Unions-Streit über Katherina Reiche Keine Familienpolitik ohne Trauschein

Die Degradierung der ostdeutschen Abgeordneten Katherina Reiche in Stoibers Kompetenzteam gerät für die Union zum schweren Rückschlag. Statt jung und modern erscheint sie wieder altbacken und rückwärtsgewandt.


Ohne Trauschein traut Stoiber ihr nicht: Katherina Reiche
DDP

Ohne Trauschein traut Stoiber ihr nicht: Katherina Reiche

Berlin - Die Frau aus dem Osten ist genervt und fügt sich in ihre Rolle. Kein Kommentar, heißt es nach der Präsidiumssitzung der CDU am Montag in Berlin. Auch nach zweimaligem Nachfragen will Angela Merkel sich nicht äußern zu der internen Diskussion über die Unions-Familienpolitik, die sich an der Person Katherina Reiche entzündete. Auch im Büro der Potsdamer Abgeordneten heißt es: Kein Kommentar. Bis zum Mittwoch zumindest, wenn sie neben so bekannten Unionspolitikern wie Lothar Späth, Friedrich Merz, Annette Schavan und Wolfgang Schäuble in das so genannte Kompetenzteam von Edmund Stoiber berufen wird.

Die Neue sollte ändern, was dem K-Team am häufigsten zum Vorwurf gemacht wird: Dass es alt aussieht. Gehören die bisherigen Kompetenzler schon seit längerem zum engeren Führungskreis der Bürgerlichen, so sollte mit der 28-jährigen Parlamentarierin zum ersten Mal ein neues und junges Gesicht in die Wahlkampftruppe des bayerischen Ministerpräsidenten aufrücken. Mit den Attributen jung, weiblich, ostdeutsch und protestantisch brachte sie alles mit, was dem Team in seiner Aufstellung noch fehlte. Gleichzeitig sollte sie in ihrem Verantwortungsbereich der Familien-, Jugend- und Seniorenpolitik der Union zu einem frischeren Image verhelfen.

Altes Schema

Doch ausgerechnet bei dem Versuch, sich modern zu geben, fällt die Union zurück in ein altes Reiz-Reaktions-Schema. Weil die zurzeit wieder schwangere Mutter einer zweijährigen Tochter nicht verheiratet ist, bedrängten Kirchen und konservative Unionspolitiker den Kanzlerkandidaten: Eine Frau mit einer derartigen Lebensführung, so Reiches Kritiker, könne in einer Partei wie der CDU die Familienpolitik nicht angemessen repräsentieren. Auch ihre zustimmende Haltung zur Forschung an embryonalen Stammzellen stieß auf Misstrauen. Also entzog Stoiber ihr die Zuständigkeit für "Familie" und macht sie zur Beauftragten für "Jugend und Frauen." Die Kandidatin wurde beschädigt, und die Union muss wieder mit sich selbst ringen.

Mit der Entmachtung Reiches vergab die Union auch in den Augen vieler CDU-Politiker die Chance, ihre Familienpolitik zu entrümpeln. Reiche ist nicht am Herd stehen geblieben und für die Erziehung ihrer Tochter zu Hause gebliebe. Sie vereinte Beruf mit Lebenspartner, Tagesmutter und Bundestagsmandat. Während die Union in ihrem Regierungsprogramm die Vereinbarkeit von Beruf und Familie predigt, lebt Reiche ebendies vor. Die Konkurrenz höhnt: Die CDU schickt Frauen eben immer noch am liebsten an den Herd. Kein unwichtiges Detail, denn am 22. September sind mehr Frauen als Männer wahlberechtigt.

"Mit der politischen Degradierung von Katherina Reiche haben sich die Unionsparteien als unverändert erzkonservativ entlarvt. Eine unverheiratet in Partnerschaft lebende Mutter darf allen scheinmodernen Aussagen zu Wahlfreiheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Trotz nicht für Familienpolitik zuständig sein, weil sie den Gang zum Standesamt noch nicht angetreten hat", spottete am Montag die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Karin Junker.

Treue Ostdeutsche an seiner Seite: Merkel und Stoiber
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Treue Ostdeutsche an seiner Seite: Merkel und Stoiber

Die größte Überraschung bei der öffentlichen Beschädigung ihrer Person bietet Frau Reiche selbst. Ohne ein Wort oder Gegenwehr ließ sie ihre Degradierung über sich ergehen und bestärkt damit indirekt die Aussagen der politischen Gegner. Allerdings hatte sich die Potsdamerin, die vor sechs Jahren in die CDU eintrat und in wenigen Tagen 29 Jahre alt wird, bisher keineswegs als Familienpolitikerin profiliert. Sie ist bekannt geworden als erste Frau, die ihr Kind im Bundestag stillte. Politisch engagiert hat sie sich aber vor allem in der Debatte um die Ziele und die Grenzen der Genforschung.

Öffentlich kritisieren will die Entscheidung Stoibers aus der Union niemand. Auch Merkel, die als CDU-Vorsitzende die Modernisierung der CDU-Familienpolitik vorrangetrieben hatte, verkniff sich jeglichen Kommentar. Verärgert haben dürfte Stoiber auch prominente Mitstreiter Reiches. In der Bundestagsdebatte über den Import menschlicher Stammzellen initiierte sie den weitestgehenden Antrag mit, an ihrer Seite waren: Wolfgang Schäuble, Rita Süssmuth und Friedbert Pflüger. Sie trat für den kontrollierten Import embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken ein und plädierte darüber hinaus für eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID).

So hat Stoibers Versuch, mit Reiche weibliche, junge und ostdeutsche Wähler anzusprechen sich ins Gegenteil verkehrt. In der Außenwirkung zeichnet die Union ein Bild, in dem immer noch die alten Kräfte wirken.

Nach politischen Vorbildern befragt hatte Reiche mal erklärt, sie sehe sich auch in der Tradition eines früheren Bewohners ihrer Heimatstadt, obwohl der sich in die entgegengesetzte politische Richtung entwickelte: Der in Luckenwalde geborene Studentenführer Rudi Dutschke sei der größte Sohn der Stadt, sagte sie: "Auch heute müsste man manchen Leuten den Muff austreiben."



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