Umweltbericht 2000 Mehr Lärm und Beton

Mit "gemischten Gefühlen" zogen Umweltminister Trittin und das Umweltbundesamt ihre "Datenbilanz 2000". Danach nehmen Lärmentwicklung und Flächenverbrauch gravierend zu. Und die Energiekonzerne bleiben zu fortschrittsfeindlich.

Von Holger Kulick


Noch blüht dem Klima nichts Gutes: Bundesumweltminister Jürgen Trittin
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Noch blüht dem Klima nichts Gutes: Bundesumweltminister Jürgen Trittin

Berlin - Zunächst sonnte sich Jürgen Trittin im Gefühl, durch den neuen Umwelt-Zustandsbericht 2000 des Umweltbundesamts in seiner "offensiven Klimaschutzpolitik" bestätigt zu werden. Luft und Wasser seien sauberer geworden. Und die Bundesrepublik habe ihre Auflagen durch das Kyoto-Protokoll zur Verringerung von Treibhausgasen "schon zu über 80 Prozent erfüllt", freute sich Trittin.

Dann aber nutzte er die Gelegenheit, erneut die Stromkonzerne zu attackieren. Er warne davor, "die positiven Effekte der Energiewende" durch die vermehrte Verbrennung von Stein- und Braunkohle in "abgeschriebenen Kraftwerken zunichte zu machen". Das seien zum Teil "alte Mühlen" mit Wirkungsgraden von nur 30 Prozent gegenüber den 90 Prozent, die mit den neuesten Technologien der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) erreicht werden könnten.

Ende des KWK-Streits in Sicht?

In dem strittigen Thema um den Ausbau moderner KWK-Anlagen kündigte Trittin eine weitere Klärung bis zur Kabinettssitzung am 7. März an. Bis dahin wollen Wirtschafts- und Umweltministerium die vorgelegte Selbstverpflichtungserklärung der Stromkonzerne auf ihren "materiellen Gehalt" prüfen. Die sechs größten Energieerzeuger wollen damit ein Gesetz verhindern, dass ihnen den KWK-Ausbau vorschreibt, um den Kohlendioxid-Ausstoß um 23 Millionen Tonnen zu verringern.

Schneeglöcken-Blüte als schlimmes Zeichen

Nicht nur die Uno warne vor den dramatischen Folgen des Klimawandels, mahnte Trittin. Auch in Deutschland zeigten sich bereits die ersten Folgen darin, dass Forsythien und Schneeglöckchen durchschnittlich fünf Tage früher blühten als vor zehn Jahren. Singvögel blieben wegen des milderen Klimas fast einen Monat länger in Europa als 1970.

Schon aus diesen Gründen müssten vor allem die erneuerbaren Energien noch stärker genutzt werden, forderte Trittin. In der Windkraft müsse Deutschland seine "Weltmeisterstellung" weiter ausbauen, ihre Leistung betrage inzwischen 6000 Megawatt. Noch im März solle auch der Bundesrat die so genannte "Biomasseverordnung" verabschieden, über deren Entwurf sich der Minister erst vor Kurzem mit der SPD-Fraktion geeinigt hat. Dabei geht es um die Verbrennung von organischen Stoffen zur Energieerzeugung. Die ursprünglich geplante Einbeziehung von Tierkörpern und Tiermehl sei wieder vom Tisch.

Muttermilch und Trinkwasser immer noch nicht rein

Auch der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Andreas Troge, dämpfte zu große Selbstzufriedenheit in der Umweltpolitik. Für sein Amt sei das Feld "Umwelt und Gesundheit" stärker in den Mittelpunkt gerückt, um Verbraucherinteressen gerechter zu werden. Daher wird die Aufnahme von Schadstoffen durch die Nahrung intensiver untersucht. So wäre Muttermilch immer noch durch Krebs erregende Dioxine und Furane belastet. Ihre Konzentration habe sich allerdings seit 1990 um 60 Prozent reduziert. Auch der Bleigehalt von Trinkwasser in Altbauten sei nach wie vor bedenklich.

Frischbeton mit Umweltfolgen: Startbahnbau auf dem Flughafen Leipzig
AP

Frischbeton mit Umweltfolgen: Startbahnbau auf dem Flughafen Leipzig

Gravierend sei der Raubbau an der Natur durch die zunehmende Flächenversiegelung im Umfang von 200 Fußballfeldern am Tag. Fortschritte, Pkw und Lkw umweltfreundlicher zu machen, würden durch die unaufhaltsame Zunahme des Straßenverkehrs "zunichte gemacht", so Troge. Bis 2010 werde sich das Verkehrsaufkommen in Deutschland sogar noch um weitere 30 Prozent steigern und Straßenlärm das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöhen.

Gesetzesnovelle gegen Fluglärm angemahnt

Dringend erforderlich sei die angekündigte Gesetzesnovelle zur Fluglärmvermeidung, forderte der UBA-Chef. Die Zunahme des Flugverkehrs habe bereits bestehende Regelungen wirkungslos gemacht. So wurden laut der vorgelegten Datensammlung des Umweltbundesamts 1999 auf deutschen Flughäfen 1,84 Millionen Flugbewegungen durchgeführt, davon über 426.000 auf Rhein/Main in Frankfurt. Die Tendenz ist weiter steigend.

Nach Angaben von Jürgen Trittin ist die Fluglärm-Novelle inzwischen "sehr weit in der Ressortabstimmung", aber der Minister ließ sich nicht darauf festlegen, ob das Gesetz noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden kann. Offenbar gibt es dabei Reibungen zwischen mehreren Ministerien. So seien im Zivil-Flugbereich Lösungen einfacher zu finden als im militärischen Sektor, erläuterte Trittin, denn dort seien mit Lärmschutz deutlich höhere Kosten verbunden. Ursprünglich sollte die Novelle auch militärische Flüge beschneiden, aber "die Aufgaben der Landesverteidigung müssen natürlich gewährleistet bleiben", sagte der Umweltminister und deutete damit Differenzen mit dem Verteidigungsministerium an.

Alle Umweltdaten bald im Netz

Ab März 2001 soll der neue Datenband des Umweltbundesamts auch über die Website der Behörde im Internet abrufbar sein.



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