Umstrittenes Wulff-Buch Die 10.000-Euro-Frage

Erst war es Sponsoring - dann doch nicht. Der Autor eines wohlmeinenden Wulff-Buches will sich plötzlich falsch an die Geldspritze eines Unternehmerfreundes des damaligen Ministerpräsidenten erinnert haben. Die SPD fordert Aufklärung vom Bundespräsidenten. Der weiß von nichts.

Bundespräsident Wulff: "An Finanzierungsfragen in keiner Weise beteiligt"
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Bundespräsident Wulff: "An Finanzierungsfragen in keiner Weise beteiligt"

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Berlin - Die fragwürdige Finanzierung eines wohlwollenden Buches bringt Bundespräsident Christian Wulff neue Vorwürfe der Opposition ein. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier unterstellte Wulff mangelnde Transparenz und forderte Aufklärung. "Ich gehe davon aus, dass er sich im Detail dazu in den nächsten Tagen auch äußert", sagte Steinmeier im ZDF.

Der Sozialdemokrat äußerte Zweifel daran, dass Wulff von der möglichen Unterstützung des Buchprojektes durch einen engen Freund nichts gewusst haben soll. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er überhaupt nicht weiß, wie dieses Buch zustande gekommen ist", sagte Steinmeier. "Insofern gehe ich davon aus, dass auch mindestens die groben Umrisse der Finanzierung dieses Buches Herrn Wulff bekannt waren."

Es geht um den 2006 veröffentlichten Gesprächsband "Christian Wulff - Deutschland kommt voran", erschienen im Berliner Be.Bra-Verlag. Das Buch stammt aus der Feder des Publizisten Karl Hugo Pruys, der dafür mehrere Interviews mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten führte und Wulff als "aufsteigenden Stern der deutschen Politik" beschrieb. Das Projekt soll seinerzeit nur dank finanzieller Hilfe des mit Wulff bekannten Filmproduzenten David Groenewold zustande gekommen sein - so zumindest schilderte es Autor Pruys am Montag in einem Telefonat mit SPIEGEL ONLINE. Groenewold habe ihn mit 10.000 Euro unterstützt, sagte Pruys, nur deshalb habe er das Buch überhaupt fertigstellen können.

Inzwischen will Pruys davon nichts mehr wissen. Nun heißt es, er habe das Geld im fraglichen Zeitraum zwar von Groenewold erhalten - allerdings nicht für das Buch, sondern für Beratertätigkeiten. Sein Anwalt Christian-Oliver Moser, der zugleich auch Groenewold vertritt, geht massiv gegen anderslautende Berichterstattung vor. Der Anwalt verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Pruys wegen seines angeblich angegriffenen Gesundheitszustands unter Betreuung stünde.

Der heute 73-jährige Pruys hatte jedoch auch gegenüber anderen Medien die großzügige Geldspritze des Filmemachers eingeräumt. In einem am Dienstag ausgestrahlten Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sprach der Publizist von einer "fruchtbaren" Zusammenarbeit mit Groenewold, für die er diesem ausgesprochen dankbar sei. Auf die Frage der TV-Reporter, ob Groenewold ihm das Autorenhonorar bezahlt habe, sagte Pruys: "Ja, er hat das unterstützt." Inhaltlich habe Groenewold keinen Einfluss auf das Buch genommen. "Das war ein richtiges, offenes Sponsoring, wie es üblich ist."

Dieses "Sponsoring" - sollte es so stattgefunden haben - lässt aufhorchen, weil es erneut ein Schlaglicht auf eine mögliche Vermischung der privaten Netzwerke Wulffs mit seinem politischen Wirken werfen könnte. Groenewold und Wulff haben sich 2003 kennengelernt, im Jahr 2005, in dem die 10.000 Euro von Groenewold an Pruys flossen, setzte sich Wulff als Ministerpräsident für den Erhalt sogenannter Filmfonds ein. Ein Geschäftsmodell, mit dem Groenewold damals sein Geld verdiente.

10.000 Euro Honorar - aber wofür?

Nach dem Gespräch zwischen SPIEGEL ONLINE und Pruys hatten Groenewold und Anwalt Moser bei dem Publizisten offenbar interveniert. Man habe "gemeinsam versucht, Herrn Pruys in die Erinnerung zurückzuführen, wie sich die Ereignisse damals abgespielt haben", sagte der Anwalt dem ZDF. Pruys habe "dann auch ganz klar von sich aus und ohne Druck" erkannt: "Ja, stimmt, das Honorar steht mit dem Buch selber überhaupt nicht in Zusammenhang. Ich habe ja ganz andere Dinge damals geleistet." So schildert es Moser.

Groenewold hat Pruys 2005 demnach zwar bezahlt. Angeblich aber nicht für den Wulff-Band, der seinerzeit noch nicht abgeschlossen war. Stattdessen habe Pruys für Groenewold Unternehmensbroschüren textlich überarbeitet und ihm Rhetoriktraining erteilt. Der Anwalt präsentierte auch eine entsprechende eidesstattliche Versicherung, die der Autor am Dienstag unterzeichnet haben soll. Darin erklärt Pruys sinngemäß, dass er infolge seines bereits seit längerem angeschlagenen Gesundheitszustands nur eingeschränkt in der Lage sei, Auskünfte zu geben.

Der Bundespräsident gibt sich derweil ahnungslos - wie schon im früher bekannt gewordenen Fall des Interviewbuches "Besser die Wahrheit", bei dessen Vertrieb der AWD-Gründer und Wulff-Freund Carsten Maschmeyer 2007 mit einer Werbekampagne eifrig mitgeholfen hatte. Auch für das Pruys-Buch teilte der Anwalt des Bundespräsidenten, Gernot Lehr, mit, der "unterstellte Sachverhalt" sei Wulff nicht bekannt. Und weiter: "Die Mitwirkung von Herrn Wulff beschränkte sich ausschließlich darauf, dass er einige Interviewtermine ermöglichte. Die Verantwortung für das Buch lag ausschließlich bei dem Verlag und dem Autor."

Nicht nur der Opposition reichen solche Erklärungen nicht mehr aus. Auch in der Union wurden am Mittwoch Stimmen laut, die Wulff und seine Anwälte dazu aufforderten, alle bisherigen Fragen und Antworten in der seit Wochen andauernden Kreditaffäre zu veröffentlichen - so wie es der Präsident im TV-Interview versprochen hatte. Wulffs Anwalt bekräftigte am Mittwochnachmittag allerdings, dass die inzwischen mehr als 500 Antworten auf Medienanfragen unter Verschluss blieben - aus rechtlichen Gründen. Die Offenlegung der Anfragen von Journalisten würde deren Recht am eigenen Wort und an dem Schutz ihrer Rechercheergebnisse oder -ziele verletzen, erklärte Lehr. Kanzlerin Angela Merkel bekräftigte am Mittwoch ihre Wertschätzung für Wulff, äußerte aber auch die Erwartung nach weiterer Aufklärung. "Sollte es neue Fragen geben, bin ich davon überzeugt, dass er sie genauso beantworten wird", sagte Merkel.

SPD-Fraktionschef Steinmeier erwartet, dass der niedersächsische Landtag angesichts der immer neuen Vorwürfe in der Affäre um das Staatsoberhaupt einen Untersuchungsausschuss einrichten wird. "Die Debatte ist nicht zu Ende", sagte Steinmeier.

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biwak 11.01.2012
1. "Sollte es neue Fragen geben, bin ich davon überzeugt, dass er sie genauso ....
.... beantworten wird." Zitat Merkel Eine typische Merkel - Aussage. Und in diesem Fall hat sie recht, der Präsident wird sie genau so beantworten wie vorher ...
ratem 11.01.2012
2. Kennen wir doch ...
Zitat von sysopErst war es Sponsoring - dann doch nicht. Der Autor eines wohlmeinenden Wulff-Buches will sich*plötzlich falsch an die*Geldspritze eines Unternehmerfreundes des damaligen Ministerpräsidenten erinnert haben. Die SPD fordert Aufklärung vom Bundespräsidenten. Der weiß von nichts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808442,00.html
... noch (!) weiss er von nichts. Nächste Woche weiss er dann ein kleines bischen. Übernächste Woche war es dann alles ganz anders. Eben wieder "alles Wulffi" ... nichts neues in Wulffenhausen.
hierro 11.01.2012
3. Unverständlich
Zitat von sysopErst war es Sponsoring - dann doch nicht. Der Autor eines wohlmeinenden Wulff-Buches will sich*plötzlich falsch an die*Geldspritze eines Unternehmerfreundes des damaligen Ministerpräsidenten erinnert haben. Die SPD fordert Aufklärung vom Bundespräsidenten. Der weiß von nichts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808442,00.html
Das überrascht doch nicht, dass Herr Wulff auch diesmal nichts weiß und zum ominösen Sachverhalt keine Auskunft geben kann. Wie müssen wir Bürger uns vorkommen, wenn der Bundespräsident so "herumeiert"? Jeder halbwegs seriös handelnde Mensch würde zu solchen Sachverhalten anders reagieren. Herr Wulff, es ist höchste Zeit, dass sie den "Präsidenten-Dampfer" verlassen.
pansen 11.01.2012
4.
Zitat von sysopErst war es Sponsoring - dann doch nicht. Der Autor eines wohlmeinenden Wulff-Buches will sich*plötzlich falsch an die*Geldspritze eines Unternehmerfreundes des damaligen Ministerpräsidenten erinnert haben. Die SPD fordert Aufklärung vom Bundespräsidenten. Der weiß von nichts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808442,00.html
Herrlich der Satz "Man habe "gemeinsam versucht, Herrn Pruys in die Erinnerung zurückzuführen, wie sich die Ereignisse damals abgespielt haben", sagte der Anwalt dem ZDF.".
aspi01 11.01.2012
5. Sturz-Methoden
Zitat von sysopErst war es Sponsoring - dann doch nicht. Der Autor eines wohlmeinenden Wulff-Buches will sich*plötzlich falsch an die*Geldspritze eines Unternehmerfreundes des damaligen Ministerpräsidenten erinnert haben. Die SPD fordert Aufklärung vom Bundespräsidenten. Der weiß von nichts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808442,00.html
Wie stürzt man am besten einen Politiker? Man unterstützt irgendeinen Autor, der gerade ein Buch über den Politiker schreibt, mit Geld. Danach erzählt man es der Presse.
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