Umstrittenes Nazi-Denkmal Görings Glocke

Eine Glocke mit Hakenkreuzen zu Ehren Hermann Görings, dazu ein unkritischer Erklärtext: Im nordfriesischen Tümlauer-Koog fand man es jahrelang normal, dass dieses Denkmal auf dem Platz für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs steht. Jetzt greift Ministerpräsident Carstensen ein.

SPIEGEL ONLINE

Von , Tümlauer-Koog


Der Kranz ist noch ganz frisch, am Volkstrauertag haben sie ihn hier zur Erinnerung an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs an der Gedenkstätte niedergelegt. Auf Steinen sind die Namen der Toten eingraviert, der Krieg habe "einen sehr hohen Blutzoll" im Tümlauer-Koog gefordert, heißt es in der Chronik der nordfriesischen Gemeinde.

Aber wer hierher kommt, in die Koog-Mitte auf der Halbinsel Eiderstedt nicht weit von Sankt Peter-Ording, dem fallen zunächst nicht die Steine mit den Lebensdaten der gefallenen Soldaten auf. Eine wuchtige Glocke dominiert die Gedenkstätte. Gewidmet dem führenden Nazi, der 1935 anreiste, um das Neuland zu feiern, das dem Meer abgetrotzt wurde, um den Koog einzuweihen und ihm seinen Namen zu geben: Hermann Göring.

Seit 2008 steht die Glocke hier im Tümlauer-Koog, der bis 1945 Hermann-Göring-Koog hieß. Ergänzt wird das Denkmal um eine missverständliche und irreführende Erklärtafel. Drei Jahre lang nahm daran niemand Anstoß, wohl auch deshalb, weil nicht viele Besucher zur Gedenkstätte kommen und wohl nur wenige die Worte auf der Tafel lesen. Bis vor wenigen Tagen: Plötzlich ist die Glocke zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden, in die sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) eingeschaltet hat, um den Ruf seines Bundeslandes zu schützen. Die Glocke wurde dabei zu einem Lehrstück darüber, wie viel Geschichtsvergessenheit sich Amtsträger leisten dürfen.

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Nazi-Glocke im Tümlauer-Koog: Hakenkreuze und Runen
"Göring war ganz in Weiß"

Im Tümlauer-Koog ruht die 1935 vom Reichsnährstand gestiftete Glocke auf ihrem Sockel aus roten Backsteinen wie auf einem Thron: "Das deutsche Bauerntum ist die ewige Blutquelle des deutschen Volkes", ist auf dem silbern gestrichenen Metall zu lesen - Ausdruck der Blut-und-Boden-Ideologie im Nationalsozialismus. Göring, damals Ministerpräsident von Preußen, sollte sich geehrt fühlen, als er die streng nach NS-Rassekriterien ausgewählten Siedler zur Einweihung des Kooges besuchte: Auch sein Name ist auf der Glocke zu lesen, dazu wurden Hakenkreuze, Runen und der Reichsadler eingearbeitet. Der Besuch des Mannes machte damals offensichtlich Eindruck: "Göring war ganz in Weiß", schrieb der Chronik zufolge ein Mädchen in einem Brief, "wir waren ganz weg von diesem Anblick".

Göring blieb nicht lang, dafür aber die Glocke. Ihr Ton sollte die Menschen eigentlich bei Sturmfluten oder Feuern warnen, tatsächlich wurde sie aber immer dann geläutet, wenn im Koog ein Kind auf die Welt kam. Zuletzt konnte man sie nicht mehr ohne Risiko läuten. Risse im Metall. Also kam 2008 eine neue Glocke in den hölzernen Turm. Und die Göring-Glocke kam auf ihren heutigen Platz, die Gemeindespitze hielt das für eine gute Idee.

"Ist kein hochwertiges Material, wahrscheinlich aus dem Metall alter Badewannen zusammengeflickt", sagt der parteilose Bürgermeister Christian Marwig, der damals stellvertretender Chef der Gemeinde war. Die Glocke sollte an einem öffentlichen Ort stehen, darin waren sich die Gemeindevertreter einig. "Warum sollte sie versteigert, verkauft oder versteckt werden?", sagt der 52-Jährige Bürgermeister. Die Glocke gehöre zur Geschichte vom Tümlauer-Koog. Sie sei heute als Mahnmal zu verstehen.

Eine Erklärtafel stellten sie dazu, so wollte das damals auch der Kreis Nordfriesland. Sie hätten sich mehr Zeit lassen oder die Hilfe von Experten heranziehen sollen. Dann wäre wohl aufgefallen, dass bereits der erste Satz irritiert: "Seit 1933 herrscht die NSDAP", lautet er.

Weiter heißt es auf der Tafel, man folge der Ideologie der NSDAP und ihrer Blut-und-Boden-Mentalität heute nicht mehr, aber man müsse sie "akzeptieren als eine Phase unserer Geschichte". Die Gewinnung des Koogs bleibe "eine große Leistung". Der Schlusssatz: "Die ideologische Überhöhung ist auch aus der Not einer bestimmten Epoche zu verstehen."

Kein Wort zum Holocaust und den anderen Verbrechen im Nationalsozialismus. Kein Wort zu Hermann Göring, etwa dazu, dass er für die Einrichtung der ersten Konzentrationslager verantwortlich war und den Auftrag erteilte, die sogenannte "Endlösung der Judenfrage" zu organisieren.

Der Bürgermeister versteht die Aufregung nicht

Marwig findet den ersten Satz der Tafel "unglücklich", glaubt aber nicht, dass eine stärkere Distanzierung von der Zeit des Nationalsozialismus und eine fundiertere historische Einordnung nötig gewesen wären. "Dann hätten wir hier ganz viele Schilder aufstellen müssen", sagt er.

Dabei könnten sie hier oben im Norden viel Aufklärungsarbeit leisten: Die ländliche Bevölkerung war für die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis sehr empfänglich, in Nordfriesland erreichte die NSDAP überdurchschnittliche Wahlergebnisse. Der Hermann-Göring-Koog und der Adolf-Hitler-Koog (heute Dieksanderkoog, Kreis Dithmarschen) waren Vorzeigeprojekte der nationalsozialistischen Machthaber.

Man solle jetzt nur nicht schreiben, dass Tümlauer-Koog ein "braunes Nest" sei, die Gemeinde habe ihre Geschichte gründlich aufgearbeitet, sagt Marwig. Er selbst habe sich damit so intensiv befasst wie kaum ein anderer. In dem Ort wähle niemand die rechtsextreme NPD.

Zum Politikum wurde der Fall durch einen Besucher aus Norderstedt, einer Stadt an der Grenze Hamburgs. Er war vor wenigen Wochen zum Urlaub in Nordfriesland - und fand es befremdlich, die Glocke zu sehen. Er schickte einen Brief an Ministerpräsident Carstensen mit Bildern der Glocke und der Schrifttafel. "Ich halte diese Gedenkstätte für völlig unangemessen und bitte Sie, mir Ihre Meinung dazu mitzuteilen", schrieb der Mann, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Carstensen reagierte schnell. Er antwortete dem Urlauber, schickte auch einen Brief an Marwig und führte ein unmissverständliches Telefonat mit dem Bürgermeister. Die Gedenkstätte sei in ihrer "derzeitigen Gestaltung" nicht akzeptabel, der Erläuterungstext gehe auf die NS-Ideologie ein, "ohne den geschichtlichen Kontext der NSDAP-Herrschaft und ihre fatalen Folgen für Deutschland und Europa zu benennen", heißt es der Kieler Staatskanzlei zufolge in dem Brief des Regierungschefs. Die Texttafel sei zum Teil "geschichtlich falsch und irreführend". Carstensen forderte den Abbau der Glocke.

Marwig versteht die Aufregung nicht. Man müsse wegen der Glocke kein schlechtes Gewissen haben. Er wolle aber auch nicht, dass jetzt Leute in den Ort kommen und sich mit der Glocke fotografieren lassen.

Die Forderung des Ministerpräsidenten will er erfüllen: "Wir werden darauf reagieren."

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