Unmut bei CDU-Basis in NRW Wo ist eigentlich Röttgen?

In Berlin ist Norbert Röttgen ein Star des Kabinetts: smart, telegen und immer zur Stelle, wenn ein schnelles Statement gefragt ist. Doch in Nordrhein-Westfalen zeigt sich der CDU-Landesvorsitzende viel seltener. Die Grünen ätzen bereits über den "Nebenerwerbs-Oppositionellen".
Umweltminister Röttgen in der Eifel: Heimat neu entdecken

Umweltminister Röttgen in der Eifel: Heimat neu entdecken

Foto: Oliver Berg/ dpa

Es gibt diese Anekdote von Norbert Röttgen, die sich nordrhein-westfälische Sozialdemokraten seit einiger Zeit gerne erzählen: Der Bundesumweltminister und CDU-Landeschef versuchte eines schönen Morgens, seinen Parteifreund Karl-Josef Laumann im Düsseldorfer Arbeitsministerium zu erreichen. Aber dort sitzt längst Guntram Schneider von der SPD - Ex-Amtsinhaber Laumann zog vor vielen Monaten aus. Man wimmelte den Anrufer aus Berlin dann ab.

Noch keine drei Monate ist es her, da wollte Norbert Röttgen noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (NRW) werden. Der 45-Jährige gab sich kämpferisch, drohte der rot-grünen Koalition mit Verfassungsklage und Neuwahlen, bis die atomare Katastrophe von Fukushima auch Tausende Kilometer entfernt Karriereplanungen und Terminpläne durcheinanderwirbelte. Seither ist der Bundesumweltminister Röttgen gefragt wie nie - den CDU-Landeschef hingegen vermissen manche.

"Es war vorher klar, dass er als Bundesminister viel unterwegs sein würde, aber dass er so häufig abwesend ist, kritisieren viele. Das war so nicht erwartet worden", sagt ein langjähriges CDU-Mitglied. "Es ist schon Unmut da, aber noch keine große Welle", so der Christdemokrat, der seinen Namen nicht nennen mochte. "Die Wahl war mit Röttgen auf jemanden gefallen, der immer medial präsent ist, das nutzt uns, dachte die Mehrheit der Partei." Nun fehle manchen das Gegengewicht zur SPD-Ministerpräsidentin in NRW, so der CDUler.

Das schwarze Loch

In der vergangenen Woche wurde das schwarze Loch besonders offenbar. In der Debatte um den rot-grünen Schuldenhaushalt machte CDU-Fraktionschef Laumann eine eher traurige Figur. Der knorrige Westfale versuchte zwar, seine sprachlichen Stolperer mit Vehemenz und Lautstärke auszugleichen, von Röttgenscher Eleganz und intellektueller Schärfe war Laumanns Vortrag jedoch keinesfalls. "Das ist eben real-existierende Landespolitik", höhnte ein Mitglied der CDU-Fraktion.

Rot-Grün freut sich indes über die parlamentarische Schwäche der Opposition. Die CDU habe sich mit Röttgen einen "nebenerwerbstätigen Landesvorsitzenden" ausgesucht, stichelt Grünen-Fraktionschef Reiner Priggen. Röttgen tauche nur noch "ab und zu als Tourist" in der Landespolitik auf. Auch die SPD ätzt: Die CDU habe "keine personelle Alternative zu Hannelore Kraft zu bieten".

Dabei hatte Röttgen beim ersten Parteitag unter seiner Regie im März noch beteuert, er sei bereit "da zu dienen, wo die Partei mich hinstellt". Das schließe die harte Oppositionsbank in Düsseldorf ausdrücklich ein.

Dabei ist es Röttgens Alptraum, im Düsseldorfer Parlament Platz nehmen zu müssen, hat es in der Geschichte der Republik doch noch nie den Chef einer Landtagsfraktion gegeben, der direkt den Sprung ins Kanzleramt schaffte.

Klares Bekenntnis für NRW gefordert

Deshalb forderte der aus Nordrhein-Westfalen stammende Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach, seinen Parteifreund wohl seinerzeit auch auf, sich eindeutig für NRW auszusprechen. "Wenn man Ministerpräsident werden möchte, muss man ein klares Bekenntnis für Düsseldorf abgeben und kann sich nicht verschiedene Optionen offenhalten", so Bosbach.

Inzwischen sieht Bosbach das etwas anders und verteidigt Röttgen gegen Kritik aus den eigenen Reihen, dass dieser nicht häufig genug in NRW sei. "Es gibt dieses Gegrummel", konstatierte Bosbach im "Kölner Stadt-Anzeiger". Doch nach den dramatischen Ereignissen in Fukushima müsse "Norbert Röttgen den Schwerpunkt darauf legen, in Berlin präsent zu sein und sich international abzustimmen". Daraus könne man ihm keinen Vorwurf machen.

"Natürlich hat er momentan eine Mammutaufgabe zu stemmen, aber ich sehe gar nicht, dass er nicht präsent wäre", sagt die Sprecherin der NRW-CDU, Julika Lendvai. "Er macht im Land viel mehr, als er eigentlich schaffen kann." Von Unmut sei in Düsseldorf nichts zu spüren. Röttgens Berliner Ministerium beantwortete eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage vom Freitag bislang nicht.

Sturmfreie Bude

Dafür stellt sich der frühere CDU-Bauminister Lutz Lienenkämper vor seinen Landeschef: "Norbert Röttgen ist viel häufiger in Nordrhein-Westfalen, als das bislang wahrgenommen wird. Im Übrigen nutzt uns natürlich seine starke Stellung in Berlin und seine Medienpräsenz ungemein." Dadurch bleibe der Fraktion und deren Vorsitzendem natürlich auch "viel Raum", den sie "kraftvoll" zu nutzen verstünden. Es klingt ein bisschen nach sturmfreier Bude.

Die CDU hat etwa 160.000 Mitglieder in NRW, in keinem anderen Bundesland sind es mehr. Und obschon Röttgen als Umweltminister derzeit mit den bundespolitischen Großthemen Atomausstieg und Energiewende zu punkten vermag, wagen die geschwächt erscheinenden Christdemokraten im Westen doch keine Fundamentalopposition gegen die rot-grüne Minderheitsregierung und ihr Pannenkabinett. Für Röttgen seien Neuwahlen zum gegenwärtigen Zeitpunkt unpassend, meint Fraktionschef Laumann.

Hinzu kommen wohl auch die schlechten Umfrageergebnisse der CDU.

Wandern in der Eifel

Am Wochenende ließ sich Norbert Röttgen dann doch einmal im Westen blicken. Vor 180 Delegierten trat er in einem Ort namens Oedt auf dem Kreisparteitag der Viersener CDU auf.

Die "Westdeutsche Zeitung" vermeldete anschließend, Röttgen sei erst auf Nachfragen der Delegierten überhaupt auf die Landespolitik zu sprechen gekommen. Vorher habe allein der Umweltminister geredet, über Energieversorgung, den Atomausstieg, Schöpfungsverantwortung und marktwirtschaftliche Effizienz - das große Ganze eben.

Doch weil er schon einmal da war, verabreichte sich Röttgen noch die volle Dröhnung Volksnähe und wanderte öffentlichkeitswirksam als Schirmherr einer Kampagne durch die Eifel. Bezeichnender Name des Projekts: "Mein Naturpark - Heimat neu entdecken".

Mit Material von dpa
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