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07. April 2008, 09:42 Uhr

Unicef-Affäre

Hilfsorganisationen für gläsernen Spendentopf

Von Petra Bornhöft

Hilfsorganisationen gehen nach dem Unicef-Skandal in die Offensive: Aus Furcht um das Ansehen und ein Versickern des Spendenstromes in Deutschland verlangen sie mehr Transparenz und Kontrolle der eigenen Branche. Auch Unicef selber gehört zu den Unterzeichnern.

Berlin - Mit einem Neun-Punkte-Plan werben die Hilfsorganisationen in einer Erklärung für "mehr Transparenz". Zu den Unterzeichnern gehören die Welthungerhilfe, Care, Oxfam und World Vision. Für die Arbeit der mehreren hundert Institutionen und Initiativen sollten einheitliche, nachprüfbare Standards geschaffen werden, damit Spender die Möglichkeit bekommen, "etwa die Höhe von Werbe- und Verwaltungsausgaben sowie die Arbeitsschwerpunkte wirklich miteinander zu vergleichen".

Die Kontrolle durch den sogenannten Spenden-TÜV, das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), solle außerdem nicht länger freiwillig, sondern verpflichtend für alle Hilfsorganisationen werden. "So können Spender geschützt und die wenigen unseriösen Organisationen identifiziert werden", hoffen die Autoren.

Bislang prüft das DZI auf Antrag einer Organisation deren Geschäftstätigkeit und erteilt gegebenenfalls ein "Spendensiegel". Dieses begehrte Gütezeichen hatten die Kontrolleure jüngst Unicef entzogen wegen "gravierender Leitungs-, Aufsichts- und Managementfehler". Unicef war zuvor wegen dubioser Honorare und Provisionen in Bedrängnis geraten.

Seit Bekanntwerden der Schlampereien Ende vergangenen Jahres verlor das Kinderhilfswerk 37.000 seiner 200.000 Fördermitglieder und erlitt einen Spendeneinbruch in Höhe von sieben Millionen Euro. Ohne Verwaltung und Werbung allerdings sei die Entwicklungsarbeit nicht vorstellbar, sagt Hans-Joachim Preuß, Generalsekretär der Welthungerhilfe und einer der Initiatoren der Erklärung: "Wir pflegen das Mutter-Teresa-Image, aber das trifft die Wirklichkeit längst nicht mehr, Hilfsorganisationen arbeiten professionell und brauchen externes Expertenwissen", mahnt Preuß mehr Ehrlichkeit in den eigenen Reihen an.

"Unredliche 'Versprechen', wie etwa eine hundertprozentige Mittelweiterleitung in die Projekte sind kritisch zu hinterfragen", heißt es in der Erklärung. Zugleich müsse die Wirtschaftlichkeit der Hilfsorganisationen verbessert werden: "Die soziale Investition muss sich auch rechnen." Dazu sollen gemeinsam mit dem Branchenverband Venro und dem DZI präzise Kriterien entwickelt werden.

Zu den Unterzeichnern gehört auch die krisengeschüttelte Unicef, die am Donnerstag einen neuen Vorstand wählen will. In der Szene der Nicht-Regierungsorganisationen ist der gemeinsame Vorstoß der immerhin 16 nicht-kirchlichen Institutionen ein Novum. Bislang sind sich die Gruppen und Grüppchen meist spinnefeind, da sie auf dem hart umkämpften Spendenmarkt gegeneinander konkurrieren. Auch fürchteten einige die Kritik, Unicef solle mit der Erklärung reingewaschen werden. Dem widerspricht Preuß: "Nur vier von zehn Deutschen spenden, deren Vertrauen müssen wir behalten und wenigstens den fünften Deutschen als Spender hinzugewinnen."

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