gegen den Kardinal an. Die nordrhein-westfälische FDP nannte Meisners Worte "eine schlimme Entgleisung".

Der als erzkonservativ geltende Kardinal hatte in seiner Predigt im Kölner Dom gesagt: "Wo der Mensch sich nicht relativieren und eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht."

Der Kindermord von Herodes, an den die katholische Kirche jährlich am 28. Dezember erinnert, ist historisch nicht belegt. Viele Theologen halten die Geschichte, die sich im Lukas- und Matthäusevangelium findet, für eine frühchristliche Parallelerzählung zur alttestamentlichen Moses-Legende. Dass Meisner die Herodes-Saga in seiner Predigt in eine Reihe mit historischen Ereignissen setzte, stieß auch innerhalb der Kirche auf Befremden.

Ein Sprecher des Erzbistums warf Kritikern und Medienvertretern vor, die Äußerungen Meisners aus dem Zusammenhang gerissen zu haben. Die Kritik an diesem Text übersehe, dass der Kardinal mit keinem Wort die Einzigartigkeit des Genozids an den Juden unter Hitler relativiert habe. Der Vergleich von heute mit den Zeiten unter Herodes, Hitler und Stalin beziehe sich allein darauf, dass Verfehlungen am menschlichen Leben geschehen sind, weil sich Menschen zum Herrn über das Leben machten.

In der Dokumentation der Predigt werde nun der Hinweis auf Hitler getilgt. "Denn damit bleibt die Aussageabsicht des Textes ganz erhalten: Wo der Mensch sich selbst zu Gott macht, dort verfehlt er sich am Leben", erklärte Meisner weiter.



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