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Umstrittenes Internetsperrgesetz Familienministerin Schröder rüffelt von der Leyen

Neuanfang im Kampf gegen Kinderpornografie: Familienministerin Kristina Schröder kritisiert im SPIEGEL-ONLINE-Interview indirekt ihre Vorgängerin Ursula von der Leyen. Sie plant ein Bündnis mit der Netzgemeinde, um problematische Inhalt im Internet zu löschen, anstatt zu sperren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, Sie sind Internetfan - Sie twittern, Sie sammeln Freunde auf Facebook, kennen sich im Netz aus. Gibt es eigentlich auch Dinge, die Sie persönlich im Web nerven?

Schröder: Ich twittere ja sehr gern, aber seitdem ich Ministerin bin, fällt mir das deutlich schwerer. Da werden widersprüchliche Erwartungen gestellt: Man soll sich gefälligst kurz ausdrücken. Andererseits: Wenn man auf diesem knappen Raum eine politische Botschaft unterbringt, heißt es, die sei doch nicht wirklich fundiert. Neulich bin ich gefragt worden, was meine Familienpolitik ausmacht. Was soll ich da antworten, in 140 Zeichen?

SPIEGEL ONLINE: Für Sie ist das Internet nun auch als Familienministerin das große Thema, Sie übernehmen die Baustelle des umstrittenen Sperrengesetzes. Wie werden Sie damit umgehen?

Schröder: Wir haben zwar dieses Gesetz, aber wir werden die Sperren nicht anwenden. Stattdessen konzentrieren wir uns aufs Löschen kinderpornografischer Darstellungen im Netz. Denn auch diese Möglichkeit bietet das Gesetz.

SPIEGEL ONLINE: Der Bundestag hat ein Gesetz verabschiedet, der Bundespräsident hat es unterzeichnet - aber Sie wollen es nicht anwenden. Das ist doch skurril.

Schröder: Ganz so ist es ja nicht. Zugegeben, das ist juristisch ein interessantes Konstrukt. Aber es gibt jetzt einen glasklaren Erlass des Innenministeriums: Es wird keine Sperrlisten geben. Löschen ist sehr viel besser als jedes Sperren. Löschen ist der Königsweg. Wir werden das jetzt ein Jahr beobachten und dann Bilanz ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Streben Sie ein Löschgesetz an?

Schröder: Möglicherweise brauchen wir später noch weitere gesetzliche Regelungen. Aber eigentlich steht schon jetzt alles Nötige im Gesetz, wir haben eher ein Problem in der Umsetzung des Löschens.

SPIEGEL ONLINE: Das umstrittene Gesetz ist unter Ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen entwickelt worden. Was hat sie falsch gemacht?

Schröder: Ihr Anliegen war hundertprozentig richtig, wir müssen etwas gegen Kinderpornografie tun. Der Schutz von Kindern hat oberste Priorität - online wie offline. Aber vielleicht hat die Debatte auf allen Seiten daran gekrankt, dass sehr schnell Feindbilder entwickelt wurden. Die Akteure haben einfach zu wenig miteinander geredet .

SPIEGEL ONLINE: Kritiker nannten von der Leyen am Ende nur noch "Zensursula" …

Schröder: Sicher wäre es besser gewesen, die Internetcommunity mehr einzubinden. Ich habe das selbst gemerkt. Wenn ich mit meinen Wiesbadener Piraten diskutiere, dann kann das auch sehr konstruktiv sein. Ich werde demnächst auch deren Stammtisch besuchen. Natürlich sind da manche sehr speziell, keine Frage. Aber wir sind uns doch weitgehend einig: Wir wollen ein möglichst freies Internet und keine Kinderpornografie.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Aussöhnung alter Gegner.

Schröder: Ich wünsche mir die Unterstützung der Internetgemeinde, wir müssen gemeinsam überlegen, wie das Löschen zu verbessern ist. Was tun wir, wenn es trotz aller Bemühungen nicht klappt? Ein Problem der Debatte waren doch bisher die gegenseitigen Angriffe. Die einen unterstellten gelegentlich, dass die Netzsperrenkritiker kein Problem mit Kinderpornografie hätten. Das war eine miese Unterstellung. Auf der anderen Seite hieß es, die Befürworter wollten eine Zensur wie in China oder der DDR. Das war ebenfalls mies.

SPIEGEL ONLINE: Was tun?

Schröder: Vielleicht gelingt es uns nach allem, was schief gelaufen ist, mit einer neuen Gesprächskultur, auch bessere Lösungen zu finden. Die riesige Fachkompetenz der Internetwelt kann da nur helfen. Die Argumente gegen das Sperren sind zum großen Teil doch bedenkenswert: Die Sperren sind sehr leicht zu umgehen; und ich verstehe die Skepsis gegen das Zustandekommen der Sperrlisten. Da können immer auch Fehler passieren. Ich will andere Wege finden.

SPIEGEL ONLINE: Was also wollen Sie konkret machen?

Schröder: Ich werde noch in diesem Sommer das Forum Internet ins Leben rufen, eine Plattform, die sich mit der Netzpolitik der Zukunft befassen soll. Ich will die Kompetenz des Internet einbinden, um neue Lösungen zu finden. Das muss jetzt schnell gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll daran teilnehmen?

Schröder: Es gibt noch keine abschließende Liste. Aber da will ich zum Beispiel den Chaos Computer Club einladen, auch einen Vertreter von netzpolitik.org. Alle, die sich bei netzpolitischen Fragen engagieren, sind willkommen. Wir müssen verhärtete Fronten aufbrechen. Daher werden jetzt keine Seiten gesperrt; ein Erfolg der Kritiker.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Erfolg der Piratenpartei?

Schröder: Die Community besteht ja nicht nur aus Piraten, aber sicherlich haben die eine wichtige Rolle gespielt. Aber den Piraten sage ich auch: Okay, das habt ihr hinbekommen, aber jetzt sagt uns nicht immer nur, was nicht geht, sondern bitte auch, was geht.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Piratenpartei auch zu Ihrem Forum einladen?

Schröder: Die Einladung von Parteien ist nicht geplant. Aber Aktivisten der Piraten werden sicherlich über andere Funktionen dabei sein.

"Ich lese sämtliche Antworten auf meinen Twitter-Feed"

SPIEGEL ONLINE: Eine Studie der Uni Cambridge zeigte jüngst, dass gemeldete Phishing-Seiten, die Bankdaten ausspähen, im Schnitt nach 4,3 Stunden aus dem Netz gelöscht sind - weil die Banken massiv Druck machen. Bei Kinderpornos dauert das im Schnitt 719 Stunden.

Schröder: Wir müssen den Druck intensivieren, es mangelt nicht am politischen Willen in Deutschland. Wir müssen das nur effektiver machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine konkrete Idee haben Sie noch nicht?

Schröder: Doch, aber ich will gerade nicht mit fertigen Lösungen in ein solches Forum gehen. Was aber klar ist: Wir brauchen auch internationale Abkommen. Bisher ist das Problembewusstsein noch nicht überall stark genug ausgeprägt. Ich merke aber, dass das Thema jetzt auch weltweit in der Politik angelangt ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Teil kinderpornografischer Darstellungen liegt auf US-Servern. Haben Sie schon Kontakt zu den Amerikanern aufgenommen?

Schröder: Genau das werde ich tun.

SPIEGEL ONLINE: Auch persönlich stehen Sie im Internet vor Herausforderungen, Ihre Facebook-Seite läuft gerade über ...

Schröder: Stimmt, da kann man maximal 5000 Freunde haben - und ich habe jetzt genau 4983. Ich werde also eine sogenannte Fanseite anlegen. Das ist schade, denn da hat man nicht mehr den Livestream, um die Aktivitäten aller mitzuverfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre persönliche Seite - werden Sie die jetzt löschen oder sperren?

Schröder: Weder noch. Aber bei 5000 ist nun Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie überhaupt noch Zeit für Interaktion?

Schröder: Ich lese sämtliche Antworten auf meinen Twitter-Feed. Nur schaffe ich es fast gar nicht mehr, zu reagieren. Manch einer ist verärgert. Aber die Internetcommunity muss sich auch einmal in die Offline-Pflichten eines Politikers hineinversetzen. Dazu gehören etwa Reden im Bundestag, das Verhandeln von Gesetzen oder auch Bürgersprechstunden im Wahlkreis.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit Kritik aus dem Netz um?

Schröder: Damit komme ich gut klar. Nur habe ich meine Eltern jetzt dazu gebracht, den Google News Alert wieder abzustellen. Denn Eltern ertragen das nicht, in den Blogs stehen manchmal auch böse Sachen. Dann regen sie sich nur auf. Aber immerhin: Ich habe Eltern, die Google beherrschen.

Das Interview führten Sebastian Fischer und Roland Nelles