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16. Juni 2007, 19:42 Uhr

Umstrittener Moscheebau

Die zwei Welten von Köln

Von , Köln

Der Bau der größten Moschee im Land spaltet Köln. Die Bürgerbewegung "Pro Köln" demonstrierte in der Rheinmetropole gegen das Projekt, demokratische Parteien, Gewerkschaften und Kirchen riefen zur Gegenkundgebung auf. Verunsicherte Bürger sorgen sich um Parkplatzprobleme und Rassismus.

Köln - Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes (SPD) und der Generalsekretär der Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) Mehmet Yildirim stehen in der Sonne neben einer Shell-Tankstelle in Köln-Ehrenfeld. Sie halten rote Rosen in den Händen und Flyer, mit dem Kölner Dom, der Synagoge und einer gezeichneten Moschee.

Rechte Moschee-Gegner: Demonstranten von "Pro Köln"
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Rechte Moschee-Gegner: Demonstranten von "Pro Köln"

50 Meter Luftlinie warten etwa 150 Demonstranten und Sympathisanten der Bürgerinitiative "Pro Köln".

Sie haben sich auf der anderen Seite der Venloer Straße versammelt. Nicht weit entfernt von dem Gelände, wo die Ditib heute eine Moschee auf einem alten Fabrikgelände betreibt und bald eine neue große Moschee mit Kuppel und Minaretten gebaut werden soll. So hat es zumindest die Kölner Politik entschieden - alle Parteien stimmten für den Bau. Nur "Pro Köln" ist dagegen.

Ein Mann in schwarzem Anzug huscht an Scho-Antwerpes vorbei. "Das ist einer von Pro Köln", murmelt die Bürgermeisterin. "Leider grüßt der mich immer, das ist schrecklich." Sie will nichts zu tun haben mit der Bürgerbewegung, die der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz beobachtet, weil sie mit ihrer "allgemeinen und pauschalen Diffamierung von Ausländern im Verdacht steht, gegen die Menschenwürde zu verstoßen". Die Bürgerinitiative "Pro Köln" wird im Verfassungsschutzbericht als Organisation mit rechtsextremen Bestrebungen aufgeführt und sitzt seit 2004 mit fünf Abgeordneten im Kölner Stadtrat.

Zur Kundgebung hat "Pro Köln" sich Verstärkung vom rechten Rand aus Österreich und Belgien geholt - den Chef der rechtspopulistischen FPÖ, Heinz-Christian Strache, und Bart Debie von der rechtsextremen Partei "Vlaams Belang" aus Antwerpen. "Pro-Köln"-Männer mit sehr kurzen Haaren und solariengebräunten Gesichtern stehen mit weißen Ordnerbinden hinter der Polizeiabsperrung, einige Dutzend Bürger warten, bewaffnet mit Deutschlandflaggen und Holzkreuzen, auf den prominenten Besuch. Ein paar Jugendliche mit Eisernen-Kreuz-Ketten und Sweatshirts der Marke "Pitbull" haben sich darunter gemischt. Etwas darüber sagen, warum sie hier sind, wollen sie nicht.

Andere dafür umso mehr: Bernd Schöppe von "Pro Köln" sieht in dem Bau der Moschee einen "weiteren Schritt zur Islamisierung Europas". Auch Thomas Bendt glaubt, dass mit der Moschee ein islamistisches Machtsymbol gesetzt werden solle. Offen werde die Moschee nicht agieren, sagt er. "Wenn Männer und Frauen in der neuen Moschee getrennt beten werden, ist das nicht die Freiheit, die wir wollen." Eine Frau, die ihren Namen nicht sagen will, glaubt gar, wenn die Muslime erstmal genug seien, würden sie den Kölner Dom angreifen. Irgendwo möchte sie doch auch noch zu Hause sein und nicht denken, sie sei in einer fremden Stadt.

"Rote Karten gegen Rassismus"

Auf den Balkonen über der von Polizisten bewachten Versammlung beobachten Ehrenfelder Anwohner das Geschehen. Sie haben Schilder, "Rote Karten gegen Rassismus", aufgehängt. Linke Gegendemonstranten von der Antifa gröhlen "Nazis raus". Plötzlich kommt Unruhe auf bei den rechten Moschee-Gegnern. Kurz bevor der FPÖ-Chef Strache die Versammlung erreicht und sich mit schnellen Schritten unter die "Pro-Köln"-Sympathisanten mischt, steigt Nebel auf. Die Polizei vermutet zunächst eine Rauchbombe, kann es aber nicht abschließend klären.

Runde Schilder mit einer durchgestrichenen Moschee werden ausgepackt, aus dem Demonstrationswagen von "Pro Köln" tönt laute klassische Musik. Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Anführer des Schweigemarsches tragen ein großes Transparent. Darauf zitieren sie Ralph Giordano: "Es gibt kein Grundrecht auf den Bau einer Großmoschee." Der jüdische Schriftsteller und Holocaustüberlebende hatte sich - wie "Pro Köln" - scharf gegen den Bau der Moschee ausgesprochen - nun spannen ihn die Rechten vor ihren Karren. Giordano wehrt sich heftig dagegen, von "Pro Köln" instrumentalisiert zu werden und erklärte die rechte Initiative"Pro Köln" zu der "lokalen Variante des Nationalsozialismus".

Lesen Sie in Teil 2: Wie Bürger Kölns auf den Moscheebau und die Demonstration der Bürgerinitiative reagieren

In Köln bleibt die Lage an diesem Samstag weitgehend ruhig. Rund 1000 Beamte hat die Polizei im Einsatz. Später wird bekannt, dass andere rechtsgerichtete Demonstranten eine eigene "Spontandemo" veranstaltet hatte, wie die Polizei mitteilt. Diese sei aufgelöst worden, rund 100 Personen in Gewahrsam genommen worden, erklärte ein Polizeisprecher. Mehrere hundert Bürger folgen dagegen einem Aufruf von Gewerkschaften, Parteien und Verbände für den Moscheebau. "Zur Religionsfreiheit gehört es auch, dass Muslime in Köln eine repräsentative Moschee bauen dürfen", sagt Kölns DGB-Vorsitzender Wolfgang Uellenberg van Dawen.

Vor dem Ehrenfelder Bezirksrathaus dagegen sind andere Töne zu hören. Dort hält FPÖ-Chef Strache seine Ansprache: "Wir wollen die Domglocke hier und nicht das Minarett" und "die linken Gegendemonstranten leben von unseren Sozialleistungen", ruft er. Björn Clemens, ein "Pro Köln"-Sympathisant aus Düsseldorf, spricht ebenfalls. "Wer glaubt, im Islam verhaftet zu sein, soll zurück in seine Heimat gehen. Schnürt euren Ranzen und geht nach Hause," ruft er.

Ratlose und besorgte Bürger

Der Kuppelbau, der zwei fünfundfünfzig Meter hohe Minarette haben soll, wird die größte Moschee Deutschlands sein. Rund 2000 Gläubigen bietet er Platz zum Beten. Seitdem Giordano an die Öffentlichkeit gegangen ist, wird auch in überregionalen Medien über das Projekt vermehrt geschrieben. Zuletzt meldete sich der in Köln lebende Schriftsteller Dieter Wellershoff mit einem abwägenden Aufsatz in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu Wort. Titel seines Beitrags: "Wofür steht die Kölner Moschee?"

Diese Frage scheinen sich auch viele Bürger zu stellen, die dem Bau der Moschee skeptisch gegenüber stehen, aber nichts mit "Pro Köln" zu tun haben wollen. In letzter Zeit, so glaubt eine Ehrenfelderin, die selbst für den Bau der Moschee ist, sei die Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung gestiegen. "Pro Köln" aber hetze die Menschen auf. "Dabei sind die Kölner nicht so, sie wollen mehrere Kulturen", sagt sie.

"Ich habe Angst, ich weiß gar nicht genau wovor, am meisten wohl vor den Rechten", sagt eine ältere Dame mit sorgfältig gelegten Locken. Sie sei nicht dagegen, dass Kölns Muslime eine neue Moschee bekommen, aber sie sorge sich "als Anwohnerin um die Verkehrsprobleme", die entstünden.

Eine Einzelhandelsfrau aus Ehrenfeld steht auf dem Bürgersteig und erklärt: "Ich fürchte mich einfach davor, dass sich fundamentalistische Muslime immer weiter ausbreiten." Aber es sei kaum möglich, diese Angst differenziert zur Sprache zu bringen, denn dann werde man gleich in die rechte Ecke gestellt. "Dabei finde ich Pro Köln grässlich". Es gebe nur diese beiden Seiten, die "ganz linken jungen Demonstranten und die Rechten von Pro Köln", die wahrgenommen würden. Das sei traurig, sagt sie. Und fügt an: "Wie eine absurde Kirmes."

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