Unions-Kanzlerkandidat "Die Wunderkerze brennt nicht lange"

Betont gelassen gibt sich die SPD-Spitze nach der Nominierung Stoibers als Kanzlerkandidat der Union. Selbst ein TV-Duell mit seinem Widersacher schließt Bundeskanzler Schröder nicht aus. Im eigenen Lager erhält Stoiber indes auch aus dem Osten volle Unterstützung.


Edmund Stoiber hat jetzt auch die Ost-CDU hinter sich
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Edmund Stoiber hat jetzt auch die Ost-CDU hinter sich

Berlin - Die "erste Euphorie" in der Union nach der Kür Stoibers zum Kanzlerkandidaten werde rasch verfliegen, sagte Schröder am Montag in Berlin. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering unterstrich: "Da brennt eine Wunderkerze ab, aber die brennt nicht sehr lange". Die Union wertete die Aussagen als Beleg dafür, dass Schröder und die Sozialdemokraten hochgradig nervös seien und einen Lagerwahlkampf planten.

Zu Umfragen, wonach die Bürger Stoiber in zentralen Politikbereichen wie Wirtschaft und Bildung mehr Kompetenz zubilligen als dem Kanzler, sagte Schröder, er habe schon einige Auf und Abs erlebt und sei deshalb nicht sonderlich erschreckt. Er schloss ein Fernsehduell mit seinem Herausforderer in der heißen Phase des Wahlkampfes nicht aus. Am Montag hielt sich der Kanzler mit verbalen Angriffen zurück. Noch am Wochenende hatte er Stoiber vorgeworfen, dieser stehe für die Radikalisierung der demokratischen Rechten.

Müntefering rechnet mit einer polarisierten Auseinandersetzung vor der Bundestagswahl am 22. September. Als Schwerpunkte zeichneten sich die Themen Arbeitsmarkt und Konjunktur ab. Der SPD-Generalsekretär hielt Stoiber erneut eine reaktionäre Politik vor, die den sozialen Frieden in Gefahr bringe.

CDU und CSU demonstrieren Geschlossenheit

Nach ihrem Streit über die Wahlkampfstrategie bemühten sich CDU und CSU um Geschlossenheit. Führende Politiker beider Parteien wiesen Sorgen in den Reihen der Christdemokraten über eine mögliche CSU-Dominanz zurück. Sie betonten, Stoibers Nominierung zum Kanzlerkandidaten sei keine Demontage der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel.

Den Zwist über ihre Strategie legte die Union bei: Sie will ihren Wahlkampf von Berlin aus führen. CSU-Generalsekretär Thomas Goppel nahm Aussagen vom Wochenende zurück, wonach je eine Wahlkampfzentrale in München und Berlin eingerichtet werden sollte. Stoibers Schattenkabinett ist nach CSU-Angaben noch nicht aufgestellt. Die Vorsitzende der Jungen Union, Hildegard Müller, erklärte allerdings, Merkel werde dem Schattenkabinett nicht angehören, da sie im Wahlkampf kein bestimmtes Ressort vertreten wolle, sondern die gesamte CDU.

Ost-CDU hinter Stoiber

In einer dpa-Umfrage vom Montag sagte Sachsen-Anhalts CDU-Landeschef Wolfgang Böhmer: "Wir erwarten von ihm, dass er nicht mit 'ruhiger Hand' die Dinge schleifen lässt, sondern mit 'starker Hand' die Probleme anpackt und für den wirtschaftlichen Aufschwung im Osten neue Impulse setzt."

Die Ankündigung Stoibers, im Falle eines Wahlsieges zusätzliche Milliarden für den Aufbau Ost bereitzustellen, fand bei der CDU Sachsen großen Anklang. "Wir sind froh, dass er den Aufbau Ost zu einem Schwerpunkt seines Wahlkampfes machen will", sagte Generalsekretär Hermann Winkler in Dresden. Der Osten brauche jede Hilfe, um den Anschluss an den Westen nicht zu verlieren. "Der Aufbau Ost darf nicht nur zur Chefsache erklärt werden, sondern muss tatsächlich Chefsache sein", sagte Winkler.

Auf die Frage, ob der sächsischen Union die CDU-Bundesvorsitzende Merkel als Kanzlerkandidatin lieber gewesen wäre, sagte Winkler: "Das Thema ist erledigt. Herr Stoiber ist in einem fairen Verfahren bestimmt worden und hat unsere volle Unterstützung."

"Mit Stoiber wird der Aufbau Ost wieder Herzenssache", meinte Eckardt Rehberg, Vorsitzender der CDU Mecklenburg-Vorpommern, des Heimatverbandes von Angela Merkel. Rehberg hatte zunächst Merkel unterstützt, gleichzeitig jedoch betont, sein Landesverband trage jeden Kandidaten mit, auf den sich CDU und CSU einigen. In einem Glückwunschtelegramm an Stoiber schrieb er: "Mit Ausnahme beim noch ausstehenden Rückspiel des FC Hansa Rostock gegen den FC Bayern München verspreche ich Ihnen, dass wir gemeinsam und mit großer Geschlossenheit an einem Strang ziehen werden."

Mit seiner wirtschaftspolitischen Kompetenz könne Stoiber entscheidend dazu beitragen, dass sich die Situation in Ostdeutschland verbessere, sagte der Landesgeschäftsführer der CDU Thüringen, Klaus Zeh. Als Ministerpräsident habe Stoiber in Bayern stets eine vorbildliche Wirtschaftspolitik betrieben. Seine früher geäußerte Kritik an der Ostförderung sei immer nur auf die Effizienz des Mitteleinsatzes gerichtet gewesen, sagte Thüringens CDU-Landeschef Dieter Althaus: "Den Ruf als Ost-Kritiker hat Stoiber, weil er als Ministerpräsident für sein Land eingetreten ist." Dies sei aber für jeden Regierungschef selbstverständlich.

Die Entscheidung für den CSU-Mann als Kanzlerkandidaten nannte Brandenburgs CDU-Landeschef Jörg Schönbohm ein sehr gutes Ergebnis für die Union. Die Befürchtung, dass es unter Stoiber weniger Unterstützung für die neuen Länder geben werde, teile er nicht. Stoiber werde vielmehr neben der Wirtschaft einen Schwerpunkt ausdrücklich auf Ostdeutschland legen. "Stoiber ist ein Patriot, der für die Einheit der Nation war, als Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine an die Einheit nicht mehr glaubten", sagte Schönbohm.

Die CDU-Vorsitzende und Ostdeutsche Angela Merkel hatte am Freitag zu Gunsten des Bayern auf die Kandidatur verzichtet.



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