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20. Februar 2008, 16:41 Uhr

Unicef-Krise

Hilfswerk sucht Hilfe

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Helfer in Not: Der deutschen Sektion von Unicef ist das Spendensiegel entzogen worden. Jetzt sind prominente Unterstützer des Kinderhilfswerks in Sorge - das Spendeneinkommen droht rapide zu sinken.

Hamburg - Das Gütezeichen, das Millionen einbringen kann, ist nicht sehr groß und auch nicht besonders schön. Zwölf grüne Sterne, kreisförmig um den schwarz gedruckten Schriftzug "dzi" sortiert, darunter ist zu lesen "DZI Spenden-Siegel: Geprüft + Empfohlen". Mit dieser simplen Grafik belohnt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen seriöse Hilfsorganisationen.

Unicef-Prospekte: "Damit hatten wir nicht gerechnet"
DDP

Unicef-Prospekte: "Damit hatten wir nicht gerechnet"

"Ziel des DZI-Spenden-Siegels ist es, Bewusstsein zu schaffen, Vertrauen zu fördern und die Hilfsbereitschaft der Menschen zu erhalten", heißt es dazu etwas hölzern auf der Homepage des 1893 gegründeten Instituts. Um mit dem Helfer-Symbol ausgezeichnet zu werden, müssen sich gemeinnützige Organisationen selbst bewerben und strikte Kriterien erfüllen.

Das Kinderhilfswerk Unicef Deutschland hat eben diesen Ansprüchen nicht mehr genügen können und wurde daher heute aus dem Kreis der 230 Siegel-Bewahrer ausgeschlossen: nach zwölf Jahren. Das deutsche Komitee habe "seit 2005 wahrheitswidrig behauptet, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden" bezahlt zu haben. Es habe auch "gegen den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verstoßen", begründete das DZI seine Entscheidung.

"Dieses Urteil trifft uns hart. Damit hatten wir nicht gerechnet", erklärte der Unicef-Interimsvorsitzende Reinhard Schlagintweit daraufhin. Ehrenamtliche Helfer zeigten sich in einem offenen Brief "verunsichert und ratlos". Die Leiterin der Lübecker Arbeitsgruppe schmiss gemeinsam mit sechs Kollegen sogar gänzlich hin.

Von den 200.000 regelmäßigen Spendern sprangen inzwischen zehn Prozent ab. Und "seit November haben wir sechs Millionen Euro weniger eingenommen als veranschlagt", sagte Unicef-Sprecherin Helga Kuhn SPIEGEL ONLINE. Die Retter in der Not kämpfen nun um das Überleben ihrer eigenen Organisation.

Wie dramatisch die Situation ist, kann kaum einer so gut beurteilen wie der Geschäftsführer von Care Deutschland-Luxemburg, Wolfgang Jamann. Der Organisation war 1994 das DZI-Siegel genommen worden, nachdem sie wegen fragwürdiger Verwendung von Spendengeldern in die Schlagzeilen geraten war.

"Das war eine schwere Zeit für uns. Wir haben damals zwei Drittel der Privatspenden eingebüßt", so Jamann gegenüber SPIEGEL ONLINE. Innerhalb eines Jahres seien die Einnahmen der Gesellschaft von 15 Millionen auf fünf Millionen Mark gesunken. "Wir haben sehr hart daran arbeiten müssen, dass Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen", sagte Jamann.

Wichtig sei zum einen eine tiefgreifende personelle Veränderung gewesen, zum anderen eine konsequente Offenlegung der Finanzen. "Das war entscheidend." Im vergangenen Jahr wurde Care Deutschland-Luxemburg mit dem Transparenzpreis der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers ausgezeichnet, das Spendenvolumen beträgt inzwischen wieder 15 Millionen Euro.

Doch davon ist Unicef noch weit entfernt. "Wir erleben derzeit den absoluten Tiefpunkt der Krise", so ZDF-Moderator Steffen Seibert gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Es steht zu befürchten, dass viele Menschen ihr Vertrauen in Unicef verloren haben. Das Spendenaufkommen wird daher wohl um einige Millionen Euro sinken. Die Situation ist dramatisch und traurig", sagte Seibert, der sich seit fünf Jahren als Repräsentant der Hilfsorganisation engagiert.

Der Journalist will seine ehrenamtliche Tätigkeit jetzt noch verstärken. "Ich gehe in der Krise nicht von Bord, sondern bin von der Arbeit, die Unicef leistet, weiterhin vollkommen überzeugt. Jedoch muss der Laden durchgreifend reformiert werden." Seibert zeigte sich optimistisch, dass das Spendensiegel schon im kommenden Jahr zurückgewonnen werden könne.

Auch Unicef-Chef Schlagintweit trat die Flucht nach vorn an und kündigte an, das DZI-Abzeichen 2009 erneut zu beantragen. "Und ich bin auch sicher, dass wir das dann sofort wiederbekommen werden, so wie wir es in der Vergangenheit ja auch immer gehabt haben." Der Schaden werde dennoch beträchtlich. Das 1953 gegründete deutsche Unicef-Komitee nahm 2006 rund 97,3 Millionen Euro ein, davon 74,1 Millionen aus Spenden.

Das DZI hatte als Hauptgrund für seine Rüge mehrere Provisionszahlungen von Unicef genannt: Die Hilfsorganisation habe von 2004 bis 2007 drei professionelle Spendenwerber - Fundraiser - erfolgsabhängig bezahlt. Bei den jährlichen Prüfungen seit 2005 sei dies bewusst verschwiegen worden. Dies nannte das DZI "besonders schwerwiegend".

Die Prüfer des DZI konnten diese Verstöße erst durch anonyme Hinweise und Medienberichte aufdecken. "Obwohl dem Vorstand von Unicef spätestens seit dem Eingang anonymer Hinweise im Mai 2007 und einer Vorstandssitzung im Juni 2007 die Provisionszahlungen bekannt gewesen sind, erfolgte kein korrigierender Hinweis an das DZI", teilte das Institut mit. Spätere Angaben aus der Unicef-Zentrale in Köln hätten eher zur "Verschleierung" beigetragen.

Hervorgehoben wird in der Liste der Verstöße eine Provisionszahlung von 30.000 Euro. Diese habe Unicef "ohne nachvollziehbare Gegenleistung" einem Fundraiser für die Vermittlung einer Großspende über 500.000 Euro gezahlt. Der Lidl-Konzern hatte die halbe Million seinerzeit locker gemacht.

Nach anhaltender Kritik an Unicef Deutschland wegen des Umgangs mit Spendengeldern waren die Vorsitzende Heide Simonis und der Geschäftsführer Dietrich Garlichs vor einigen Wochen zurückgetreten. Ihre Nachfolger sollen im April gewählt werden. Inzwischen ist jedoch auch die Justiz mit den hilflosen Helfern befasst: Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Garlichs. Laut Behörde besteht ein Anfangsverdacht der Untreue.

mit Material von dpa

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